Nichts für Tussis mit langen Fingernägeln
Sie tragen so quere Künstlernamen wie Sick SignAss, Harley Hot Roll, Missy LaStrange oder Caprica – vereint sind sie allesamt im Roller Derby, einem vor allem in den USA bekannten Vollkontaktsport.
Dabei treten zwei Teams in Rollschuhen gegeneinander an. Beide Mannschaften wollen mit einer sogenannten Jammerin sowie der Unterstützung der eigenen Blockerinnen durch Überrundungen punkten, die Gegenseite versucht dies zu verhindern.
Roller Derby ist also nichts für zartbesaitete Frauen, die Angst um ihre langen Fingernägel haben. Mit Helm, Zahnschutz sowie Schonern bewaffnet wird auf einer flachen, ovalen Rennbahn gerungen und gestossen.
«Es gibt schon mal blaue Flecken. Auch das Steissbein habe ich mir schon geprellt», sagt Caprica.
Science-Fiction-Star auf Rollen
Die Effretikerin lässt es seit zwei Jahren als Rollergirl krachen und heisst eigentlich Antonia Bonfa. Für ihren Namen bediente sie sich bei Caprica-Six, einer fiktiven Figur aus der Science-Fiction-Fernsehserie Battlestar Galactica.
Die 35-Jährige schnürt ihre Rollschuhe für Zürich City Roller Derby, den einzigen Klub im Kanton. Trainiert wird in der Turnhalle Fronwald und im Innenhof des urbanen Zürcher Konsumtempels Puls 5.
Und gezieltes Training ist tatsächlich nötig. Nicht nur wegen des Rollschuhfahrens, sondern auch um das komplexe Regelwerk zu verinnerlichen und sich eine Strategie für die Wettkämpfe zurecht zulegen.
Diese sind immer wieder besondere Ereignisse. Gerade am Wochenende waren die Waliserinnen Riot City Ravens und die Schwedinnen von Norrköping Roller Derby für einen «Bout» – wie der einstündige Wettkampf bezeichnet wird – und die anschliessende gemeinsame Party zu Besuch in Zürich.
Inspiriert wurde Bonfa übrigens von «Whip it», einem amerikanischen «Spassfilm für junge Feministinnen» («Tages-Anzeiger»), in dem es nebst dem Sport auch um Selbstverwirklichung und Identitätsfindung geht.
Die Effretikerin fand hernach bei einem Kurs für Neueinsteigerinnen schnell Gefallen. Zuvor war sie lediglich auf Inline-Skates gestanden, und stellte doch schnell fest. «Das ist viel cooler.»
Alle Geschlechter Willkommen
Und: Um Roller Derby zu bestreiten muss man gar nicht zwingend besonders sportlich sein. «Fortschritte sind schnell möglich. Das Wichtigste ist schlicht Teamfähigkeit», betont Bonfa. Tatsächlich hat sich im Zürcher Verein ein bunter Strauss an Frauen im Alter von 18 bis über 40 zusammengefunden.
«Alle Geschlechter willkommen», heisst es auch auf der Website. In einem Gender-Statement wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch Trans- und Intermenschen ihren festen Platz im Roller Derby finden.
Ihre Rolle finden übrigens auch die Männer – allerdings nur als Schiedsrichter oder Zuschauer.
Vom Sechstagerennen und Showkampf zum Spasssport
Die Ursprünge des Roller Derby liegen in den USA der 1930er und 1940er Jahren. Alles begann als eine Art Sechstagerennen, welches bald zu einem Showkampf, ähnlich dem Wrestling wurde. Anfang der 70er Jahre verschwand das Roller Derby in dieser Form allerdings. Erst 1999 wurde es wiederbelebt. Statt der Vermarktung stand nun der Spass im Vordergrund. 2006 wurden die London Rollergirls als erstes europäisches Team gegründet, 2009 entstanden die Zürich City Roller Girlz, die im letzten Jahr in Zürich City Roller Derby umbenannt wurden. Seit geraumer Zeit hat der Verein mit dem leistungsbasierten AllstarZ und dem BruiseZ sogar zwei Teams.
Am 16. Dezember und 6. Januar finden im Puls 5 in Zürich Try Outs statt, um Roller Derby auszuprobieren.
rollerderby.ch
