Entschlossen durch den Albtraum
Es ist nichts weniger als ein Albtraum für Fabienne Schlumpf. Wann er vorbei sein könnte, scheint völlig offen.
An ein geregeltes Lauftraining kann die Wetzikerin jedenfalls weiterhin nicht denken. «Und niemand kann mir sagen, wann ich dafür bereit bin. Ich probiere es immer wieder ein wenig. Aber so richtig rennen ist das nicht.»
«Manchmal habe ich das Gefühl, wahnsinnig zu werden.»
Fabienne Schlumpf
Stattdessen spult die Steeple-Spezialistin zahlreiche Velo-Einheiten ab. Und dreht ihre Runden im Hallenbad. «Meine Schultern werden breiter und breiter», sagt die 29-Jährige mit einem Anflug von Galgenhumor.
Doch die Spitzensportlerin, die noch in einem kleinen Pensum arbeitet, macht kein Geheimnis daraus: Die schwierige Situation macht ihr zu schaffen. Bisweilen übermannt sie der Frust.
«Es ist ein stetes Auf und Ab, eine Achterbahnfahrt. Manchmal habe ich das Gefühl, wahnsinnig zu werden.»
Man kann Schlumpf gut verstehen. Seit rund zehn Wochen plagt sich die Steeple-Vize-Europameisterin von 2018 mit einer Entzündung im Hüftbeuger herum – nach zuvor schon schwierigen Monaten.
Wie aus einem anderen Leben
Es ist nichts weniger als ein Jahr zum Vergessen für die Oberländerin, die in ihrer Karriere lange Zeit von Verletzungen verschont geblieben war. Lediglich drei Rennen hat sie heuer absolvieren können. Das letzte davon im März.
Das ist lange her. Die Gedanken daran dürften für jemanden wie Schlumpf, die so gerne Wettkämpfe bestreitet, wie Erinnerungen an ein früheres Leben sein.
Warum sie immer wieder verletzt war? Schlumpf hat zahlreiche Abklärungen getroffen, um herauszufinden, was ihren Körper aus der Balance brachte.
Eine einzelne Ursache liess sich allerdings nicht finden. Die Chance war aber auch minim. Allein schon darum, weil sie sich mit verschiedenen Problemen herumschlagen musste.
«Ich möchte mehrere Paar Laufschuhe einpacken, weil ich als Läuferin dabei sein will und nicht als Schwimmerin oder Velofahrerin.»
Fabienne Schlumpf
Erst wurde sie von einem Knochenmarködem im Knie gestoppt, danach von einer Muskelentzündung, ehe eine doppelte Stressfraktur im Fuss dazu führte, dass sie sich Anfang August entschloss, die Saison abzubrechen.
Das Bild der vielen Schuhe
Schlumpf rechnete damals damit, nach rund sechs Wochen wieder ins Lauftraining einsteigen zu können. Mit ihrem Trainer und Freund Michael Rüegg schmiedete sie Pläne.
Durch die hartnäckige Entzündung sind sie allesamt Makulatur geworden. Das Planen hat die Wetzikerin mittlerweile aufgegeben. Es macht keinen Sinn.
Dafür hat sie sich ein Ziel gesetzt. Am 27. Dezember will sie ins Trainingslager nach Portugal reisen.
Nicht einfach nur, um das von ihr vermisste Trainingslager-Feeling in Monte Gordo wieder einmal zu erleben oder wegen den angenehmen Temperaturen. Schlumpf hat ein präzises Bild im Kopf, wie es sein soll.
«Ich will nach Tokio und freue mich auf die Herausforderung, zurück zu alter Stärke zu finden.»
Fabienne Schlumpf
«Ich möchte mehrere Paar Laufschuhe einpacken, weil ich als Läuferin dabei sein will und nicht als Schwimmerin oder Velofahrerin.»
Etwas Zeit hat Schlumpf also, um so zu trainieren, dass eine Reise in den Süden Sinn macht. Abgesehen von den schlechten Tagen, die sie noch immer hat, ist die Steeple-Spezialistin motiviert.
Die Aussicht auf die zweiten Olympischen Spiele der Karriere treiben die grossgewachsene Läuferin an. Ihre Stimme verrät die Entschlossenheit, als sie sagt: «Ich will nach Tokio und freue mich auf die Herausforderung, zurück zu alter Stärke zu finden.»
Schlumpfs Ausgrabungen
Knapp neun Monate bleiben bis zum Grossanlass. «Die Zeit läuft», sagt sie lapidar. Unter Druck setzen lässt sich Schlumpf davon nicht. Sie hat auch keine Angst, nicht rechtzeitig in Form zu kommen.
Ihren Optimismus zieht sie aus dem letzten Jahr. Auch 2018 verlief nicht störungsfrei, doch Schlumpf kämpfte sich rechtzeitig zurück und feierte mit dem Gewinn von EM-Silber ihren bisherigen Karrierehöhepunkt.
«Das gibt mir die Gewissheit, dass wir es schaffen. Wir können planen», sagt sie und meint damit sich und Michael Rüegg.
Was ebenfalls für Schlumpf spricht: Sie ist mit 29 eine sehr erfahrene Athletin. Die Basis ist längst gelegt. «Ich habe in den vergangen Jahren viel trainiert.»
Sagt es und hält einen Moment inne, ehe sie mit einem Lachen anfügt: «Ich muss das alles einfach erst wieder ausgraben.»
