Was es mit dem Anker auf sich hat
Die wichtigste Frage hat er bis zuletzt offengelassen. Jene nach dem Material. Soll er auf neues setzen? Oder dem letztjährigen vertrauen?
In den Wochen auf dem Gletscher in Saas-Fee benutzte Gilles Roulin abwechslungsweise beides, ohne sich gross Gedanken zu machen. «Ich habe es einfach laufen gelassen. Ganz neutral», sagt der Grüninger.
«Es braucht definitiv Glück. Nicht nur, um aufs Podest zu fahren oder gesund zu bleiben, sondern auch, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.»
Gilles Roulin
Nun aber, nach dem Wechsel auf den Kunstschnee, ist für den Markenkollegen von Teamleader Beat Feuz die Zeit gekommen, sich festzulegen, auf welche Kombination aus Ski, Schuhe und Bindung er setzt.
Seit einigen Tagen weilt Roulin in Nordamerika, um sich den letzten Schliff für den Speed-Auftakt im kanadischen Lake Louise zu holen. Die Abfahrt am 30. November ist der Startschuss zu seinem dritten kompletten Weltcup-Winter.
Seine zwei ersten Jahre verliefen unterschiedlich. Als Neuling raste er – auch sich selber überraschend – ins Rampenlicht.
In 16 der 20 Rennen punktete der Oberländer, er feierte seine Olympia-Premiere, und mit Rang 4 in der Abfahrt von Gröden war Roulin nahe am ersten Podiumsplatz.
Der Winter der Bestätigung verlief dann schwieriger. Nicht nur darum, weil er sich im Materialbereich zuerst verrannte, was er als «blöde Situation» bezeichnet, und nun dazu führte, die Materialfrage lange offenzuhalten.
Der tödliche Gleitschirmunfall seines Teamkollegen und Freundes Gian Luca Barandun wenige Wochen vor den ersten Speed-Rennen spielte ebenso eine Rolle wie der Umstand, dass dem akribischen Arbeiter bisweilen die Lockerheit abging.
Schwierig ist interessant
Roulin hat seine Rückschlüsse aus dem letzten Winter gezogen, in dem der 10. Platz am Lauberhorn sein Bestresultat war. Die anspruchsvolle Zeit bezeichnet der Kopfmensch als interessante Phase, die ihm nun helfen soll, den nächsten Schritt zu machen.
«Ich konnte mich verbessern.»
Gilles Roulin
Sein Ansatz ist dabei simpel. «Ich möchte besser werden. An dieser Erwartung messe ich mich.»
Konkret heisst das: Regelmässig in die Top 15 zu fahren, gehört ebenso zu seinen Zielen wie der erste Weltcup-Podestplatz. «Den peile ich auf jeden Fall an», sagt der A-Kader-Athlet, gibt zugleich aber zu bedenken, dass dafür viele Faktoren entscheidend sind – und nicht alle beeinflussbar.
«Es braucht definitiv Glück. Nicht nur, um aufs Podest zu fahren oder gesund zu bleiben, sondern auch, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.»
Roulin hat alles dafür getan, um bereit zu sein, sollte das Glück vorbeischauen. Den intensiven Sommeraufbau konnte er ohne körperliche Rückschläge absolvieren. Er spricht von einer tadellosen Phase und ist überzeugt: «Ich konnte mich verbessern.»
Von den Schneeeinheiten in der Schweiz – der geplante Abstecher nach Chile wurde gestrichen – zieht er ein positives Resümee. Unter dem neuen Speedtrainer Reto Nydegger absolvierten die Schweizer weniger, dafür längere Blöcke.
Eine Premiere, die hilft
Roulin hat weiter an seinen Schwächen beim Gleiten gearbeitet. Ganz besonders aber an jenen beim Start.
Grundlegend neue Ansätze hat er zwar nicht gewählt, aber der Grüninger ist überzeugt, ein paar Sachen gefunden zu haben, die ihm beim Start helfen. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass er beim Abstossen kompakter bleiben muss.
«Es ist das erste Mal wie ein Anker, von dem ich gemerkt habe: Gelingt mir das, ist es wirklich gut, auch wenn ich noch nicht bei jedem Start bei den Leuten bin.»
Der 25-Jährige ist froh, gilt es nach der langen Vorbereitungsphase endlich ernst. Er blickt der Saison mit viel Zuversicht entgegen.
Dass sie keinen Höhepunkt wie eine WM oder Olympische Spiele bereithält, ändert an seiner Herangehensweise nichts, wie er sagt. «Man will ja sowieso in jedem Rennen so gut wie möglich sein.»
