Gian Sutter steckt im Zwischenraum
Die Rampe: riesig. Die Zuschauermassen: gross. Die Atmosphäre: aussergewöhnlich.
Gian Sutter hat letztes Jahr erlebt, wie es sich anfühlt, in Modena vor Tausenden von Schaulustigen durch die Luft zu wirbeln. 30. wurde der junge Pfäffiker damals im Big-Air-Wettbewerb.
Nicolas Laframboise, der Sieger des Big-Air-Weltcups in Modena. (Quelle: youtube)
Am Wochenende machten die Weltcup-Freestyler erneut Halt in der Emilia-Romagna. Sutter aber fehlte. Der 20-Jährige steckt derzeit in der Reha, nachdem er eine im Frühling zugezogene Knieverletzung durch den Sommer geschleppt hatte.
Seit vier Wochen fährt er anstatt wie seine Schweizer Teamkollegen auf dem Gletscher in Saas-Fee zur Physiotherapie nach Zürich. Läuft alles optimal, kehrt Sutter immerhin in wenigen Tagen auch in den Schnee zurück. «Ich bin jedenfalls zuversichtlich.»
Die Krux mit den Plätzen
Dem Anlass in Modena trauert Sutter nicht nach. Er wäre in Italien sowieso nicht gestartet.
Der Snowboarder setzt diesen Winter ausschliesslich auf seine Paradedisziplin Slopestyle. Um für diese in Form zu kommen und das Gefühl auf dem Brett wiederzufinden, hat er viel Zeit. Der Saisonauftakt findet erst Mitte Januar beim Laax Open statt.
«Das Ganze hat mir ziemlich auf die Motivation geschlagen.»
Gian Sutter
Wettkampfmässig könnte der Heimevent zugleich Sutters Highlight auf höchster Ebene sein. Die Ausrichternation erhält jeweils zusätzliche Startplätze.
Sutters Chancen stehen deshalb gut, dass er sein Können in Laax zeigen kann. Ob er danach aber weitere Weltcup-Events bestreiten kann, scheint fraglich.
Die Krux: Sutter hat nicht mehr wie im vergangenen Winter einen persönlichen Startplatz im Weltcup, den er sich durch den Gesamtsieg im Slopestyle-Europacup 2018 gesichert hatte. In der aktuellen Liste des internationalen Ski-Verbandes Fis haben die Schweizer Männer im Slopestyle lediglich einen einzigen Platz.
Erschwerend kommt dazu, dass Sutter «nur» im Pro-Kader steht. Der Pfäffiker muss im Kampf um Weltcup-Starts im Normalfall hinter den drei Nationalmannschaftsfahrern Jonas Bösiger, Nicolas Huber und Moritz Thönen anstehen.
«Das Ganze hat mir ziemlich auf die Motivation geschlagen», sagt er.
«Auf diesen Weg hatte ich keine Lust mehr.»
Gian Sutter
Denn Sutter realisierte letzten Winter, in dem er ausschliesslich im Weltcup unterwegs war und auch erstmals den Sprung an die Elite-WM schaffte: Er kann auf Topniveau mithalten.
Zweimal stiess er im Slopestyle in den Halbfinal vor, am letzten Weltcup auf der Seiser Alm feierte der Snowboard-Profi seine Finalpremiere. «Es war genau die richtige Challenge», blickt Sutter zurück.
«Jetzt aber falle ich dazwischen», sagt er im Bewusstsein, nun wohl zwischen Europacup und Weltcup pendeln zu müssen.
Nicht die Masse an Tricks ist entscheidend
Kurzzeitig spielte Sutter mit dem Gedanken, ausschliesslich auf den Europacup zu fokussieren und dabei zu versuchen, sich erneut einen persönlichen Weltcup-Platz herauszufahren.
«Ich brauche mehr Konstanz.»
Gian Sutter
Doch das wäre aus seiner Sicht ein zu grosses Risiko gewesen. Und mental ist der Oberländer auch nicht bereit dafür. «Auf diesen Weg hatte ich keine Lust mehr.»
Mittlerweile akzeptiert Sutter die Situation. Und versucht, das Beste daraus zu machen.
Statt weit vorauszuplanen und gezielt auf einzelne Wettkämpfe hinzutrainieren, rückt er seine individuelle Entwicklung ins Zentrum. «Ich brauche mehr Konstanz», weiss er. Es geht für ihn nicht darum, Trick um Trick seinem Repertoire hinzuzufügen, sondern jene, die er beherrscht, in jedem Fall abrufen zu können.
Sutter erachtet es in diesem Zusammenhang als positiv, weniger Wettkämpfe als im Vorjahr zu bestreiten. Der Oberländer hat so genug Zeit, intensiv zu trainieren.
Und zwischendurch den Kopf zu lüften, um frei zu fahren und den Spass am Snowboarden nicht zu verlieren. Ohne diesen – daran lässt Sutter keinen Zweifel – ist es ihm gar nicht möglich, gute Leistungen zu zeigen.
