So kehrte Schelling in die World Tour zurück
Das Glück hat lange auf sich warten lassen. Vier Jahre, um genau zu sein. Andere an seiner Stelle hätten längst einen Schlussstrich gezogen. 29 ist Patrick Schelling mittlerweile. Und er macht kein Geheimnis daraus: Eine weitere Saison beim drittklassigen Team Vorarlberg hätte aus sportlichen und finanziellen Gründen kaum mehr Sinn gemacht. «Das wäre es dann wohl gewesen mit meiner Karriere», hält er trocken fest.
Doch Schellings Beharrlichkeit, sein Glaube, «es eigentlich draufzuhaben», zahlten sich aus. Der in Rüti wohnende Toggenburger hat für nächste Saison einen Einjahresvertrag bei der Israel Cycling Academy erhalten. Mit dem Wechsel zum Team des umtriebigen Immobilien-Milliardärs Sylvan Adams gelingen ihm zwei Schritte auf einmal. Das Pro-Continental-Team steigt auf 2020 hin in die Königsklasse
auf, nachdem es die Lizenz des World-Tour-Rennstalls Katusha-Alpecin übernommen hat.
«Den Giro zu fahren, wäre ein Traum.»
Patrick Schelling
Zukünftig ist es nicht mehr auf Wildcards angewiesen, um im Konzert der Grossen mitzuspielen. So steigen auch Patrick Schellings Chancen, an prestigeträchtigen Rennen teilzunehmen. Besonders die dreiwöchigen Rundfahrten reizen ihn. «Den Giro zu fahren, wäre ein Traum.»
Seit seinem Maturaabschluss hat Schelling ausschliesslich aufs Velofahren gesetzt. Und er scheint schnell auf Kurs. 2013 kommt der Bergspezialist bei IAM Cycling unter. Drei Saisons bleibt er beim mittlerweile aufgelösten Waadtländer Team, in Patrick Schellings letztem Jahr ist dieses gar in der World Tour unterwegs.
Der Wahl-Oberländer hat ambivalente Erinnerungen. Die familiäre Atmosphäre gefällt ihm, die man sich bei IAM trotz der Grösse des Teams bewahrt. «Aber ich konnte nie abrufen, wozu ich fähig bin.» Krankheiten und Verletzungen tragen ihren Teil dazu bei. Als er einmal für die Vuelta vorgesehen ist, zieht er sich kurz davor einen Schulterbruch zu.
Wie ein Erstliga-Fussballer
So bestreitet er bei IAM als Helfer überwiegend kleinere Rennen. Solche gehören auch in den Jahren danach zu seinem Alltag. Nur, dass er in seiner Mannschaft nun einer der Älteren unter vielen Jungen, zuletzt gar Captain, ist. «Wenn man die Verantwortung trägt, geht man ein Rennen anders an als Helfer. Ich bin dadurch gereift.»
Schelling ist für das drittklassige Team Vorarlberg im Einsatz. Es ist eine andere Welt. Vor allem, was das Umfeld betrifft. Bisweilen muss er mit dem Privatauto an die Rennen reisen. Es sei ein wenig wie ein Erstliga-Fussballer, zieht Schelling einen Vergleich. «So richtig Profi ist man nicht.» Schelling konzentriert sich dennoch auf seinen Sport, mogelt sich finanziell durch. Auch dank Ersparnissen.
«Ich wurde jedes Jahr leistungsfähiger.»
Patrick Schelling
Eine gute Option, zumindest wieder in der nächsthöheren Stufe Unterschlupf zu finden, bietet sich ihm all die Jahre bis zu diesem Sommer nie. Dabei lieferte Schelling durchaus Argumente. Dreimal beendet er die Österreich-Rundfahrt sowie die Tour of Hainan in China in den Top Ten und wird Gesamt- und Etappensieger an der Tour du Loir.
Schelling realisiert, dass es sportlich aufwärtsgeht. «Ich wurde jedes Jahr leistungsfähiger.» Diese Entwicklung und die Gewissheit, auch auf höherem Niveau mithalten zu können, ist der Motor, der ihn antreibt.
Zum Türöffner werden heuer schliesslich seine Leistungen im Schweizer Nationalteam. Erstmals überhaupt kann Schelling sowohl die Tour de Romandie als auch die Landesrundfahrt bestreiten. Er nützt die Chance im Schaufenster. Der Rütner wird an der Tour de Suisse starker Elfter, daraufhin kontaktiert die Israel Cycling Academy Schellings Agenten. Die Zusage muss innert kürzester Zeit erfolgen – obwohl gewisse Sachen unklar bleiben.
Leutnant für Dan und Ben
Schelling hat auch viele Wochen später nur wenig mehr Informationen über seinen neuen Arbeitgeber mit Sitz in Tel Aviv und Trainingsbasis in Girona. Bisher hatte er nur losen Kontakt zu drei Teammitgliedern. Er weiss nicht einmal mit Sicherheit, wann sein erster offizieller Termin ansteht. Ende November vermutet er. Aus der Ruhe bringen ihn die vielen offenen Fragen allerdings nicht. «Ich lasse es auf mich zukommen.»
«Patrick ist ein Kletterallrounder und kann eine grosse Hilfe für Dan und Ben sein.»
Teammanager Kjell Carlström
Klar ist die Rolle, die die Israeli für den Schweizer vorgesehen haben. Der Rennstall verpflichtete Schelling als weiteren Kletterleutnant für die Leader Dan Martin und Ben Hermans. «Patrick ist ein Kletterallrounder und kann eine grosse Hilfe für Dan und Ben sein», lässt sich Teammanager Kjell Carlström auf dem Facebook-Account der Israeli zitieren.
Schelling kennt den Schweden ebenso wie einige Fahrer. Den Österreicher Matthias Brändle etwa und den Bündner Matteo Badilatti. Das dürfte ihm den Einstieg erleichtern. Der 29-Jährige hofft auf einen weiteren Entwicklungsschub. «Die Zeit als Captain hat mir Spass gemacht», sagt er. «Ich freue mich aber auch, mit all den gemachten Erfahrungen auf meine zweite Chance als Helfer.»
