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Die finnische Antwort auf Baseball

Baseball ist Henri Rheiner viel zu langweilig. Der Brüttner hat sich deshalb der wenig bekannten finnischen Variante Pesäpallo verschrieben. Und: Schon bald nimmt er mit einer Schweizer Auswahl an der WM in Indien teil.

Der Brüttner Henri Rheiner bei einem Run., Beim finnischen Pesäpallo muss der Ball mindestens einen Meter über den Kopf hochgeworfen werden

Foto: Timo Teräväinen

Die finnische Antwort auf Baseball

Eigentlich suchte Henri «Henkka» Rheiner nur den Kontakt zu einer finnischen Community, um die Sprache und Kultur zu pflegen. Der entscheidende Tipp kam da von seiner aus dem nordeuropäischen Land stammenden Mutter. Sie hatte auf Facebook einen Post entdeckt, wo das Pesäpallo-Team von Wintin Hurjat neue Mitspieler suchte.

Pesäpallo – die finnische Spielart des Baseballs (siehe Box) – war dem gebürtigen Brüttner aufgrund seiner Wurzeln natürlich seit der Jugend ein Begriff.

So richtig an­gefixt wurde Rheiner allerdings erst vor rund drei Jahren, als er erstmals in Winterthur auf dem Trainingsfeld stand. «Pesäpallo ist fordernd – physisch und psychisch. Es gibt keine Pausen, jeder muss stets aufmerksam sein», sagt Rheiner.

Wenig übrig hat er hingegen für den grossen Bruder aus den USA – Baseball. «Der Sport ist langweilig – auch für die Zuschauer.» Gerade das Anspruchsvolle von Pesäpallo ist es aber, weshalb die Finnen eine Art Hassliebe zu ihrem Nationalsport entwickelt haben.

Bei der in Finnland nach Eishockey beliebtesten Sportart steht somit die Schlagkraft, sondern die Präzision beim Werfen und Schlagen im Zentrum. Im Vergleich zum Baseball gilt sie deshalb als schneller und taktisch anspruchsvoller.

Gespielt wird im Sommer auf Hinterhöfen sowie Pausenplätzen, und natürlich ist Pesäpallo fester Bestandteil im Turnunterricht der Schulen.

Das Aha-Erlebnis an der WM

Bei Henri Rheiner war es aber Liebe auf den ersten Blick. Vor zwei Jahren reiste er deshalb auch als Fan an die Weltmeisterschaft nach Turku – und wurde überrascht.

Mehrere tausend Zuschauer verfolgten lautstark die Spiele in den Nachwuchskategorien, währenddessen die Stadionränge bei den WM-Partien der ­Erwachsenen fast gänzlich leer blieben.

«Die Finnen traten nur mit der zweiten Garde an», sagt Rheiner. «Die Besten wurden geschont – für sie ist die nationale Meisterschaft schlicht wichtiger.» Natürlich holte das Gastgeberland trotzdem den Titel in allen drei Elite-Wettbewerben (Männer, Frauen, Mixed) – so, wie bisher bei jeder Austragung seit der Einführung im Jahr 1992.

Ende November steht nun bereits die nächste WM auf dem Programm, in der auch Rheiner erstmals mittun wird. Der Brüttner zählt zum Kader des Schweizer Mixed-Teams und ist als Ersatz bei den Männern gemeldet.

Besonders daran: Die Weltmeisterschaft findet zum ersten Mal in Indien statt. «Pesäpallo hat im asiatischen Raum deutlich an Po­pu­larität gewonnen», weiss Rheiner. Überhaupt werden in Pune so viele Nationen wie noch nie an einer WM teilnehmen – angekündigt sind beispielsweise auch Nepal, Bangladesch und Bhutan.

In der Schweiz endete für Rheiner erst kürzlich der Saison-Ligabetrieb mit fünf geschlechtergemischten Teams aus Zürich, Winterthur, Basel, Solothurn und der Ostschweiz. Meister wurde einmal mehr Finnpesis – es war bereits der 13. Titel in Folge für die Solothurner.

Rheiners Team Wintin Hurjat blieb hingegen nur der fünfte und letzte Platz. «Wir haben ein knappes Kader», sagt der 27-Jährige. Beim Finaltag waren sogar drei Spieler ohne jede Pesäpallo-Erfahrung mit dabei.

Nach Spielende in die mobile Sauna

Sowieso geht es für die Spieler bei den wenigen Turniertagen im Jahr um weit mehr als Siege und Niederlagen, sondern um ein Lebensgefühl. Henri Rheiner karrt dafür oft auch seine mietbare mobile Holzofen-Sauna an.

Insbesondere die Heimweh-Finnen werden dann nur mit einem Badetuch bekleidet und biertrinkend vor dem Wohnwagen sitzend fast ein wenig schwermütig.

Mit Präzision statt blosser Schlagkraft
Die 1922 entwickelte finnische Ballsportart Pesäpallo (das Wort Pesä steht für Nest) ist zwar mit Baseball verwandt, das Regelwerk jedoch recht unterschiedlich. Ball und Schläger sind aus anderem Material – gespielt wird ausserdem zumeist auf einer Sandunterlage. Der auffälligste Unterschied ist vor allem die auf ein Rechteck begrenzte Spielfeldgrösse und die ungewöhnliche Anordnung der 30 bis 40 Meter auseinanderliegenden Nester. Der Ball wird nicht wie in der amerikanischen Variante zum Schlagmann geworfen, sondern über einer Abwurfplatte nahezu senkrecht mindestens einen Meter über den Kopf hoch­geworfen – und ist damit leichter zu treffen. Im Unterschied zum Baseball muss der Schlagmann nicht zum Läufer werden, wenn er einen gültigen Schlag erzielt hat, sondern ermöglicht seinen Teamkollegen auf dem Feld einen Weiterlauf. Erst nach dem dritten Schlag wird er als Schlagmann zwangsweise zum Läufer. (dsc)
pesis.ch

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