Immer höher hinaus
Einmal bei Weltklasse Zürich dabei sein, davon träumt wohl jeder Schweizer Leichtathlet. Adrian Kübler hat das zwar noch nicht geschafft. Dafür hat der Wildberger letzte Woche einen kleinen Teil zum Diamond-League-Meeting beigetragen – beim Stabhochspringen der Frauen, der jeweils im Zürcher Hauptbahnhof ausgetragen wird.
«Ich muss abliefern.»
Adrian Kübler
Der 22-Jährige absolvierte da fünf Stunden vor den Frauen einige Probesprünge, um für sie die Anlage zu testen. Er hätte auch ein Duell mit der russischen Siegerin Anschelika Sidorowa (4,87 m) nicht scheuen müssen, liegt sein Bestwert doch bei 5,10 m.
Jetzt ist der Oberländer wieder auf deutlich kleinerer Bühne zurück. Am Wochenende beschliesst er seine Saison mit der U23-SM in Winterthur. Der Wettkampf ist für ihn aus zweierlei Gründen aussergewöhnlich.
Es ist sein letzter in der U23. Dazu findet er auf seiner Heimanlage statt. Da will der Athlet der LV Winterthur seiner Favoritenrolle gerecht werden. Er weiss: «Ich muss abliefern.»
Die Lockerheit kehrt zurück
Kübler ist zuversichtlich. Nachdem der Athlet des Nachwuchs-Nationalkaders diese Saison länger nicht wie erhofft auf Touren gekommen war – er verpasste etwa den anvisierten Sprung an die U23-EM – fand er im August zum Glück zurück.
Am Nationalfeiertag verbesserte Kübler seinen persönlichen Bestwert auf 5,10 m. Damit kletterte er in der nationalen Jahresbestenliste auf Platz 2. Vor anderthalb Wochen gewann Kübler dann an der Elite-SM die Silbermedaille hinter Überflieger Dominik Alberto.
Es war Küblers dritte SM-Medaille bei der Elite. Zuvor hatte er in der U20 zweimal Gold geholt.
«Erst die PB, dann dieser 2. Rang – das gibt mir einen Kick. Jetzt geht wieder etwas», freut sich der Oberländer. «Vielleicht habe ich dadurch die nötige Lockerheit gefunden.»
«Adrian hat wohl noch einige PB’s vor sich. Er muss sich aber auch die nötige Ruhe dafür geben.»
Trainer Patrick Schütz
Allenfalls liegt in dieser Verfassung an der U23-SM eine weitere Verbesserung der PB drin. Und wenn nicht: Der erste Sprung über 5,10 m wird wohl nur aufgeschoben sein. Kübler ist kaum am Ende der Entwicklung.
Trainer Patrick Schütz mag sich zwar nicht auf die Äste herauslassen, wohin der Weg seines Schützlings einst führen könnte. Er attestiert ihm aber viel Potenzial. «Adrian hat wohl noch einige PB’s vor sich», sagt Schütz, «er muss sich aber auch die nötige Ruhe dafür geben.»
Inspiration fern der Heimat
Bis zur Höhe von 4,60 m ging es einst schnell vorwärts, dann verlangsamten sich Küblers Schritte. Schon 2017 überquerte er erstmals 5,01 m – danach aber folgte die lange und mental schwierige Durststrecke, ehe er im August das nächste Plateau erreichte.
«Vielleicht war er zu wenig locker, ‹überhüpfte› geistig auch ein, zwei Stufen», blickt Schütz zurück.
Er ist froh, ist dieser Abschnitt vorbei. Die jüngsten Erfolge sind die Belohnung für Küblers grossen Einsatz und seine Zielstrebigkeit. Der Trainer lobt ihn dafür: «Adrian ist ein höchst motivierter Arbeiter.»
Der junge Athlet ist in einem 70-Prozent-Pensum als kaufmännischer Praktikant in einem Leichtathletik-Geschäft angestellt. So bleibt ihm genügend Zeit für den Sport.
Den vergangenen Winter verbrachte der gelernte Zimmermann bei einer Trainingsgruppe in Australien. Am Morgen besuchte er eine Sprachschule, in der restlichen Zeit stand der Sport im Vordergrund. «Ein anderer Trainer, eine andere Sicht tat gut. Es erweiterte meinen Horizont», sagt Kübler.
Seit er zurück in der Schweiz ist, trainiert der 1,86 m grosse Stabhochspringer wieder sechsmal pro Woche. Kübler ist ambitioniert, das war er schon immer.
«Ich kann so etwas nicht als Ziel nennen, wenn ich nicht in diesen Regionen springe.»
Adrian Kübler
Er verliert dabei die Realität aber nicht aus dem Blickfeld. Natürlich möchte er einst an einem internationalen Grossanlass starten. An der EM 2020 beispielsweise? Die Limite dafür dürfte bei 5,50 m liegen. Doch Kübler winkt ab. Die EM sei für ihn weit weg, sagt er.
«Ich kann so etwas nicht als Ziel nennen, wenn ich nicht in diesen Regionen springe.»
Die Aussage passt zum besonnenen Athleten. Dieser ist laut Trainer Schütz keiner, der grosse Leistungssprünge macht. Dafür zeichnet den Wildberger aus, dass er stabil abrufen kann, was er sich erarbeitet hat.
Schütz sagt: «Adrian steigt auf dem Leiterli stetig nach oben.» Vielleicht so weit, dass er einst bei Weltklasse Zürich mehr als nur Probesprünge macht.
