Darum freut sich Jeannine Gmelin auf das Gedränge
Den finalen Schliff hat sie sich in Kroatien verpasst. Auf dem Jarun-See, einem bei den Einheimischen beliebten Ort, um der Hektik von Zagreb zu entfliehen.
Am Donnerstag reiste Jeannine Gmelin mit ihrem kleinen Privatteam dann weiter nach Österreich. In Linz-Ottensheim steht für die Ustermerin ab Sonntag mit der WM der Saisonhöhepunkt auf dem Programm.
«Es wird eng. Hundertstelsekunden werden entscheiden.»
Jeannine Gmelin
Die Titelkämpfe sind zugleich der Hauptqualifikationswettkampf für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Neun Quotenplätze werden im Frauen-Einer vergeben. Für Gmelin steht die Olympia-Qualifikation an oberster Stelle. «Ein Spaziergang wird das nicht», sagt sie.
Was im ersten Moment nach Koketterie tönt, meint die aktuelle Vizeweltmeisterin und Titelträgerin von 2017 absolut ernst. Weil ihr Leben in den letzten Monaten komplett auf den Kopf gestellt worden ist. Aber auch wegen der Konkurrenz.
39 Boote sind gemeldet. Das Niveau dürfte extrem hoch sein. Die EM auf dem Rotsee lieferte einen Vorgeschmack. Zwischen Siegerin Sanita Puspure und Magdalena Lobnig auf Platz 4 lagen weniger als zwei Sekunden.
Nun stossen weitere starke Ruderinnen dazu – allen voran Emma Twigg. Die neuseeländische Weltmeisterin von 2014 kehrte auf diese Saison hin nach zweijähriger Wettkampfpause zurück und gewann zwei der drei Weltcuprennen.
Gerangel an der Spitze
Das Gedränge um die Medaillenplätze ist überaus gross. Titelverteidigerin Sanita Puspure, Mirka Topinkova Knapkova (Olympiasiegerin 2012), Lokalmatadorin Magdalena Lobnig, Emma Twigg und die Kanadierin Carling Zeeman gehören zu Gmelins härtesten Konkurrentinnen.
«Es wird eng», weiss die Ustermerin. Sie ist überzeugt: «Hundertstelsekunden werden entscheiden.»
Nicht etwa Zweifel schwingen bei dieser Feststellung mit, umso mehr aber Freude. Man merkt: Das Schweizer Aushängeschild fühlt sich durch die Bedingungen herausgefordert. Die WM ist für Gmelin «ein aufregender Wettbewerb».
Sie mag es, sich mit den Besten zu messen. «Das ist das, was ich will.» Von der Goldmedaille als Ziel spricht Gmelin zwar nicht. Doch alles andere wäre eine eigenartige Anspruchshaltung für die Skifferin mit der beispiellosen Leidensfähigkeit, die dem Rudern alles unterordnet.
Nach ihrem 5. Rang an den Olympischen Spielen 2016 stieg Gmelin im Einer zur Dominatorin auf. Über zwei Jahre lang blieb sie unbezwungen. Auch wenn sie an der WM 2018 und der EM 2019 jeweils «nur» Silber gewann, ist die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit noch immer hoch.
«Mein ganzes Setting drehte sich um 180 Grad. Das war am Anfang überwältigend.»
Jeannine Gmelin
Gmelin geht damit gelassen um. Für sie ist das Resultat in Linz nicht die alleinige Währung. Die 29-Jährige will hinterher mit dem Effort zufrieden sein können. Was dabei herauskommt, entspreche dann ihrem aktuellen Leistungsvermögen, sagt Gmelin.
Und eines darf nicht vergessen werden: Die WM ist eine Zwischenstation auf ihrem Weg, an dessen Ende eine Olympiamedaille stehen soll.
Heim-EM als Wendepunkt
Gut für Gmelin, kann sie die WM mit einem positiven Gefühl anpacken. Selbstverständlich ist das nicht.
Die letzten Monate haben die Ustermerin auf den Prüfstand gestellt – als Mensch und Sportlerin. Das Zerwürfnis mit dem Verband hat ihr im Frühling viel von ihrer Leidenschaft und Freude am Rudersport genommen. Der Alleingang in einem Privatteam um Trainer Robin Dowell war die Folge.
Das brachte zwar viele Freiheiten, aber eben auch zahlreiche zusätzliche Aufgaben mit sich. «Mein ganzes Setting drehte sich um 180 Grad. Das war am Anfang überwältigend.»
«Bis kurz vor der EM wusste ich nicht, ob ich die Kurve kriege.»
Jeannine Gmelin
Gmelin legt bei ihren Ausführungen über die schwierige Phase kurze Pausen ein. Es dürfte auch ein Zeichen dafür sein, wie tief ihr das Ganze noch immer geht.
«Bis kurz vor der EM wusste ich nicht, ob ich die Kurve kriege.» Hinzu kamen Rückenprobleme, wegen derer sie ihr Training anpassen musste. «Das war schwierig zu akzeptieren.»
Die Heim-EM auf dem Rotsee Anfang Juni war schliesslich der Wendepunkt. Danach hatte Gmelin keine Zweifel mehr. Sie wusste: «Ich bin auf dem richtigen Weg.»
Die WM setzt nun den Schlusspunkt hinter die aussergewöhnlichen letzten Monate. Danach wird Gmelin die Saison evaluieren und gemeinsam mit Swiss Rowing festlegen, wie es weitergeht.
Ohne dem Prozess vorgreifen zu wollen, ist für sie eines schon klar: «Ich möchte mit Robin Dowell weiterarbeiten.»
