«Ich probiere, im Kopf durchzulüften»
Ihre Saison ist wegen einer Stressfraktur im Fuss zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat. Wie tief sitzt der Frust?
Fabienne Schlumpf: Schon tief. Der grösste Frust aber war nicht die Diagnose. Er war am Samstag nach dem Training. Die Schmerzen waren schlimm. Ich konnte nicht einmal mehr gehen. Da fragte ich mich: Wie soll ich so Rennen bestreiten können?
Im Frühling mussten Sie wegen einem Knochenmarködem im Knie bereits eine längere Laufpause einlegen. Dennoch waren Sie überzeugt, an der WM dabei zu sein. Die Hoffnung ist nun geplatzt. Wie war diese mentale Achterbahnfahrt?
Kräftezehrend. Im Mai stieg ich nach der Verletzung vorsichtig wieder ein. In den letzten Wochen hatte ich mega Freude an der Entwicklung. Es fühlte sich immer mehr wie laufen an. Bis zur WM Ende September schien genügend Zeit zu bleiben. Dennoch sind Michi (ihr Trainer und Lebensgefährte Michael Rüegg – die Red.) und ich im Training ein gewisses Risiko eingegangen. Das ging nicht auf. Ich würde es aber wieder gleich machen.
Verletzungen gehören im Spitzensport zum Berufsrisiko. Wie sehr kann man sich daran gewöhnen?
Ich hoffe gar nicht. Als Sportlerin will ich mich sportlich betätigten, nicht anderen dabei zuschauen. Man kann lernen, mit Verletzungen besser umzugehen. Daran arbeitete ich.
«Es ist ein schmaler Grat, auf dem man sich im Spitzensport bewegt.»
Fabienne Schlumpf
Vor der Saison 2018 kannten Sie grössere Verletzungen nur vom Hörensagen. Seither wurden Sie mehrfach von Ihrem Körper gestoppt. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Nein. Es kann ein Zufall sein. Oder ein Mix aus Dingen. Ich habe beispielsweise letzte Saison die Schuhmarke gewechselt. Um allenfalls an einigen Schrauben zu drehen, geht es für mich in der nächsten Zeit darum, sorgfältig anzuschauen, woran die Probleme gelegen haben könnten.
Wie gehen Sie dabei vor?
Ich werde das Ganze sicher mit einem Sportarzt anschauen. Es gibt einige Bereiche abzuklappern. Die Ernährung etwa. Sie spielt eine wichtige Rolle. Ich muss mich fragen: Fehlt mir etwas? Aber natürlich beleuchte ich auch das Mentale. Ich habe einen Tipp von Selina Büchel (800-m-Läuferin – die Red.) erhalten. Sie kennt eine Art Guru (lacht).
Sie erlitten verschiedenartige Verletzungen. Wäre die Ursachenforschung einfacher, wenn immer derselbe Körperteil betroffen wäre?
Ich weiss nicht, ob das tatsächlich besser wäre. Schliesslich hängt ja alles miteinander zusammen. Es ist ein schmaler Grat, auf dem man sich im Spitzensport bewegt. Wenn es irgendwo zwickt, versucht man zu kompensieren und es ist es schwierig, zurück zur Balance zu finden. Und laufen ist für den Bewegungsapparat sowieso nicht besonders gesund.
Wie lange dauert die Pause?
Ich werde circa drei Wochen gar nichts machen und versuchen, das Leben zu geniessen. Bis ich wieder anfange zu rennen, werden wohl sechs Wochen vergehen. Ich habe null Stress. Im Herbst würde ich zwar gerne Strassenläufe bestreiten. Aber letztlich geht es darum, nicht möglichst schnell, sondern zu hundert Prozent gesund zu werden.
Haben Sie sich auch deshalb entschieden, die Bahnsaison abzuhaken?
Ja. Mit einer konkreten Diagnose und diesem Entscheid kann ich mir einen Plan zurechtlegen. Ich mochte nicht mehr auf die Schnelle etwas Neues hin «jufeln». Ich will jetzt eine Pause und probiere in dieser, im Kopf durchzulüften.
Die WM Ende September hätte ein Testballon für Olympia 2020 sein sollen. Wie stark wirft Sie das verlorene Wettkampfjahr im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio zurück?
Ändern kann ich daran sowieso nichts mehr. Ich kann mich auch gut auf Tokio vorbereiten, ohne in Doha gewesen zu sein. Michi wird ja dort sein und mir Tipps geben können.
«Jetzt gilt es für mich, Richtung Tokio Vollgas zu geben.»
Fabienne Schlumpf
Tokio ist seit langem als Schlusspunkt hinter ihre Steeple-Zeit vorgesehen, danach wollen Sie auf die Marathon-Distanz wechseln. Gilt diese Marschroute weiterhin?
Ja, obwohl wir darüber noch nicht im Detail gesprochen haben. Jetzt gilt es für mich, Richtung Tokio Vollgas zu geben.
Was hilft Ihnen in den kommenden Wochen, die Motivation hoch zu halten?
Ich weiss jetzt, wie die nächste Zeit abläuft. Und ich habe ein Ziel. Sobald ich ein solches habe, hilft mir das extrem, positiv nach vorne zu schauen.
