«Dann ist irgendwann mein linkes Bein taub»
Am Wochenende haben Sie ihren Teamkollegen den Entscheid mitgeteilt, zum Ende der Saison aus gesundheitlichen Gründen zurückzutreten. Wie waren die Reaktionen?
Patrick Müller: Es wurde von ihnen gut aufgenommen. Und sie sind dankbar dafür, dass ich so offen war und es ihnen persönlich kommuniziert habe. Die Emotionen und Reaktionen konnte man an den Gesichtern ablesen. Es war keine einfache Situation für mich. Vorab hatte ich nur den Teammanager informiert.
Der 23-jährige Ustermer Patrick Müller beendet per Saisonende seine Karriere als Radprofi aus gesundheitlichen Gründen. Seit Juniorenzeiten fährt der Schweizer U23-Meister von 2015 mit Schmerzen im linken Bein. Am Ende der letzten Saison wurde er an der Arterie operiert, um die Problematik des schlechten Blutflusses zu beheben. Die Resultate fielen jedoch nicht wie erhofft aus.
Noch Anfang April konnte das Mitglied des RV Wetzikon mit der Volta Limburg Classic (NED) erstmals ein Profirennen für sich entscheiden.
Sprachen Sie mit Teamkollegen über ihre körperlichen Beschwerden?
Ich habe das Problem seit ich 17 Jahre alt bin und habe während dieser Zeit verschiedene Ärzte und Spezialisten auf allen Gebieten gesehen. Ich war immer in Behandlung. Da praktiziert man natürlich etwas Selbstschutz. Wenn man zu viel kommuniziert, beschäftigt man sich zu sehr mit dem Ganzen und kann dann die Leistung nicht mehr bringen.
Bescheid wussten also nur die Familie und engsten Freunde?
Ich habe natürlich einen sehr engen Kontakt mit der Familie. Und mich auch insbesondere mit meinem Bruder ausgetauscht (Reto Müller fährt für das französischen Nachwuchsteam Chambéry Cyclisme Formation– die Red.). Dazu gehört, die Pros und Kontras abzuwägen – auch wenn die Liebe für den Sport noch immer gross ist. Den schwierigen und tief greifenden Entscheid muss am Ende aber allein ich fällen und hernach auch mit den Konsequenzen leben.
Im April vor einem Jahr wurden Sie an der Iliac-Arterie im linken Bein operiert, um die Problematik des schlechten Blutflusses zu beheben. Die erhoffte Besserung blieb also aus?
Leider habe ich schon in den ersten Wochen nach dem Eingriff gemerkt, dass die Schmerzen weiter vorhanden sind. Es ist aber normal, dass der Körper eine gewisse Zeit braucht, um sich zu regenerieren. Ich hatte deshalb die Hoffnung nicht verloren und weitergemacht.
Es blieb aber derselbe Schmerz?
Ja. Der Blutfluss ist nach der Operation zwar besser geworden. Man konnte die Arterien-Richtung also verändern. Aber die Problematik ist wahrscheinlich nicht nur in der Iliac-Arterie, sondern noch weiter unten im Bein zu finden. Und das kann man operativ leider nicht beheben.
Was wäre geschehen, wenn man der Sache schneller auf den Grund gekommen wäre?
Das kann man nicht sagen. Als Sportler beschäftigt man sich nur mit der Realität. Vermutungen anzustellen sind nie gut und machen höchstens unglücklich. Ich tat jedenfalls alles dafür um die körperlichen Beschwerden zu beheben. Ich habe also einen weiten Weg hinter mir.
Behindern Sie die Beinbeschwerden auch im Alltag?
Nein. Wenn ich keinen Hochleistungssport betreibe, habe ich keine Beschwerden. Sie treten nur auf dem Rad unter Belastung auf. Ich gehe also in ein normales Leben und habe keine Beeinträchtigung dadurch. Das ist auch das Positive, was ich mitnehme. Ich hatte einen Teamkollegen, der musste aufgrund eines Herzfehlers mit 19 in seinem ersten Profijahr die Karriere beenden. Er hat jetzt einen Schrittmacher. Das ist eine ganz andere Geschichte, er ist auch sonst eingeschränkt. Deshalb: Ich habe auch viel Glück.
Für Aussenstehende klingt es dennoch surreal. Noch im Frühjahr haben sie ihr erstes Rennen auf Profistufe gewonnen. Ein paar Monate später folgt der Rücktritt – mit gerade mal 23 Jahren.
Es ist halt ein sehr spezifisches Problem. Sehen Sie: Ich wurde in jeder Nachwuchskategorie Schweizer Meister auf der Strasse. Aber ich habe in meiner Karriere kein einziges Zeitfahren gewonnen, obwohl ich die körperlichen Voraussetzungen dafür mitbringe. Die Problematik tritt also beim Zeitfahren, längeren Anstiegen und in Spitzengruppen auf. Sobald ich über längere Zeit die Belastung hochhalten muss, und keine Erholungszeit mehr habe. Dann ist irgendwann mein linkes Bein taub, ich bekomme Schmerzen und spüre meinen Fuss nicht mehr. Und dann geht die Leistung zurück.
Weshalb konnten Sie dann die Limburg Classic – ein Rennen auf immerhin Kontinental-Niveau – für sich entscheiden?
Das Rennen war perfekt auf mich zugeschnitten. Und die Taktik ist aufgegangen. Ich wusste: Bei den kurzen Anstiegen kann ich Vollgas geben. Und in den kurzen Abfahrten hatte ich Zeit, um das Bein zu entlasten.
«Es macht keine Freude, wenn du dein Potenzial nicht abrufen kannst.»
Ein solches Rennen ist also eher die Ausnahme?
Ich denke halt, dank meinem Willen und Talent konnte ich das Handicap etwas kompensieren. Aber ich merkte genauso, dass gewisse Sachen nicht möglich sind. Und dann stehst du an. Es macht keine Freude, wenn du dein Potenzial nicht abrufen kannst. Letztlich ist mir bewusst, dass ich langfristig mit diesen Schmerzen nicht täglich auf diesem Niveau trainieren kann. Von dem her ist es jetzt mit 23 der richtige Zeitpunkt, um einen neuen Weg einzuschlagen.
Ihr Team Vital Concept hat ihnen trotzdem einen besseren Vertrag für die kommende Saison unterbreitet. Sie haben ihn abgelehnt. Weshalb?
Das Wichtigste ist, mit sich ehrlich zu sein. Wenn gewisse Dinge nicht möglich oder nur mit Enttäuschungen verbunden sind. Dann macht es keinen Sinn, um weiterzumachen. Zudem: Ich bin in einem Alter, wo ich umsatteln und in einer anderen Domäne Erfolg haben kann.
Die Saison bestreiten Sie trotzdem noch zu Ende. Was sind die die letzten Höhepunkte?
Ich weiss es noch nicht so genau. Ich habe die letzten paar Wochen gebraucht, mich mit mir auseinanderzusetzen und die Zukunft zu planen. Jetzt im Trainingslager fühle ich mich nicht so schlecht. Grundsätzlich gilt für mich sowieso: Wenn man etwas anfängt, bringt man es auch zu Ende.
Die Gefahr der grossen Leere nach der Profikarriere besteht bei Ihnen also nicht. Sie beginnen ein Studium in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.
Ich habe das Sport-KV gemacht und dann in den letzten zwei Jahre die BMS im Fernstudium gemacht. Jetzt beginne ich an der ZHAW in Winterthur zu studieren. Das ist für mich eine neue Herausforderung, worauf ich mich freue. Und neben dran will ich arbeiten.
Sie kündigten auch an, dem Radsport verbunden zu bleiben. Ist schon etwas konkret?
Ich habe einen jüngeren Bruder, der auf dem Weg zum Profi ist. Ich will ihn natürlich bestmöglich unterstützen und würde mich sehr freuen, wenn er eine Karriere machen könnte. Es ist natürlich schon etwas ein Familienprojekt, wenn alle drei Söhne Velo gefahren sind. Ich habe bereits mit 7 Jahren Rennen bestritten. Der Radsport interessiert unsere ganze Familie ausserordentlich. Wo es mich aber genau hinzieht, kann ich noch nicht sagen.
