Zurück auf der Sonnenseite
Die Zufriedenheit ist Alissa König anzuhören. Das hat seinen guten Grund.
Die Dürntner Triathletin steht an einem ganz anderen Punkt als noch vor wenigen Monaten. Privat, aber auch sportlich. Die beiden Bereiche waren in ihrem Fall lange untrennbar verbunden. Königs Denkweise aber hat sich komplett verändert.
«Ein schlechtes Resultat heisst nicht mehr, dass alles andere ebenfalls schlecht ist.»
Alissa König
«Ich lebe im Moment, mache mir keine grossen Gedanken mehr darüber, was in zwei oder drei Jahren sein könnte», sagt die 23-Jährige.
Und was ebenso wichtig ist: Sie lässt sich von Misserfolgen nicht mehr herunterziehen. «Ein schlechtes Resultat heisst nicht mehr, dass alles andere ebenfalls schlecht ist.»
Über enttäuschende Ergebnisse nachdenken muss König in ihrem letzten U23-Jahr derzeit sowieso nicht. Ihre Zwischenbilanz zur Saisonhälfte fällt überaus positiv aus. «Fast alle Rennen sind nach Wunsch verlaufen.»
«Ich sagte mir: Es ist das letzte Jahr, in dem ich es nochmals probiere.»
Alissa König
Königs vorläufige Höhepunkte: Mitte Juni holte sie mit der Schweizer Mixed-Staffel am Weltcup in Nottingham den 2. Rang. Dadurch festigt die Schweiz im Olympia-Qualifikationsranking ihre Position in den Top 7, die für Tokio 2020 je zwei Quotenplätze bringen würde.
Zuvor lief König am Sprint-Europacup in Dnipro (UKR) auf Platz 7 und erkämpfte sich erstmals SM-Gold in der Elite.
«Es kam alles zusammen»
Nur etwas mehr als ein halbes Jahr ist es her, da stand Königs Laufbahn nach zwei schwierigen Saisons mit zahlreichen Problemen auf der Kippe. Ihr Selbstvertrauen war im Keller, das Ende der Entwicklung schien erreicht.
«Es kam alles zusammen. Das Psychische, die körperliche Anfälligkeit, die Ernährung.»
Bald einmal realisierte sie: Die einzige Chance ist ein kompletter Neustart auf die Saison 2019 hin. «Ich sagte mir: Es ist das letzte Jahr, in dem ich es nochmals probiere.»
König hat keine Mühe, offen und differenziert über diese schwierige Phase zu sprechen.
Wie sie nach langer Ursachenforschung und einem Ärztemarathon dank einer Impfung gesundheitlich deutlich stabiler geworden ist.
Wie sie einen Mentaltrainer beizog, der ihr half, ihre Haltung zu ändern.
Wie sie mit einem Ernährungsberater zusammenarbeitete, um wirklich immer genug «Energie» im Tank zu haben.
Und wie sie lange mit sich ringen musste, bis der Entscheid feststand, ihren langjährigen Trainer Michi Rüegg zu verlassen. Es brauchte viel Mut. «Schliesslich hat er mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe.»
«Ich habe mich definitiv verändert.»
Alissa König
Die junge Oberländerin liess keinen Stein auf dem anderen. Sie zog in eine Athletenwohnung im Nationalen Trainingszentrum in Wallisellen. Seit Januar arbeitet König in einem 20-Prozent-Pensum im Büro. Es ist eine Abwechslung zum Triathlon-Alltag, die sie sehr schätzt.
Nationaltrainer Gordon Crawford ist ihr neuer Coach. Mit ihm hat sie sich schon seit jeher gut verstanden. Er sah in König Potenzial und versprach: «Wir verändern dich und machen eine neue Alissa.»
Der Schotte hat Wort gehalten. «Ich habe mich definitiv verändert. Das hat auch mit Gordon zu tun, der ein sehr gutes Gespür besitzt. Etwa für Komplimente.»
Die neue Trainingsphilosophie mit gesteigerten Umfängen im Laufen und im Radfahren zeigt ebenfalls Wirkung. Königs Stärke auf dem Rad erlaubt ihr nun im Rennen auch eine bessere Laufleistung, da sie nicht im «Überlebensmodus» zur letzten Disziplin starten muss. Lange Zeit war das Laufen Königs Schwachstelle gewesen.
Zweifache Rückendeckung
Die Neuausrichtung hat der Athletin der TG Hütten das für Spitzenleistungen zwingend notwendige Selbstvertrauen zurückgebracht.
Unlängst erhielt sie in diesem Bereich eine weitere Stärkung. Ihr Projekt auf der Crowdfunding-Plattform «I believe in you» war ein Erfolg.
Mit 11 900 Franken übertraf König das anvisierte Sammelziel von 8000 Franken deutlich. Sie kann damit einen Teil ihres rund 30 000 Franken hohen Budgets abdecken. «Fast noch mehr als der finanzielle Support freut mich die moralische Unterstützung, die ich dabei erhielt», sagt sie.
König ist zurück auf der Sonnenseite. Sie kann zuversichtlich Richtung Saisonhöhepunkte blicken.
An der U23-WM in Lausanne Ende August strebt die Dürntnerin einen Platz in den Top Ten an. Danach will sie an der U23-EM in Valencia aufs Podest.
Die EM-Medaille zum Abschluss der U23-Zeit hatte sie schon vor Jahren als Ziel formuliert. König weiss: Das ist ambitioniert. Ihr Gefühl sagt ihr aber auch: «Jetzt ist es realistisch.»
