Darum ist «Mini-Olympia» mehr als ein Test
Grosse Wellen haben die European Games hierzulande im Vorfeld nicht geworfen. Das mag daran liegen, dass einige die Veranstaltung ganz grundsätzlich in Frage stellen. Allenfalls auch an der etwas willkürlich anmutenden Auswahl der Sportarten und dem Verzicht auf etablierte Leichtathletik-Formate. Oder ganz einfach daran, dass die Europaspiele nach 2015 erst zum zweiten Mal über die Bühne gehen.
Die Zahlen aber sind durchaus eindrücklich: 15 verschiedene Sportarten und 23 Disziplinen stehen von Freitag bis übernächsten Sonntag in Minsk auf dem Programm. 1000 Medienschaffende, 4000 Sportlerinnen und Sportler und um die 8000 Volunteer sind in der weissrussischen Hauptstadt im Einsatz.
Der Multisportanlass gilt als eine Art «Olympische Spiele im Kleinen». Für Nils Stump liegt genau darin der Reiz. Der zum 77-köpfigen Schweizer Aufgebot zählende Ustermer Judoka findet es spannend und lehrreich, an einem Grossanlass teilzunehmen.
«Das gibt mir die Chance, mich mit anderen Sportlern auszutauschen und gute Erfahrungen zu sammeln.»
Die Resultate bleiben aus
Im Boxen und Judo steht der sportliche Wert ausser Frage. Da zählen die Europaspiele zugleich als Europameisterschaften. Die Schweizer Judokas haben gute Erinnerungen an die Premiere der European Games. 2015 sicherte sich Ludovic Chammartin in Baku die Bronzemedaille.
Unlängst hat das ambitionierte Schweizer Judoteam allerdings einen argen Dämpfer erhalten. Es muss in Minsk ohne die designierte Teamleaderin und zweifache EM-Dritte Evelyne Tschopp auskommen. Die Baselbieterin erlitt einen Wadenbeinbruch mit zusätzlichen Band- sowie Syndesmose-Bandverletzungen.
«Trotz der fehlenden Resultate gelangen mir ein paar gute Kämpfe.»
Nils Stump
Der Judoclub Uster stellt zwei Judokas. Neben dem in der Kategorie bis 73 kg kämpfenden Nils Stump ist auch Fabienne Kocher (bis 52 kg) selektioniert. Die Riedikerin hat nach einem starken Auftakt ins Jahr zuletzt eine Durststrecke durchgemacht. An ihren letzten fünf Turnieren verlor Kocher jeweils ihren ersten Kampf.
Das ganz grosse Bild im Kopf
Ihr Klubkollege Stump verzeichnete einen ähnlichen Saisonverlauf. Der 22-Jährige begann mit einem 5. Platz in Tel Aviv gut, feierte danach in Portugal gar seinen ersten Weltcup-Sieg. «Der Rest verlief dann aber nicht mehr nach meinen Vorstellungen.»
Stump landete viermal hintereinander ausserhalb der Top 7. Alles schlecht reden will er auf keinen Fall. «Trotz der fehlenden Resultate gelangen mir ein paar gute Kämpfe.»
Mit einem einwöchigen Trainingslager in Italien bereitete Stump sich zuletzt auf seine zweite EM auf Elite-Niveau vor. Den Feinschliff holte er sich am nationalen Leistungszentrum in Brugg. Um bei sechs Trainingstagen pro Woche die Wege möglichst kurz zu halten, lebt Stump in der Aargauer Kleinstadt.
«Mein Ziel ist es, dass es für einen Podestplatz reicht.»
Nils Stump
Der EM blickt er positiv entgegen. «Ich denke, das kommt gut.» Das Mitglied des Schweizer Grand-Slam-Kaders macht aus seinen Ambitionen kein Geheimnis.
«Mein Ziel ist es, dass es für einen Podestplatz reicht.» Er erwartet ein grosses und stark besetztes Feld. Mit der Konkurrenz hat er sich gleichwohl nicht im Detail auseinander gesetzt. Dafür ist Stump nicht der Typ.
Er konzentriert sich auf sich selber. Dabei hat er das grosse Bild im Kopf – die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Es ist nach dem Start am Olympischen Festival der Europäischen Jugend 2003 und der Teilnahme an «Mini-Olympia» in Minsk nur logisch, dass Stump dieses Ziel anpeilt.
Doch der Weg ist anspruchsvoll. Und die EM in diesem Zusammenhang keinesfalls nur ein Testlauf. Ein Top-Resultat würde Stump wichtige Punkte fürs Olympia-Ranking einbringen. In diesem liegt er aktuell auf Platz 43.
Er ist sich bewusst: «Ich muss weiter nach vorne kommen.»
Ein halbes Dutzend Oberländer und ein Experiment
An den European Games in Minsk nehmen 77 Schweizerinnen und Schweizer teil. Ein halbes Dutzend Sportlerinnen und Sportler stammt aus der Region.
Neben den Judokas Nils Stump und Fabienne Kocher sind ab Freitag der Rütner Kunstturner Moreno Kratter, Silvan Conrad (Uster) mit der Schweizer Beachsoccer-Nationalmannschaft sowie die zwei Radfahrer Nico Selenati (Wolfhausen) und Lukas Rüegg (Madetswil) im Einsatz. Das Duo ist für Bahn- und Strassenrennen selektioniert.
«Das ist ein cooler Anlass», sagt Rüegg, der sich einer ausgezeichneten Form erfreut. «Es ist schön, dabei sein zu können.»
Mit einem 21-köpfigen Kader stellt der Leichtathletikverband das grösste Schweizer Aufgebot. Die stärksten Athletinnen und Athleten verzichten allerdings auf einen Einsatz. Ihr Saisonhöhepunkt ist die WM in Doha im Herbst.
Etablierte Leichtathletik-Wettkampfformate sucht man im Programm der Europaspiele vergebens. Anstelle von Einzel- und Staffelwettbewerben findet als Experiment ein Teamwettkampf in Turnierform statt. 24 Nationen nehmen daran teil. (zo)
