Darum muss Fabienne Schlumpf umplanen
Den grössten Frust hat Fabienne Schlumpf längst hinter sich. Jetzt blickt sie wieder zuversichtlich nach vorne.
«Ich habe die Herausforderung angenommen», sagt die Wetzikerin kämpferisch und sinniert: «Es ist zwar mühsam, gehört ein Stück weit aber zu meinem Beruf als Sportlerin. Ich muss da jetzt durch. Und letztlich lernt man in solchen Phasen auch etwas.»
Was ist passiert? Anfang Mai plagten die Steeple-Spezialistin im Training plötzlich Knieschmerzen. Kurz darauf bestätigte sich Schlumpfs Vorahnung, dass für einmal mehr als das übliche «zwicken und zwacken» dahinterstecken könnte.
Ein Knochenmarködem am Knie erforderte einen sofortigen Laufstopp. Es war das schlimmstmögliche Szenario für Schlumpf, die so gerne rennt.
«Was ich letztes Jahr aus einer Verletzung heraus geschafft habe, motiviert mich.»
Fabienne Schlumpf
Gezwungenermassen zog die 28-Jährige in den letzten Wochen im Schwimmbecken ihre Bahnen und strampelte auf dem Velo.
Das verschaffte ihr zwar längst nicht dieselbe Befriedigung wie das Laufen. Schlumpf sagt, gefolgt von einem Lachen: «Fit bin ich aber.»
Den vorgesehenen Höhenblock liess Schlumpf sausen. Sie verzichtete auch darauf, ihre Verletzung zu kommunizieren.
Zwischenzeitlich verbrachte sie vier Tage im Engadin – ihrer zweiten Heimat, wie sie sagt. «Aber nur, um den Kopf zu lüften.»
Aufgrund der Verletzung musste sie mit ihrem Trainer und Freund Michi Rüegg auch die auf die Weltmeisterschaften in Doha Ende September ausgerichtete Planung komplett überarbeiten.
Wenn Erinnerungen helfen
Für Fabienne Schlumpf ist es das zweite Jahr in Folge, in dem sie sich Widrigkeiten ausgesetzt sieht. 2018 zwang sie erst eine Sehnenentzündung am Fuss zur Laufpause, später behinderten sie muskuläre Probleme im Oberschenkel.
Ihr mutig formuliertes Ziel, eine EM-Medaille im Steeple gewinnen zu wollen, war ernsthaft gefährdet.
«Alles verlief holprig. Aus den Socken haut mich das nicht.»
Fabienne Schlumpf
Doch Schlumpf kämpfte sich zurück. Sie stürmte in Berlin zur Silbermedaille und legte später an der Cross-EM mit der nächsten Silbermedaille nach.
Die Erfahrungen, vor allem aber auch die Erinnerungen an diese Erfolge helfen ihr jetzt. «Was ich letztes Jahr aus einer Verletzung heraus geschafft habe, motiviert mich.»
Schon vor der bitteren Diagnose im Mai hatte Schlumpf einige Dämpfer hinzunehmen.
Den angepeilten Schweizer Rekord über 10 km verpasste sie. Der Halbmarathon in Den Haag fiel einer Sturmwarnung zum Opfer, und das im April vorgesehene Marathon-Debüt musste sie wegen zweier grosser Blasen an der Fusssohle absagen.
Schlumpfs Fazit über die erste Saisonhälfte fällt deshalb trotz lange Zeit ideal verlaufenen Trainings wenig überraschend aus. «Der Wurm war drin. Alles verlief holprig», sagt sie, um klarzumachen: «Aus den Socken haut mich das nicht.»
Die lange Saison als Plus
In der vergangenen Woche begann die grossgewachsene Athletin der TG Hütten vorsichtig wieder mit Lauftraining. «Wobei rennen kann man das noch nicht nennen», schränkt sie ein.
Schlumpf hofft, bis spätestens im Juli zu einem guten Laufgefühl zurückgefunden zu haben. Sie plangt darauf, endlich wieder Rennen bestreiten zu können. Erst drei hat die Wetzikerin absolviert.
Das ist im Vergleich zu den Vorjahren wenig. Unter Druck ist sie dadurch allerdings nicht. Die wegen der erst Ende September angesetzten WM ungewohnt lange Saison kommt ihr entgegen. Schlumpf hat genügend Zeit, in Form zu kommen.
Ihr Wiedereinstieg ist beim Europacup in London am 6. Juli vorgesehen. Der Wettkampf über 10 000 m liegt ebenso wie der eine Woche später auf dem Programm stehende Test über 5000 m in Belgien zwischen zwei Höhenblöcken im Engadin.
Die Team-EM (10./11. August) in Bydgoszcz sieht Schlumpf als ersten Höhepunkt. In Polen ist gar ein Doppelstart über 5000 m und 3000 m Steeple möglich.
Danach steht endgültig wieder ihre Spezialdisziplin im Mittelpunkt. An einem, allenfalls zwei Diamond-League-Meetings will sich Schlumpf den Feinschliff für die WM holen.
Die Qualifikationshürde liegt bei 9:40 Minuten, Schlumpfs Bestwert ist derweil 9:21,65 Minuten.
«Man muss sie trotzdem zuerst erfüllen», sagt Schlumpf zur WM-Limite. Sie bestreitet aber nicht: Die Selektionshürde stellt eine Pflichtaufgabe dar.
Die Kür soll dann in Doha folgen.
