Der Unaufgeregte auf der grossen Bühne
203 Seiten dick ist das Statistik-Dokument der Tour de Suisse. Kein Wunder, fand die erste Auflage der Landesrundfahrt doch bereits 1933 statt. Allein die Auflistung aller je gestarteten Fahrer umfasst 29 Seiten. Sie endet mit Rekordteilnehmer Albert Zweifel. 16-mal war der Rütner zwischen 1973 und 1988 dabei. Die nächste Ausgabe wird einen weiteren Zürcher Oberländer aufzählen: Gian Friesecke.
«Ich habe extrem viele Rückmeldungen erhalten. Erst da ist mir so richtig bewusst geworden, welch hohen Stellenwert das Rennen besitzt.»
Gian Friesecke
Der aus Schalchen stammende Allrounder ist Teil des siebenköpfigen Schweizer Nationalteams, das heute in einer Woche die Tour de Suisse in Angriff nimmt. «Dabei zu sein bedeutet mir megaviel.» Frieseckes Vorfreude ist gross. Er gibt allerdings zu, «ich spüre auch bereits eine gewisse Anspannung». Der 24-Jährige ist erstaunt, welch enormes Echo sein Aufgebot auslöste. «Ich habe extrem viele Rückmeldungen erhalten. Erst da ist mir so richtig bewusst geworden, welch hohen Stellenwert das Rennen besitzt.»
«Weiss nicht, wo ich stehe»
Zum zweiten Mal nach der Tour de Romandie diesen Frühling wird eine Schweizer Landesrundfahrt zur grossen Plattform für junge einheimische Athleten, die sich noch nicht bei einem Top-Team etabliert haben. Wie Friesecke.
Der Oberländer fährt aktuell für das Continentalteam Swiss Racing Academy. Er bestreitet hauptsächlich Rennen der dritthöchsten Kategorie. Zwar absolvierte Friesecke mit der Österreich-Rundfahrt und der Tour of Hainan in China bereits je zweimal besser eingestufte Mehrtages-Rennen. Und realisierte da: «Ich kann mithalten.» Die Frage beschäftigt ihn trotzdem, wie gross nun der Schritt aufs World-Tour-Niveau ist. Friesecke sagt, er könne das Ganze nur schwer einschätzen. «Ich weiss nicht, wo ich stehe.»
An der viertgrössten Landesrundfahrt der Welt misst er sich mit Stars wie Geraint Thomas (Tour-de-France-Sieger 2018) oder dem dreifachen Weltmeister Peter Sagan. Zudem ist die 83. Ausgabe der Tour de Suisse mit einer Länge von 1172,7 Kilometern und fast 19’000 Höhenmeter anspruchsvoll. Friesecke ist dennoch überzeugt, der Aufgabe gewachsen zu sein. Angst hat er keine, «aber Respekt». Und er weiss: «Es wird in jedem Fall sehr hart.»
Ohne Träumereien ins Schaufenster
Der als Sportlicher Leiter des Nationalteams fungierende Marcello Albasini hofft, dass seine Fahrer Akzente setzen und ihr Potenzial ausschöpfen. Friesecke hat besonders das Einzel-Zeitfahren zum Auftakt im Blickfeld. In den weiteren Etappen möchte er so häufig wie möglich positiv auffallen. «Primär ist es eine Chance zu zeigen, was ich kann.»
Friesecke gibt sich unaufgeregt. Welchen Einfluss gute Leistungen auf seine sportliche Zukunft haben könnten, will er sich nicht ausmalen. Er verzichtet auf Träumereien. «Ich fahre nicht mit dem Ansporn Rennen, unbedingt Veloprofi zu werden, sondern um gut abzuschneiden.»
Weil der enge Rennplan gar nichts anderes zulässt, konzentriert er sich momentan aufs Velofahren. Im Winter aber arbeitete Friesecke in einem 70-Prozent-Pensum. Mit dem Verlauf der Saison kann der Oberländer zufrieden sein. Er sagt aber auch: «Noch fehlt ein herausragendes internationales Resultat.»
Was wäre das für eine Geschichte, würde ihm dieses ausgerechnet an der Tour de Suisse gelingen. Denn eine grössere Bühne bietet sich Friesecke dieses Jahr nicht mehr.
