Ein ganzes Leben in wenigen Tagen
Der Augenblick, der Isabelle Pulver tagelang in eine andere Welt entschwinden lässt, rückt immer näher. Am Dienstag ist es soweit. Um 12.00 Uhr Ortszeit nimmt die Wetzikerin ihr nächstes grosses Abenteuer in Angriff.
Zum zweiten Mal bestreitet die 48-Jährige das Race Across America (RAAM) – das wohl härteste Radrennen der Welt. Es ist 30 Prozent länger als die Tour de France. Und notabene ohne Ruhetage, wie sie die Grand Boucle kennt, die Jahr für Jahr die Radsportfans in ihren Bann zieht.
Pulver wird wie sieben andere Solofahrerinnen fast nonstop auf dem Rennvelo sitzen. Zwischen dem Start an der West- und dem Ziel an der Ostküste der USA warten auf sie rund 4800 km mit über 53’000 Höhenmeter.
«Die Vorfreude ist riesig.»
Isabelle Pulver
Zwölf Staaten muss die Ultracycling-Spezialistin durchqueren. Zwölf Tage und 21 Stunden hat sie dabei Zeit, um von Oceanside in Kalifornien bis nach Annapolis in Maryland zu kommen.
Pulver ist sich im Klaren: Sie wird körperlich und mental an ihre Grenzen geraten. Sie sagt trotzdem: «Die Vorfreude ist riesig.»
Grenzerfahrungen auf dem Radar
Seit November steckt die mittlerweile im Kanton Bern lebende Oberländerin in den unmittelbaren Vorbereitungen aufs RAAM. Anfang Juni ist sie in den USA eingetroffen, hat in Oceanside einen Augenschein genommen, ehe sie für die letzten Trainingstage landeinwärts nach Palm Springs reiste.
Pulver weiss genau, worauf sie sich einlässt. Sie ist sich höchste Belastungen gewohnt. An intensiven Tagen spult sie im Training bis zu 300 km ab.
Zahlreiche Nonstop-Radrennen mit Distanzen zwischen 800 km und 2200 km hat die 48-Jährige schon bestritten. Schrittweise tastete sie sich über Jahre an ihre RAAM-Premiere 2015 heran.
Damals fragte sie sich im Vorfeld, ob sie es überhaupt schaffen würde, innerhalb der Zeitlimite zu bleiben. Nur um ihrer eigenen Marschtabelle dann davonzufahren und als erste Solofahrerin im Ziel einzutreffen.
«Ich möchte meine damalige Zeit unterbieten.»
Isabelle Pulver
10 Tage, 21 Stunden und 7 Minuten brauchte die Wetzikerin bei ihrem grossen Erfolg. Ihr Anspruch jetzt: «Ich möchte meine damalige Zeit unterbieten.»
Es ist aber nicht ihr eigentlicher Beweggrund, das RAAM erneut zu bestreiten. Die Physiotherapeutin sagt, es gehe ihr darum, Grenzen kennen zu lernen und Limiten zu verschieben.
Ultracycling ist ein Teamsport
Pulver dürfte wieder reichlich Gelegenheiten dazu erhalten. Ob Hitze, Kälte, die Müdigkeit, steile Anstiege, kilometerlange schnurgerade Strassen, die Einsamkeit oder das Fahren in der Nacht, wo einzig das Begleitfahrzeug für etwas Licht sorgt – die Herausforderungen sind zahlreich.
Auch wenn Pulver als Athletin im Fokus steht, ist Ultracycling letztlich ein Teamsport. Eine zehnköpfige Crew umsorgt die Oberländerin.
Das Team ist beispielsweise für die Navigation, das Material, die Verpflegung, aber auch für moralische Unterstützung zuständig. Die Bandbreite an Gefühlen dürfte bei Pulver während des Rennens extrem gross sein.
Oder wie sie nach ihrer RAAM-Feuertaufe vor vier Jahren festhielt: «Was ich hier durchmachte, ist ein ganzes Leben in komprimierter Form.»
