Neubeginn in der Heimat
Die französische Handynummer behält Reto Müller vorerst. Seine Zelte im Nachbarland hat das Mitglied der Schweizer U-23-Nationalmannschaft nach etwas weniger als eineinhalb Jahren gleichwohl abgebrochen.
Er wechselt per sofort vom französischen Nachwuchsteam «Chambéry Cyclisme Formation» (CCF) zur Continental-Equipe Swiss Racing Academy.
«Es war eine gute Zeit», sagt er, «ich merkte aber auch, dass ich mein Umfeld in der Schweiz als Halt brauche.»
Der Ustermer ist vom knapp 90 km von Genf entfernt gelegenen Chambéry in die Schweiz zurück gezogen. Mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Patrick wohnt er nun in Beringen.
Der Radsport dürfte daheim ein dominierendes Thema sein. Patrick Müller steht beim Procontinental-Team Vital Concept unter Vertrag. Er hat den Schritt zu den Profis geschafft, den auch Reto anstrebt.
Vorerst gilt es für ihn aber, die Zeit in der U23 möglichst gut zu nutzen. Das Team CCF schien ihm dafür die beste Option zu sein.
«Ohne Studium wäre ich verloren gewesen.»
Reto Müller
Der sportlichen Perspektiven wegen. CCF arbeitet mit der World-Tour-Mannschaft AG2R zusammen und hat mittlerweile 23 Profis herausgebracht. Zudem gehört es beim 2001 gegründeten und in Chambéry angesiedelten Projekt zum Konzept, dass die Fahrer eine Ausbildung absolvieren.
Der Irrglaube
Müller konnte sein Wirtschaftsstudium an einer Fernuniversität nach seinem Wechsel zu CCF weiterführen. Zum Glück.
Es gab seinem Tag eine Struktur, lenkte ihn davon ab, als er in den vergangenen Monaten sehr viel weniger auf dem Velo sitzen konnte als geplant. «Ohne Studium wäre ich verloren gewesen», wählt er drastische Worte.
Müller hat eine sportlich schwierige Zeit hinter sich. Eine von grosser Unsicherheit geprägte Phase, die in ihm den Entschluss reifen liess: Eine Veränderung muss her.
Bei CCF lief es dem Ustermer praktisch von Anfang an nicht so wie erhofft. «Ich konnte nie das abrufen, was ich mir zutraue.»
Lange glaubten er und die Verantwortlichen, es liege an Umstellungen im Trainingsbereich. Doch als Müller letzten August an der Tour Alsace in der 3. Etappe nach nur zehn Fahrminuten dem Tempo des Feldes nicht mehr folgen konnte, war klar, dass die Probleme tiefer liegen müssen.
«Ich brauche dafür ein Team, das an mich glaubt. Und muss mir sicher sein, in diesem meine Leistung abrufen zu können.»
Reto Müller
Tatsächlich: Bei Müller wurde Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert. Das lässt in der Nachbetrachtung die ausbleibenden Resultate in einem anderen Licht erscheinen.
Ein vierwöchiges Sportverbot sowie das vorzeitige Saisonende waren die Folge der Krankheit. Ab November trainierte der Ustermer wieder strukturiert. Und der Winteraufbau weckte in ihm Hoffnungen auf eine gute Saison 2019.
Aber Müller wurde erneut gestoppt. Schon im zweiten Rennen Ende Februar musste er aussteigen – wegen Schmerzen im linken Knie.
Erst eine neunwöchige Achterbahnfahrt voller Lichtblicke und Rückschläge später fand ein Kniechirurg die Ursache für die Schmerzen heraus – eine entzündete Schleimhautfalte.
Auch 2020 im Blickfeld
Beinahe ein Monat ist seit der erfolgreich verlaufenen Operation vergangen. Der Wiedereinstieg geht in kleinen Schritten voran. «Ich bin froh, zurück auf dem Velo zu sein. Es zog sich alles sehr lange hin.»
Müller hat die Zeit genutzt, um seine Zukunft zu klären. Er hat dabei auch ans Jahr 2020 gedacht – es ist sein letztes in der U23.
«Ich brauche dafür ein Team, das an mich glaubt. Und muss mir sicher sein, in diesem meine Leistung abrufen zu können.» Müller ist überzeugt, in der Swiss Racing Academy fündig geworden zu sein. Er kennt bereits einige Fahrer, das erleichtert die Integration mitten in der Saison.
Der ehemalige Profi Pirmin Lang ist einer der Co-Gründer des seit 2018 bestehenden Teams, das als Verein organisiert ist. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, junge Schweizer an den Profibereich heranzuführen.
Müller sagt: «Die Swiss Racing Academy ist ein cooles Projekt, das nun Fahrt aufnimmt.»
Letzteres hat auch er selber im Sinn. Läuft alles perfekt, feiert der Ustermer sein Comeback Ende Juni an den Schweizer Meisterschaften. «Ich werde dann aber kaum in Superform sein», mutmasst Müller.
Er dürfte es für einmal verschmerzen können.
