Wo sich Müllers Fortschritte zeigen
Zuoberst steht André Greipel. Der deutsche Sprinter ist mit 156 Siegen die Nummer 1 unter den aktiven Profis.
Hubert Dupont findet man derweil ganz unten in dieser Wertung. Der Franzose steht im 11. Jahr beim World Tour Team AG2R La Mondiale unter Vertrag. 23-mal hat er an einer der drei grossen Landesrundfahrten teilgenommen – ein beeindruckender Wert.
«Auch der 2. Platz wäre in Ordnung gewesen.»
Patrick Müller
Mit 38 ist Dupont allerdings auch der älteste Fahrer, der noch nie einen Sieg bei den Profis feierte.
Die Sorge, diesem vielleicht ebenfalls bis ins hohe Radfahreralter nachjagen zu müssen, ist Patrick Müller bereits los. Der für das bretonische Pro Continental Team Vital Concept fahrende Ustermer hat im zweiten Profijahr seine Siegpremiere gefeiert.
Anfang April erwischte Müller an der Volta Limburg Classic in Holland einen hervorragenden Tag, «wie man ihn nicht so oft hat».
«Wenn man eine Klasse überspringt, passt man sich einfach den Älteren an.»
Patrick Müller
In einem lang gezogenen Sprint brachte der 23-Jährige auf den letzten Metern sein Vorderrad knapp an jenem des Franzosen Justin Jules vorbei. Ein paar Millimeter oder umgerechnet zwei Tausendstel lag er nach der Auswertung des Zielfilms vorne.
Trotz aller Freude über den Triumph sagt Müller: «Auch der 2. Platz wäre in Ordnung gewesen.» Die Erklärung liefert er gleich mit: «Ich war vor allem glücklich mit meiner Leistung.»
Mehr als ein Lehrling
Vor der Saison hatte das Mitglied des Schweizer A-Kaders seine Ambitionen angemeldet. Er wollte nicht nur der Lehrling sein, der sein Profil weiter schärft, sondern bei passenden Gelegenheiten selber zuschlagen.
Die Haltung ist für ihn nichts als logisch. «Wann man Veloprofi ist, möchte man gute Resultate erzielen.»
Genau das ist Müller in den ersten vier Monaten der Saison gelungen. Neben dem Sieg in Holland stechen die Ergebnisse an der Sarthe-Rundfahrt heraus.
Müller beendete das über vier Etappen führende französische Rennen auf dem 4. Platz. Die Nachwuchswertung entschied der mit 1,92 m grossgewachsene Allrounder gar für sich.
Müllers Schulvergleich
Erstmals überhaupt startete Müller an Rundfahrten der höchsten Stufe. Im März etwa am achttägigen Rennen Paris–Nizza. Zuletzt an der Tour de Romandie.
«Die Pyramide wird oben schmaler, die Unterschiede zwischen den Fahrern kleiner», sagt er dazu. «Es ist aber wie in der Schule. Wenn man eine Klasse überspringt, passt man sich einfach den Älteren an.»
Müller scheint das gut gelungen zu sein. Er habe weitere Fortschritte erzielt, findet er und sagt: «Richtig bemerkbar machen sich diese in tieferklassigen Rennen.»
«Es war aber auch wichtig, an die Grenze zu kommen, um zu sehen, was überhaupt möglich ist.»
Patrick Müller
Die gute Form hat ihn im Frühjahr weit getragen. Während den Ardennenklassikern aber erkrankte er leicht. Ende April bei Lüttich–Bastogne–Lüttich stieg er vorzeitig aus.
Auch die mit der Schweizer Nationalmannschaft bestrittene Tour de Romandie musste er in der 4. Etappe aufgeben. Müller hatte sich enorm darauf gefreut, in der Schweiz fahren zu können. «Wir generierten viel Aufmerksamkeit. Die ganze Mannschaft performte super – ausser ich.»
Wichtige Grenzerfahrungen
Überraschend kam das nicht. Müllers Tank war schlicht leer. Es gelang ihm nach dem anstrengenden Programm nicht mehr, den für einen Wettkampf nötigen Spannungsbogen aufzubauen.
Von 125 Tagen verbrachte er zuletzt deren 80 im Ausland. 23 Flüge kamen zusammen, fast 5000 km Rennkilometer sammelte er. Das sind erheblich mehr als zum selben Zeitpunkt im Vorjahr. Dazu kommen rund 12 000 Trainingskilometer.
Momentan atmet der 23-Jährige einige Tage in der Heimat durch. «Ich bin froh um die Pause. Es war aber auch wichtig, an die Grenze zu kommen, um zu sehen, was überhaupt möglich ist.»
Ende Mai nimmt er den bis Ende Juli dauernden nächsten Block in Angriff. Bei der Tour de l’Ain steigt Müller wieder ins Wettkampfgeschehen ein.
«Patrick ist ein Neuling, der schnell lernt.»
Website Vital Concept
Gelingt der Formaufbau wie geplant, dürfte er ab dem 9. Juni am Critérium du Dauphiné im Einsatz sein. Die Rundfahrt gilt neben der sechs Tage später beginnenden Tour de Suisse als wichtigstes Vorbereitungsrennen auf die Tour de France.
Der Abend an der Bar
Müllers Nomination für die Dauphiné-Rundfahrt wäre ein weiterer Beweis dafür, wie gross das Vertrauen von Vital Concept in den aufstrebenden Fahrer ist. Das Team preist den Ustermer auf der Website als vielseitiges Talent an.
«Patrick ist ein Neuling, der schnell lernt. Er ist nicht nur die Zukunft, sondern mehr denn je die Gegenwart.» Müller gibt die Blumen zurück. Er hat es etwa sehr geschätzt, wie Routinier Arthur Vichot ihn am Abend seines ersten Profisiegs zu einem gemeinsamen Bier in die Hotelbar einlud.
«Das tat mir extrem gut», erinnert sich Müller und sagt: «Ich fühle mich im Team sehr wohl.»
Es sind ideale Bedingungen für den weiteren Verlauf der Saison.
