Überrascht vom eigenen Aufstieg
Fürs Auge ist an der Duathlon-EM einiges dabei. Die Laufstrecke führt durch die Altstadt von Viborg mit den zahlreichen schmucken Backsteingebäuden. Und glaubt man der Website, die die Ortschaft auf der dänischen Halbinsel Jütland touristisch vermarktet, sind die Athleten mit dem Velo in einem wahren Fahrradparadies unterwegs.
«Die Strecke könnte windanfällig sein», vermutet Jens-Michael Gossauer. Der Greifenseer ist am Samstag einer von drei Schweizer Männern im Elitefeld. Auf der Website des Veranstalters hat er sich einen ersten Überblick über das Wettkampfgelände verschafft. Sein Eindruck: «Es sieht spannend aus.»
Was ihn effektiv erwartet, weiss Gossauer nicht. Er bestreitet erstmals einen Wettkampf in Dänemark. «Die Top 10 zu erreichen wären schön», sagt er zwar.
«Irgendwann realisierte ich: Die zwei Sportarten, die ich am meisten mag, gibt es auch in der Kombination.»
Jens-Michael Gossauer
Der 25-Jährige reist dennoch ohne Rangziel in den Norden. Gossauer steckt in einer intensiven Phase der Physiotherapeuten-Ausbildung. Darunter hat das Training gelitten.
Premiere endet im Spital
Interessant ist: Wohl im Gegensatz zum Grossteil der Konkurrenz im EM-Rennen trainiert der Greifenseer nach dem Lust-und-Laune-Prinzip. Auf eine akribische Planung verzichtet er.
Seine sportlichen Fixpunkte der Woche sind zwei Laufeinheiten mit dem LC Uster. «Wenn immer möglich, bin ich an diesen dabei.»
Zudem lässt sich Gossauer von LCU-Coach Urs Zenger beraten. «Ich treibe Sport aus Spass», sagt Gossauer. «Habe ich weniger Zeit dafür wie jetzt, ist es halt so.»
Vielleicht hat genau diese Gelassenheit neben dem nötigen Talent zu seinem schnellen Aufstieg im Duathlon geführt. Vor ziemlich genau einem Jahr bestritt er seinen ersten. Der Wettkampf endete nach einem Sturz mit dem Velo im Spital.
Zwei Monate später war der Oberländer zurück im Rennbetrieb – und wurde an der Mitteldistanz-SM gleich Dritter.
«Auf dem Rennvelo zog es mir sofort den Ärmel rein.»
Jens-Michael Gossauer
Noch bemerkenswerter ist: Bereits seine erste Langdistanz-WM beendete Gossauer 2018 als bester Schweizer auf dem starken 8. Platz. Fast sechseinhalb Stunden war er in Zofingen unterwegs – niemals zuvor hatte Gossauer einen ähnlich lange dauernden Wettkampf bestritten. «Das war komplett neu für mich.»
Über seinen Werdegang im Duathlon ist er selber verwundert. «Ich war erstaunlich schnell erfolgreich.»
Aus Hass wird Liebe
Zum Duathlon ist Gossauer nur per Zufall gekommen. Der 25-jährige war ursprünglich Läufer, sein Portfolio umfasste Distanzen bis zum Halbmarathon. Gossauer war schnell. Er sammelte in der U20 und U23 an Schweizer Meisterschaften fünf Medaillen.
Doch immer wieder wurde er von Überlastungsverletzungen gestoppt. Um in den Laufpausen Alternativtrainings zu absolvieren, kaufte er sich ein Rennrad.
Gossauer muss bei diesem Teil seiner Geschichte lachen. Er sagt, er habe Velofahren im Alltag gehasst. «Doch auf dem Rennvelo zog es mir sofort den Ärmel rein.»
Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass er von Anfang an auf Touren mit erfahrenen Rennvelofahrern mithalten konnte. «Das war natürlich sehr motivierend.»
Er sei eher unbeweglich, habe keinen schönen Stil und sich beim Laufen nie ganz frei gefühlt, sagt Gossauer. «Auf dem Velo bringe ich 100 Prozent meiner Energie auf die Pedale. Irgendwann realisierte ich: Die zwei Sportarten, die ich am meisten mag, gibt es auch in der Kombination.»
Kampf mit den Emotionen
Gossauers Liebesbeziehung zur Randsportart ist ein vergleichsweise zartes Pflänzchen. Der EM-Starter von Viborg weist eine überschaubare Anzahl an Duathlon-Einsätzen auf. Deren sieben sind es mittlerweile, rechnet er vor.
«Ich habe meine Emotionen nicht ganz im Griff.»
Jens-Michael Gossauer
Das Mitglied des Nationalkaders spricht davon, noch immer Anfängerfehler zu begehen. «Ich habe meine Emotionen nicht ganz im Griff. Auf dem Velo habe ich die Tendenz, am Anfang zu schnell zu fahren.»
Solche taktischen Missgriffe ärgern ihn hinterher jeweils, klar. Die Freude am spannenden Lernprozess überwiegt aber bei weitem.
Gossauer verfolgt keinen langfristigen Karriereplan. Es würde wohl auch nicht zu ihm passen. 2019 ist für ihn eine Zwischensaison.
Das weite Feld lockt
Ist er mit der Ausbildung fertig, steigert er die Trainingskadenz wieder. Denn es lässt sich ein weites Feld bespielen. Es gibt zahlreiche interessante Duathlon-Rennen über verschiedene Distanzen.
Beispielsweise die traditionelle Langdistanz-WM in Zofingen, an der er im Vorjahr so erfolgreich debütierte. «Sie hat definitiv Lust auf mehr gemacht.»
