Mit 20 vor der zweiten Karriere
Alina Ring weiss, wie es sich anfühlt, wenn ein grosser Traum platzt. Die Lindauerin wollte 2020 an den Sommerspielen in Tokio dabei sein – an der olympischen Premiere des Sportkletterns.
Es wäre sicher ein überwältigendes Erlebnis gewesen. In Japan ist Klettern extrem populär. Vor allem Bouldern. Allein in Tokio gibt es rund 200 Boulder-Hallen.
Einen ersten, kleinen Schritt Richtung Japan hatte Ring bereits gemacht. Sie gehörte zum anfänglich neunköpfigen Schweizer Olympia-Pool.
Doch ihre Hoffnungen verglühten wie Sternschnuppen.
«Ich würde all die coolen Routen sehen und darf sie doch nicht klettern.»
Alina Ring
Seit Ende 2017 hat die feingliedrige Oberländerin nach mehreren gesundheitlichen Problemen keinen Wettkampf mehr bestritten. Sie wird erst auf die Saison 2020 zurückkehren können – wenn alles wie geplant verläuft.
In einer Kletterhalle war das Mitglied der Elite-Nationalmannschaft seit langem nicht mehr. Aus Selbstschutz. «Ich würde all die coolen Routen sehen und darf sie doch nicht klettern.»
Jetzt ist Fleissarbeit gefragt
Für eine ambitionierte Sportlerin kommt eine rund zweijährige Pause der Höchststrafe sehr nahe. Die Theologiestudentin aber macht im Gespräch alles andere als einen niedergeschlagenen Eindruck.
Sie lacht viel, versprüht eine ansteckende Energie, die zeigt: Mit dem Klettern hat sie längst nicht abgeschlossen.
«Natürlich gab es schwierige Phasen. Doch ich bin jemand, der versucht, möglichst schnell umzudenken. Ich freue mich, überhaupt die Chance zu erhalten, nochmals einzusteigen.»
Elite-Nationaltrainer Pirmin Scheuber bestätigt Rings Einschätzung. Er sagt: «Alina hat die Situation positiv verarbeitet.»
«Im physischen habe ich extrem viel verloren.»
Alina Ring
Sie findet Halt im Glauben, macht Mentaltraining, betreibt intensiv Jazztanz und hält sich mit joggen und schwimmen fit. Statt wie einst 20 wöchentliche Trainingsstunden kommen so derzeit 15 zusammen.
Doch welche Auswirkungen hat die lange Pause aufs Klettern? Auf die technischen Fähigkeiten und ihr Gefühl für die Routen keine erheblichen, glaubt Ring. Sie weiss jedoch: «Im physischen habe ich extrem viel verloren. Das aufzuholen aber ist reine Fleissarbeit.»
Nationaltrainer Scheuber sagt, man könne nach Verletzungen stärker und motivierter zurückkommen. «Ich hoffe, dass dies bei Alina der Fall sein wird und sie dort anknüpfen kann, wo sie aufgehört hat.»
Das Ende der ersten Karriere
Schon mit 15 debütierte Ring in ihrer Paradedisziplin Lead im Weltcup. In der Folge bestritt sie parallel Wettkämpfe auf höchstem Niveau und im Nachwuchs.
Vor allem in letzterem gelangen ihr zahlreiche gute Resultate. Sie gewann drei EM-Medaillen und eine an der WM. 2016 sorgte die Lindauerin dann an ihrer Elite-WM-Premiere mit dem Finaleinzug für eine Überraschung.
Ende Oktober 2017 und nach ihrem ersten Elite-SM-Titel im Leadklettern aber endet Rings erste Karriere. Entzündungen in beiden Ellbogen plagen die Oberländerin zusehends, eine Operation ist nötig.
Ring hofft, im darauffolgenden Sommer wieder einsteigen zu können. Doch sie erhält einen weiteren Nackenschlag. Nach einem Ärztemarathon diagnostiziert man bei ihr das Thoracic-Outlet-Syndrom.
«Schon eine Einkaufstasche zu tragen war unmöglich.»
Alina Ring
Eine Verengung zwischen der oberen Rippe und dem Schlüsselbein führt dazu, dass das Geflecht der Nerven für den Arm und die Blutgefässe in diesem Bereich eingeklemmt wird.
Die Folge: Schmerzen, Taubheit, Kribbeln und ein Schweregefühl im betroffenen Arm. «Schon eine Einkaufstasche zu tragen war unmöglich», erinnert sich Ring.
Sie lässt sich im Herbst 2018 operieren, im Februar dieses Jahres erneut. In rund fünf Monaten, Anfang September, möchte die 20-Jährige wieder klettern.
Exakt voraussagen lässt sich der Heilungsverlauf der seltenen Krankheit nicht. «Ich muss selber spüren, wie viel Belastung es erträgt, darf nichts forcieren.»
Die vielen Puzzleteile
Gefragt ist deswegen vor allem Geduld. Sie habe in diesem Bereich in den letzten zwei Jahren grosse Fortschritte gemacht, findet Ring. Gezwungenermassen.
Im Kopf hat sie derweil ihren weiteren Weg im Klettern längst vorgezeichnet. Ist sie wieder fit, wird sie im Studium zurückstecken, um die Chancen auf sportlichen Erfolg zu erhöhen.
Schrittweise will sie nach ihrer Rückkehr im Elite-Weltcup im Lead aufs Podest vorstossen. Und da ist ihr grosser Traum von den Olympischen Spielen 2024.
Um in Paris dabei zu sein, müssten in den nächsten Jahren viele Puzzleteile an den richtigen Ort fallen. Beispielsweise im Bouldern. Ring weist keinen einzigen Weltcup-Einsatz in der Disziplin auf, die 2024 wohl in Kombination mit Leadklettern im Programm steht.
Nationaltrainer Scheuber sagt: «Vieles ist noch ungewiss und es ist schwierig, eine Prognose zu machen.»
Helfen dürften Ring beim Neubeginn in jedem Fall die Eigenschaften, die Scheuber als ihre Stärken aufzählt: Motivation, Biss und Wille.
Disziplinen
Lead: Ist die Königsdisziplin des Sportkletterns und die älteste und am weitesten verbreitete Wettkampfart. Hierbei muss eine anspruchsvolle, zirka 20 Meter hohe Wand in einem Versuch erklommen werden. Bewertet wird die maximal erreichte Höhe.
Bouldern: Als Bouldern wird das seilfreie Klettern in Absprunghöhe bezeichnet. In vorgegebener Zeit müssen die Athleten so viele Blöcke oder sogenannte «Probleme» wie möglich durchklettern. Bewertet werden die Anzahl benötigter Versuche bis zum Top oder bis zu einem bestimmten Zonengriff.
Speed: Beim Speedklettern geht es darum, so schnell wie möglich eine Wand «hochzusprinten», es handelt sich quasi um den 100-Meter-Lauf im Klettern. (zo)
