Marquarts Bausatz ist komplett
17’500 Kilometer liegen Santiago del Este und Tokio voneinander entfernt. In der argentinischen Stadt fiel letzten Herbst der Startschuss zur Olympia-Qualifikation, die Simon Marquart in die japanische Metropole führen soll. Der BMX-Profi hofft, da seine Olympia-Premiere feiern zu können.
Wer nun davon ausgeht, dass sich der Mönchaltorfer vor der wegweisenden Saison 2019 unter besonderem Druck fühlt und sich ständig mit Olympia beschäftigt, irrt sich. «Ich will sowieso liefern.»
Dann gibt er zu bedenken, dass die Qualifikationsphase bis ins Jahr 2020 hinein dauert und schiebt nach einer kurzen Pause nach: «Nur wenn es mir in den nächsten Monaten gar nicht läuft, würde ich nervös werden.»
Die Vorzeichen deuten allerdings auf etwas ganz anderes hin. Im letzten Jahr rückte Marquart nochmals näher an die internationale Spitze heran. Dreimal verpasste er im Weltcup den Final denkbar knapp, wurde dreimal Neunter.
Zudem setzte der 22-Jährige an den Europameisterschaften in Glasgow mit dem 4. Platz ein Ausrufezeichen. Er sagt: «Dieses Resultat war sehr wichtig für mich.»
Aus Glück wird Dominanz
Marquart hat das dadurch gewonnene Selbstvertrauen gleich gewinnbringend investiert. Er ist nicht nur gesundheitlich und trainingstechnisch «tipp-topp» durch den Winter gekommen, sondern hinterliess auch auf den Bahnen deutliche Duftmarken.
In Saint-Etienne siegte er an zwei aufeinanderfolgen Tagen jeweils an stark besetzten Indoor-Anlässen. «2016 gewann ich da schon einmal – mit Glück. Dieses Mal habe ich dominiert.»
Marquart kann zufrieden festhalten: Die Entwicklung stimmt. Der früher vor allem beim Start überzeugende Fahrer hat sich auf der Piste merklich verbessert, in den Kurven, aber auch im Trackspeed, wie er sagt.
Die jüngsten Erfolgserlebnisse sprechen für sich. Was jetzt noch fehlt: Der erste Finaleinzug auf höchster Stufe, sprich im Weltcup. Die dafür nötigen, bisweilen bitteren Erfahrungen hat er in den letzten Jahren gesammelt. Er ist überzeugt, jetzt alle Teile beisammen zu haben.
«Ich weiss, wo ich stehe. Es sieht gut aus.»
Simon Marquart
Der Mönchaltorfer fuhr in den vergangenen Wochen sowohl in den USA als auch in Europa Rennen, dadurch hat er sich ein gutes Bild über die Konkurrenz verschafft. «Ich weiss, wo ich stehe. Es sieht gut aus.»
Sammeltour beginnt erst
Im Anschluss ans zweite Europacup-Wochenende stehen Ende April die ersten zwei Weltcup-Anlässe in Manchester auf dem Programm. Neben der WM im belgischen Heusden-Zolder (23. bis 27. Juli) hat Marquart die Rennen der höchsten Stufe zu seinen Saisonhöhepunkten ausgerufen.
Insgesamt 20 Weltcup-Rennen zählen für die Vergabe der Olympia-Quotenplätze, die besten 14 jedes Fahrers finden Eingang in die Wertung. Mit den Rängen 38 und 68 in Santiago del Este hat Marquart zu Beginn der Olympia-Qualifikation gleich zwei Streichresultate eingefangen, was ihn nicht weiter beunruhigt.
Noch bleiben genügend Möglichkeiten, nach den «Gratispunkten» an den unterklassigen Rennen auch auf höchster Stufe auf Sammeltour zu gehen. «Denn da holt man richtig viele Punkte.»
Letzteres ist nötig, da die Schweizer zwei Quotenplätze für Tokio anpeilen. Dafür müssen sie die Olympia-Qualifikation auf den Rängen 3 bis 5 abschliessen.
Momentan liegt die Schweiz an fünfter Stelle, die massgebenden Anlässe folgen aber erst. Drei Fahrer pro Rennen zählen jeweils fürs Ranking.
«Ich weiss, es tönt nach einer Floskel. Aber ich muss bei mir bleiben.»
Simon Marquart
Nur aus drei Spitzenfahrern – David Graf, Simon Marquart und dem wiedergenesenen Renaud Blanc – besteht das Schweizer Team. Das Trio muss also nicht nur gesund bleiben, sondern konstant gute Leistungen abliefern. «Wir schaffen das», ist Marquart optimistisch.
Der theoretische Vorteil
Die Olympia-Qualifikation bringt für ihn den Spagat zwischen Einzel- und Mannschaftssportler mit sich. Denn es stellt sich die Frage, wer hinter Teamleader Graf den zweiten Platz erhalten würde.
Marquart ist sich dieser speziellen Situation bewusst, blendet sie aber aus. «Ich weiss, es tönt nach einer Floskel. Aber ich muss bei mir bleiben. Und letztlich ist es so: Die besten zwei haben es verdient.»
Einen kleinen, rein theoretischen Vorteil hat Marquart im Konkurrenzkampf mit Renaud Blanc immerhin. Seit BMX 2008 olympisch wurde, starteten für die Schweiz ausschliesslich Fahrer aus Winterthur.
Gut also, lebt der Mönchaltorfer mittlerweile ebenfalls da.
