Mit Blick auf Olympia noch stärker gefordert
Sie scheint einfach nicht unterzukriegen. Zwei Kreuzbandrisse, eine Meniskusverletzung am selben Knie. Zuletzt warf sie Anfang November eine an einem Turnier in Usbekistan erlittene Bänderverletzung am rechten Ellenbogen wieder für zwei Monate zurück.
Fünf operative Eingriffe musste Fabienne Kocher deshalb über sich ergehen lassen. Und die Riedikerin ist gerade mal 25 Jahre jung. Mit Stabilisations- und Kräftigungsübungen beugt sie möglichen wiederkehrenden Rückschlägen vor. Auch eine Mentaltrainerin zog Kocher schon bei. «Ich habe gelernt, immer wieder aufzustehen», sagt sie unaufgeregt.
Und wie: Bei ihrem ersten Auftritt nach der jüngsten Verletzung sicherte sich die Judoka vom JC Uster gleich eine Bronzemedaille beim Grand Prix von Tel Aviv, ehe sie am letzten Wochenende beim European Open in Sofia (BUL) mit Platz 5 nachlegte.
So richtig überraschend war Kochers Exploit in Israel nicht nur aufgrund des Zeitpunkts, sondern auch wegen der Leistungsdichte im Feld. Ihr bislang wertvollstes Resultat auf internatonaler Elite-Ebene war zuvor ein siebter Rang an der WM 2014.
So gut platziert wie nie
«Der Wettkampf hat gezeigt, dass ich mit den besten mithalten kann», freute sie sich nach gleich mehreren Erfolgen über Gegnerinnen aus den Top-30 der Weltrangliste in der Kategorie bis 52 kg. Kocher selbst machte durch die jüngsten Ergebnisse einen Sprung auf Rang 36. Damit ist sie so gut platziert wie noch nie.
Apropos Gewichtsklasse: In der Kategorie bis 52 kg tritt die Soziologie-Studentin aus Riedikon überhaupt erst seit Mai 2018 an. Grund dafür ist ein Gewichtsverlust nach der letzten Operation. «Zuerst haben wir darüber gewitzelt. Doch dann hat sich das Gewicht eingependelt», sagt Kocher, die zehn Jahre lang auf der Stufe bis 57 kg kämpfte.
Nach einer Angewöhnungsphase ist ihr die Umstellung gut gelungen. Kocher spricht von einem «schnelleren und beweglicherem Judo, dass optimal zu meinem Körperbau passt».
Nur einen Quotenplatz
Durch ihren Wechsel ist an der nationalen Spitze aber auch eine neue und besondere Konkurrenzsituation entstanden. Die derzeit besten Schweizer Judokas, Evelyne Tschopp und Kocher – die zwei einzigen Schweizer Frauen mit Grand-Slam-Kader-Status – kämpfen nun ausgerechnet in derselben Gewichtsklasse.
Die veränderte Konstellation hat vor allem im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio einschneidende Konsequenzen. Zwar haben Tschopp wie Kocher das Zeug für eine mögliche Qualifikation. Da es pro Kategorie aber nur einen Quotenplatz gibt, wird die Hürde für die Riedikerin dadurch nochmals höher.
«Wir haben in dieser Gewichtsklasse ein Luxusproblem.»
Dominique Hischier, Chef Leistungssport Schweizerischer Judoverband
Denn Kocher fordert mit Tschopp, der derzeitigen Weltnummer 8, eine der stärksten Judokas in der Kategorie bis 52 kg. Die Baselbieterin schnupperte bereits 2016 in Rio de Janeiro erstmals Olympia-Luft, gewann hernach zweimal EM-Bronze und konnte immerhin schon zwei Grand-Slam-Turniere für sich entscheiden.
An Vielseitigkeit gewonnen
«Wir haben in dieser Gewichtsklasse ein Luxusproblem», sagt deshalb Dominique Hischier, Chef Leistungssport beim Verband. «Kocher hat enorm Potenzial. Sie ist schliesslich nicht von ungefähr die erfolgreichste Schweizer Athletin im Nachwuchsbereich.»
Und diese Leistungsebene will Kocher natürlich auch in der Elite erreichen. Weitere Medaillen sammeln sowie die Qualifikation für die EM und WM sind ihre nächsten Etappen auf dem Weg zu ihrem Fernziel – den Olympischen Spielen von Tokio.
Dafür hat sie im nationalen Leistungszentrum in Brugg mit ihrem estischen Trainer Aleksei Budolin an ihrer Technik gefeilt sowie das Griff- und Wurfrepertoire erweitert. «Mein Judo ist dadurch unkonventioneller und auch vielseitiger geworden», sagt sie.
Eine Bestätigung für die hinzu gewonnene Unberechenbarkeit erhielt Kocher beim erfolgreichen Grand Prix in Tel Aviv. Und sie könnte ihr gerade im Hinblick auf die angestrebte Olympia-Qualifikation weitere Zuversicht schenken, um sogar den Brocken Tschopp aus dem Weg zu räumen.
