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Ruderverband brüskiert Ustermerin Jeannine Gmelin

Robin Dowell war der Baumeister von Jeannine Gmelins Weltmeistertitel. Jetzt hat ihn der Verband freigestellt. Die Ustermer Skifferin fühlt sich vor den Kopf gestossen und sieht ihre sportliche Zukunft in Gefahr.

Ein schon länger schwelender Konflikt zwischen dem Verband und seinem Aushängeschild Jeannine Gmelin ist offen ausgebrochen., Gmelin sagt: «Man hat mir das wichtigste Werkzeug genommen.» , Gmelin beim Empfang in Kloten nach ihrem Weltmeistertitel 2017.

Archivfoto: Nathalie Guinand

Ruderverband brüskiert Ustermerin Jeannine Gmelin

In rund 18 Monaten möchte Jeannine Gmelin an den Olympischen Spielen in Tokio Gold gewinnen. 2017 wurde die Ustermerin Skiff-Weltmeisterin, letztes Jahr holte sie WM-Silber und wurde Europameisterin.

Zwischenzeitlich blieb sie in 22 Rennen hintereinander ungeschlagen. Zur Krönung ihrer Karriere soll im Jahr 2020 also der Olympiasieg folgen. Die kommende Saison ist dafür entscheidend: Die WM Ende August in Linz ist zugleich die wichtigste Qualifikationsregatta für die Spiele in Asien. 

Jetzt aber sieht Gmelin ihr Ziel gefährdet, weil sie nicht mehr zu 100 Prozent von dem überzeugt ist, was sie tut. Stark gefährdet, muss man sagen. Und dazu kurz ausholen.

Mit dem vom Verband ab Frühling 2018 neu eingeschlagenen Weg im Training tat sich Gmelin schwer. Ihre Leistungen in der letzten Saison beurteilt sie kritisch. Mehrfach bat sie deshalb darum, wieder nach den Vorgaben von Robin Dowell arbeiten zu können, der sie zur Weltmeisterin gemacht hatte, später in der Hierarchie aber zurückgestuft wurde. 
 

Ende November schickte Gmelin ein zweiseitiges Schreiben an den Verbandsvorstand, mit der Bitte um Unterstützung. Sie fühlte sich von Verbandsdirektor Christian Stofer und Headcoach Edouard Blanc zu wenig ernst genommen.   

Der Glücksfall muss gehen 

Der Hilferuf war wie alle anderen Bemühungen umsonst. Mehr noch: Am Dienstagabend stellte Swiss Rowing nun Robin Dowell, den Trainer der Frauen, per sofort frei. Wegen unterschiedlichen Auffassungen in der Trainingsplanung, wie es heisst.

«Ich hatte das Glück, mit ihm auf einer Wellenlänge zu sein.»
Jeannine Gmelin

Swiss Rowing brüskiert damit seine erfolgreichste Ruderin. Dowell, das machte Gmelin immer wieder klar, trug grossen Anteil an ihren Erfolgen. Mit dem 36-jährigen Briten pflegte sie eine sehr enge Zusammenarbeit. Eine, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt war.

«Ich hatte das Glück, mit ihm auf einer Wellenlänge zu sein», sagt die Ruderin, die sich mit aussergewöhnlicher Konsequenz und eisernem Willen an die Weltspitze vorgekämpft hat.     

Der Endpunkt des Konflikts

Die Nachricht von Dowells Ende bei Swiss Rowing hat Gmelin tief getroffen. «Es zog mir den Boden unter den Füssen weg. Ich stehe im luftleeren Raum», sagt die 28-Jährige.

Für einmal ringt Gmelin, die es sonst so gut versteht, ihre Gedanken präzise zu formulieren, um die richtigen Worte. Man spürt, wie enorm gross ihre Enttäuschung über den Rauswurf des Erfolgstrainers ist. 
 

Die individuellen Bedürfnisse seines Zugpferdes sind dem Verband nicht allzu wichtig, wie es scheint. Verbandsdirektor Stofer sagt dazu: «Bei allem Respekt: Die Zuständigkeit darüber, wer bei uns als Trainer arbeitet, liegt beim Ruderverband.»

Das wiederum heisst: Gmelin hat sich der Hierarchie unterzuordnen. Swiss Rowing hält denn auch an der Struktur mit einem Headcoach und einem Trainingsplan für das gesamte Kader fest. Das hat zur Folge, dass Gmelin sagt: «Mein Vertrauen in den Verband ist zerstört.» 

Dowells Freistellung markiert letztlich nur den Endpunkt eines seit längerem schwelenden Konflikts zwischen dem Schweizer Ruderverband und seinem Aushängeschild.

«Bei allem Respekt: Die Zuständigkeit darüber, wer bei uns als Trainer arbeitet, liegt beim Ruderverband.»
Verbandsdirektor Christian Stofer

Ihren Anfang nahm die Geschichte im Vorjahr. Ende April 2018 und damit kurz vor dem Saisonstart wurde Robin Dowell vom Schweizer Headcoach zum Trainer der Frauen degradiert. Anstelle des Briten übernahm der Westschweizer Edouard Blanc die Verantwortung.

«Um die Athletinnen und Athleten optimal zu betreuen, mussten wir entweder das Kader verkleinern oder den Trainerstab vergrössern», führte Stofer damals als Begründung ins Feld. Mit der Rochade verbunden war ein Wechsel in der Trainingsphilosophie. Gmelin trainierte fortan nach Plänen von Blanc.

Die Basis fehlt 

Sie habe damals im ersten Moment leer geschluckt und ihre Bedenken angemeldet, erinnert sich Gmelin an die einschneidende Änderung.

«Das ist das A und O. Ohne Vertrauen ist keine Basis für den Erfolg da.»
Jeannine Gmelin

«Ich bin Neuem aber gegenüber grundsätzlich offen und habe dem Ganzen eine Chance gegeben.» Schon im Verlauf der letzten Saison aber war sie mit der Entwicklung nicht restlos zufrieden. Auch wenn ihr bewusst ist, dass auf ihrem Niveau das Verbesserungspotenzial nur im Kleinen zu finden ist.

 Ihr fehlt das Vertrauen in Blancs Plan. «Das ist das A und O. Ohne Vertrauen ist keine Basis für den Erfolg da», ist Gmelin überzeugt.
 

Weil ihre Karriere zeitlich begrenzt ist und sie nicht unzählige weitere Chancen auf den Gewinn einer Olympiamedaille mehr hat, handelte Gmelin. Anhand ihrer Auswertungen zeigte sie gegenüber dem Verband auf, was sie in den Trainingsplänen gerne geändert hätte.

Gmelin plante keine Revolution. Im Gegenteil. Es seien einige wenige Punkte gewesen, die Swiss Rowing weder strukturell noch finanziell tangiert hätten, sagt sie. Die Ustermerin fand dennoch kein Gehör – bisher.

Ideal wäre anders, sagt Stofer zur Situation. Der Verband sei aber gesprächsbereit. «Ich bin überzeugt, schwierige Phasen kann man nur in persönlichen Gesprächen bereinigen. Wir kennen ihre Anliegen und wollen sie vertiefen. Wenn wir aber eine Botschaft aussenden, muss sie auch empfangen werden.»

«Die Hände sind mir gebunden.»
Jeannine Gmelin

Stofer spricht damit den auf Mittwoch vereinbarten Termin mit Gmelin an, den sie letztlich absagte. Es dürfte ein Zeichen dafür sein, wie frostig das Klima zwischen ihr und dem Verband derzeit ist.

Stofer gibt sich dennoch optimistisch. «Wir sind zuversichtlich, dass wir weiter zusammenarbeiten.» 

Gmelin weiss derweil nicht, wie es nach der jüngsten Entwicklung weiter geht. «Die Hände sind mir gebunden. Man hat mir mein wichtigstes Werkzeug weggenommen.»

Am Tag nach Dowells Freistellung verzichtete sie darauf, wie üblich im nationalen Ruderzentrum Sarnen zu arbeiten und zog stattdessen einen anderen Rahmen vor. Obwohl sie den Kopf derzeit alles andere als frei hat, sagt Gmelin:  «Priorität hat noch immer das Training.»

Die Zeit drängt: In vier Monaten steht mit der Heim-EM ein erster Höhepunkt an. 

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