«Man erwartet mehr von mir»
Man kann eine dröge Pressemitteilung verfassen, um einen Zuzug zu vermelden. Oder wie Vital Concept dafür einen mit dramatischer Musik unterlegten Videoclip produzieren. In diesem zieht ein Flugzeug ein Banner hinter sicher her mit der Botschaft: «Attaque de Pierre Rolland.»
Damit sind zwei Dinge übermittelt: Rolland fährt in der Saison 2019 neu für Vital Concept. Und der Bergspezialist hat einiges vor.
Die Attacke dürfte derweil nicht nur auf Rolland bezogen sein, sondern auch auf die bretonische Equipe. Nach einem Premierenjahr mit 34 Podestplätzen (8 Siege) strebt das ProContintental-Team nach mehr. Neben Rolland verpflichtete man weitere Fahrer, die zuletzt auf höchster Ebene in World-Tour-Teams engagiert waren.
«Auch wenn die Resultate zählen, muss die Menschlichkeit Platz haben.»
Patrick Müller
Die erfahrenen Zuzüge erhöhen den Druck innerhalb der Mannschaft und heben das Niveau an. «Das ist motivierend», sagt Patrick Müller, der ins zweite Profijahr steigt.
Laut dem Ustermer hat sich trotz gewachsener Ansprüche an der familiären Stimmung nichts verändert. Der Zusammenhalt bleibt ein zentrales Anliegen der Verantwortlichen um Jérôme Pineau.
«Man vermittelt uns das immer wieder. Auch wenn die Resultate zählen, muss die Menschlichkeit Platz haben.»
Mehr als nur lernen
Es ist eine Einstellung, die Müller schätzt. Er fühlt sich beim professionell geführten Team Vital Concept wohl. Das hat auch damit zu tun, dass er mittlerweile fliessend Französisch spricht und sich genau so ausdrücken kann, «wie ich will».
Die sportlichen Entscheidungsträger schätzen den Allrounder und bringen ihm Vertrauen entgegen. Ein Beispiel dafür: Der 22-Jährige, der zum Trio der gleichaltrigen Grünschnäbel im überwiegend aus Franzosen bestehenden Team zählt, durfte bei der Zusammenstellung seiner ersten Rennen mitdiskutieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Am Sonntag fällt für Müller am Grand Prix Cycliste la Marseillaise der Startschuss zur Saison. Es ist ein Rennen mit einem schwierigen Finale, wie er es mag. Danach bestreitet das Mitglied des RV Wetzikon die sechstägige Tour of Oman. Müller erhofft sich durch die ersten Einsätze eine gute Grundlage. Und dass er an diesen zwei Anlässen «performen» kann, wie er sagt.
2018 war für den Neo-Profi ein Lehrjahr gewesen. Er musste sich an die längeren und intensiveren Rennen gewöhnen. Der Reifeprozess soll natürlich weitergehen. Mit Helferaufgaben an bedeutenden Klassikern wie etwa der Flandern-Rundfahrt, die er 2018 als Einziger des Teams beendete und die er erneut gerne bestreiten würde.
An kleineren Rennen aber soll heuer mehr als nur ein vergrösserter Erfahrungsschatz herausschauen. Müller ist für sein Alter erstaunlich abgeklärt, lässt es aber nicht an Demut fehlen.
Der neben U-23-Weltmeister Marc Hirschi und Gino Mäder zu den Schweizer Nachwuchshoffnungen zählende Fahrer ist gleichzeitig aber sehr ehrgeizig, zielstrebig und auch selbstbewusst genug, um Ambitionen anzumelden. Für ihn nichts als logisch.
«Wenn man Veloprofi ist, möchte man gute Resultate erzielen.» Forderungen vom Team gibt es in diesem Zusammenhang keine. Müller aber weiss: «Man erwartet mehr von mir.»
Der Reiz der Tour de Suisse
Der Neunte der letzten U-23-WM strebt den nächsten Schritt in der Karriere an. Die besten Jahre – sie liegen bei Radprofis zwischen 25 und 28 – sollen auch bei ihm noch folgen. Für Müller geht es nun darum, das Profil zu schärfen.
Einige Fahrer werden aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen früh zu Spezialisten. Müller aber ist gross (1,92 m) und dennoch relativ leicht (74 kg). Das lässt ihm, der über viel Tempohärte sowie Qualitäten am Berg verfügt, Spielraum. Ob Eintagesrennen oder Rundfahrten spielen ihm dabei keine Rolle.
An einer der bedeutenden Landesrundfahrten hat er allerdings noch gar nie teilgenommen. 2019 könnte sich das ändern. Die Hoffnungen bei Vital Concept sind gross, eine der zwei verbleibenden Wildcards für die Tour de France zu erhalten.
Für das französische Team wäre die Teilnahme aus wirtschaftlichen Gründen interessant, für die Fahrer aus sportlicher Sicht.
Eine zweite Option ist für Müller die Tour de Suisse, die seit Langem einen grossen Reiz auf ihn ausübt. Erstmals darf eine Schweizer Auswahl mitfahren. Sie soll eine Mischung aus talentierten U-23-Athleten und jüngeren Elite-Fahrern sein. Müller sagt: «Da wäre ich sehr gerne dabei.»
Ungewissheit gehört dazu
Wie Müllers Chancen auf die Premiere an einer der ganz grossen Landesrundfahrten stehen, ist offen. Letztlich spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle. Faktoren, auf die er nur bedingt Einfluss nehmen kann.
«Je nachdem, wie es läuft, bin ich in besserer oder eben in einer weniger guten Position bei den Verhandlungen.»
Patrick Müller
Doch es gehört zu seinem Alltag, mit Ungewissheit umgehen zu können. Eine davon ist, wie seine sportliche Zukunft übers Saisonende hinaus aussieht. Der Vertrag läuft aus. Gerne würde er beim bretonischen Team bleiben.
Wie stark beschäftigt ihn das? Derzeit kaum, sagt Müller. Er verfolgt einen pragmatischen Ansatz. «Je nachdem, wie es läuft, bin ich in besserer oder eben einer weniger guten Position bei den Verhandlungen.»
Wovon man ausgehen darf: Wird der Vertrag des Ustermers verlängert, dürfte sich Vital Concept etwas Spezielles einfallen lassen, um den Deal zu vermelden.
