Maag hat das ganz grosse Bild im Kopf
Was gibt es Schöneres, als sich selber zu überraschen? Eine Steigerung gegenüber dem sportlich schwierigen letzten Jahr hatte sich Natalie Maag durchaus zugetraut. «Aber dass es gleich so viel besser wird?»
Die Wernetshauserin hält inne und blickt einen Moment ins Leere. Als ob sie sich vergewissern müsste, dass das Ganze kein Traum ist. Die Differenz zur Vorsaison ist erheblich. Maag war damals nur zweimal der Sprung in den Weltcup gelungen. Sie fand sich in einer Negativspirale wieder, verlor zwischenzeitlich den Spass am Rodeln.
«Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein.»
Natalie Maag
Kurz vor der am Freitag in Winterberg (GER) beginnenden WM könnte ihre Gefühlslage kaum besser sein. Maag ist voller Energie. Aufrecht sitzt sie da, erzählt detailliert und offen über ihre letzten Monate, wobei sie ab und zu mit ihrer Halskette spielt.
Das äussere Bild passt zu jenem, das Maag von sich zeichnet. Sie sieht sich «im Flow» und hält zufrieden fest: «Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein.»
Erfahrung als Währung
An allen sechs Wettkampforten qualifizierte sich die 21-Jährige via Nationencup für die Weltcup-Rennen, im Verlauf der Saison immer souveräner. Sie pendelte zwischen den Rängen 22 und 16 – letzterer ist das Bestresultat ihrer noch immer jungen Karriere auf höchster Stufe.
Was auf den ersten Blick nicht spektakulär aussieht, sind in Anbetracht ihres Alters bemerkenswert solide Resultate.
Wenn auch junge Athletinnen wie die deutsche Julia Taubitz (22) heuer für Furore sorgen, nehmen noch immer zahlreiche Routiniers im Weltcup wichtige Rollen ein. Der Altersdurchschnitt in den Top Ten der Gesamtwertung beträgt fast 27 Jahre. Das zeigt: Die Erfahrung ist eine wichtige Währung.
Wieder bei Null angefangen
Der dreifache Olympia-Teilnehmer Stefan Höhener verfolgt Maags Karriere seit Jahren aus der Nähe, wird sie auch an die WM begleiten. Er attestiert der Oberländerin eine positive Entwicklung. Und ist überzeugt: «Das ist eine gute Basis, die es für den nächsten Schritt braucht.»
«Sie musste lernen, dass im Weltcup ein anderer Wind pfeift.»
Ex-Rodler Stefan Höhener
All die Erlebnisse im ersten ganzen Jahr auf höchster Ebene haben Maag reifen lassen. Sie hat die Nervosität des Neulings abgeschüttelt, der keine Erfahrungen darin hat, lange am Stück im Ausland unterwegs zu sein. Und ist auch den selbst auferlegten Druck los, mit dem sie die Olympia-Qualifikation erzwingen wollte.
«Ich weiss jetzt, wie der Hase läuft», sagt sie, während Höhener zu bedenken gibt: «Sie musste lernen, dass im Weltcup ein anderer Wind pfeift. Man fängt wieder bei Null an.»
Maag packt die Aufgaben nun mit einer gewissen Leichtigkeit an, die neben der ganzen Akribie und Verbissenheit eben auch nötig ist, um im Eiskanal erfolgreich zu sein.
Die Unbeschwertheit rührt auch daher, dass sich die Stimmung unter den im Weltcup dominierenden deutschen Rodlerinnen, denen sie angeschlossen ist, im Nacholympiajahr merklich verbessert hat. Die zuletzt ebenfalls dem deutschen Team angegliederte Martina Kocher ist nicht mehr dabei.
Maag erfuhr aus der Zeitung vom Rücktritt der Bernerin – es ist ein Fingerzeig, wie distanziert das Verhältnis der zwei «unterschiedlich tickenden» Schweizerinnen war.
Zur Einzelgängerin geworden
Maag ist somit die einzig verbliebene Schweizer Rodlerin. Die Wernetshauserin ist endgültig zu einer Einzelgängerin in einer Randsportart geworden.
Neu ist die Situation für sie allerdings nicht. Der Verband Swiss Sliding setzt auf Bob und Skeleton. «Natalie musste immer vieles alleine bestreiten», sagt Höhener. «Dass sie das als junge Sportlerin durchgezogen hat, ist bemerkenswert.»
Die aktuelle Lösung mit den deutschen Rodlerinnen ist für Maag optimal. Sie hat nächste Saison weiterhin bestand, das gibt ihr Planungssicherheit.
Immerhin: Die Entwicklung der Oberländerin ist im Schweizer Verband nicht verborgen geblieben. Maag hat auch schon Gratulations-SMS nach guten Leistungen erhalten.
Dass solche überhaupt möglich wurden, hat auch mit ihrem neuen Schlitten zu tun. «Er passt besser zu meinem Fahrgefühl, ist weicher im Handling», sagt die 21-Jährige, die im Materialbereich in der Vergangenheit gegenüber der Konkurrenz im Nachteil war.
«Sie kann Korrekturen sofort umsetzen.»
Ex-Rodler Stefan Höhener
Rund fünf Zehntel lag sie heuer im Durchschnitt hinter Rang 10. Fahrerisch sieht sich Maag aber relativ nahe an den Top Ten. Aus Sicht von Höhener bringt die junge Sportlerin ein sehr gutes Verständnis fürs Rodeln mit. «Sie kann Korrekturen sofort umsetzen.» Er sagt aber auch, was die Athletin selber weiss: Beim Start hat sie Aufholbedarf.
Problembereich Start
Maag hat ein Programm zusammengestellt, um die Defizite im technischen Bereich sowie jene bei der Kraft und Explosivität verringern zu können. Die Richtung stimmt, von heute auf morgen aber lässt sich keine merkliche Verbesserung herbeiführen. Bei flachen Starts verliert Maag derzeit rund einen Zehntel auf die Schnellsten – bei zwei Läufen eine erkleckliche Summe.
Die WM wird in diesem Zusammenhang in der Disziplin Sprint interessant. Anders als im Weltcup, wo nur die Top 15 starten können, darf sie an der Qualifikation für den Sprint-Final teilnehmen.
Die Zeitmessung wird dabei erst auf der Strecke ausgelöst. Maags Start-Defizite fallen dadurch weniger ins Gewicht, ein Vorstoss in den Final scheint möglich. Im WM-Einzel will sie sich derweil für den zweiten Lauf qualifizieren, in dem nur noch 20 Fahrerinnen dabei sind.
«Ich plane bis zu den Spielen 2026.»
Natalie Maag
Letzteres hatte Maag schon vor Beginn der Saison als Ziel definiert. Trotz besserer Resultate als erwartet hat sie also ihre Ansprüche nicht nach oben geschraubt. Warum auch?
Die Wernetshauserin, deren Onkel Ueli Schenkel an den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid im Rodeln teilnahm, behält das grosse Bild im Kopf. In ihrem Fall ist das gar noch etwas grösser als bei anderen. Die Olympischen Spiele 2022 in Peking sollen nur ein Zwischenschritt sein. «Ich plane bis zu den Spielen 2026», versichert sie.
Die Aussage ist ernst gemeint. Dass das Olympia-Rodeln 2018 in Südkorea ohne sie stattfand, «hat ganz schön an meinem Ego gekratzt». Aufzugeben aber war keine Option.
Höhener ist davon nicht überrascht. Für ihn zeichnet sich Maag durch ihren grossen Ehrgeiz «und einen grausamen Willen» aus. Unter die besten 30 Rodlerinnen der Welt hat die 21-Jährige es mittlerweile geschafft. Es würde überraschen, wäre es die Endstation. Denn nach all den Investitionen in der Vergangenheit rückt die Erntezeit näher.
