Die Polysportive und der Riesenfighter
Es ist ein beachtlicher Fakt. Hinter der Wintersport-Hochburg Graubünden stellt das Zürcher Oberland mit Anja Weber und Nicola Wigger an der am Samstag beginnenden Junioren-Weltmeisterschaften (U23/U20) in Lahti so quasi die stärkste Fraktion im Schweizer Team. Im Kreis der U-20-Frauen ist die Hinwilerin Weber sogar die einzige Nichtbündnerin.
Es ist nicht die einzige Besonderheit. Denn die 17-Jährige zählt auch zum Nachwuchsnationalkader von Swiss Triathlon und holte unlängst an den Olympischen Jugend-Sommerspielen in Buenos Aires (ARG) zwei Medaillen. Der «Blick» titelte hinterher bereits: «Wird sie die neue Daniela Ryf?» Es ist eine Frage, die nur schon daneben zielt, weil noch gar nicht klar ist, auf welchen Sport Weber über lange Frist den Fokus setzen wird. «Ich mag beides – Langlauf und Triathlon», entgegnet sie da jeweils unaufgeregt.
Helfen tun ihr bestimmt da auch die kurzen Wege im Alltag. Die Absolventin des KV an der United School of Sports in Zürich trainiert nach wie vor in der Region. Geschrieben werden die Pläne für beide Sportarten vom Wetziker Michi Rüegg, dem Trainer der Spitzen-Leichtathletin Fabienne Schlumpf. Und das technische Rüstzeug im Langlauf erhält Weber beim Skiclub am Bachtel.
Bis 20 ist vieles möglich
Ob Triathlon oder Langlauf – eine Entscheidung dürfte in absehbarer Zeit sowieso nicht fallen. Und ist auch nicht nötig, wie Marco Isenschmid, U-20-Nationaltrainer bei Swiss Ski, bekräftigt. «Bis 20 ist vieles möglich. Am Ende soll Anja jenen Sport forcieren, wo Freude und Perspektive grösser ist», sagt er.
«Bis 20 ist vieles möglich. Am Ende soll Anja jenen Sport forcieren, wo Freude und Perspektive grösser ist.»
Marco Isenschmid, U-20-Nationaltrainer Langlauf
Perspektiven hat Weber natürlich auch im Langlauf – und bei ihrer bereits zweiten Junioren-WM. Isenschmid traut der jüngsten Schweizer Athletin sogar die besten Ergebnisse zu. Weber ist derweil bei der Erwartungshaltung eher zurückhaltend und nennt eine Platzierung unter den besten 20 als Marke. Nicht ohne Grund. Weber fehlen die Vergleichswerte mit den starken Nordländerinnen, da der zur WM-Qualifikation zählende Continental-Cup in nach Länderregionen verteilten Einzelserien ausgetragen wird.
Und dennoch: Weber gelangen im Alpencup (einer dieser Einzelserien) schon mehrere Spitzenklassierungen, so auch im tschechischen Nove Mesto, wo sie es als Dritte über 5 km Skating sogar aufs Podest schaffte. Es sind immerhin vielversprechende Vorzeichen, dass sich die Hinwilerin im Vergleich zu ihrer WM-Premiere im Vorjahr steigern könnte, als sie in Goms auf einer happigen 5-km-Strecke sich auf Position 42 in etwa in der Mitte des Feldes einreihte.
Während Weber im Wallis vor einem Jahr aber nur ein Einzelrennen sowie die Staffel bestritt, kommt sie in Finnland neben den 5 km Skating vom Dienstag anschliessend auch noch über 15 km klassisch zum Einsatz.
Coupierte Strecke als Vorteil
Sie ist damit Nicola Wigger, ihrem Klubkollegen vom SC am Bachtel, etwas voraus. Der Gibswiler wird in Lahti – wie Weber vor einem Jahr – nur ein Einzelrennen (10 km Skating) bestreiten. Er ist aber noch in der abschliessenden 4×5-km-Staffel vorgesehen. Konkrete Rangziele hat er sich bei seiner Premiere keine gesetzt. «Ich freue mich einfach über die Super-Chance», betont Wigger. Ihm entgegen kommt da die coupierte Strecke. «Je härter sie ist, desto besser gefällt es mir», sagt er. Dem pflichtet Verbandscoach Isenschmid bei, der den Oberländer als Riesenfighter bezeichnet.
«Ich freue mich einfach über die Super-Chance.»
Nicola Wigger
Seine Nomination verdiente sich Wigger insbesondere dank guten Leistungen in den Alpencup-Wettkämpfen von Valdidentro (ITA) und Nove Mesto. Gleich mehrfach klassierte er sich dort in den Distanzrennen als zweitbester Schweizer, wobei in Tschechien sogar einmal der Sprung auf Platz 9 gelang.
Wigger gehört, genauso wie Anja Weber, noch gar keinem nationalen Langlauf-Kader an. Dies dürfte sich im Fall des 17-Jährigen, der während der Woche im Leistungszentrum Engelberg trainiert und zur Schule geht, aber alsbald ändern. Er wird nämlich aller Voraussicht nach für die nächste Saison den C-Kader-Status erhalten.
Und wo ist der Leistungshorizont bei Weber und Wigger? Haben die beiden das Zeug, um sich im Weltcup zu etablieren und damit in die Fussstapfen des letzten Oberländer Weltcup-Athleten Remo Fischer (er gab 2014 seinen Rücktritt) zu treten? «Wir sind da mit Prognosen vorsichtig», sagt Isenschmid. Der Trainer nennt aber zumindest das Beispiel von Beda Klee (22) als Indikator über den möglichen Zeithorizont. Der Wattwiler überraschte vor zwei Jahren als Junioren-WM-Vierter. Seit dieser Saison kommt Klee bereits regelmässig im Weltcup zum Einsatz.
