Auf tiefem Terrain zu Höhenflügen
Es war sein erstes wettkampffreies Wochenende seit geraumer Zeit. Ruhiger ging es Kevin Kuhn deshalb aber nicht an. Das Gibswiler Radquer-Talent nützte bis am Donnerstag die Zeit, um in einem Trainingslager im Piemont an den Grundlagen zu arbeiten. Das Ziel: Möglichst viele Kilometer abzuspulen.
Der 20-Jährige schätzt das Trainingsgebiet im Nordwesten von Italien und hatte sich deshalb mit seinem Teamkollegen Timon Rüegg in einem Apartment eingemietet, wo die beiden Rennfahrer nach den langen Trainingseinheiten auch gemeinsam kochten.
Vor allem versuchte Kuhn im zehntägigen Trainingslager die Basis für den weiteren Saisonverlauf legen. Schon einige Male konnte er in den letzten Wochen auf sich aufmerksam machen. Der Oberländer überraschte die ältere Gegnerschaft in den Elite-Rennen von Steinmaur (4.) sowie Madiswil (6.) und schaffte es im U-23-Weltcup zweimal auf Platz 6 – zuletzt im belgischen Koksijde, wo er lediglich um 14 Sekunden einen Podestplatz verpasste.
Weniger gut lief es ihm hingegen zuvor bei der U-23-EM in ’s-Hertogenbosch (NED), als ihm bei einer Sandpassage ein Missgeschick passierte und er deshalb nach einem Sturz für einmal nur mit Platz 16 Vorlieb nehmen musste. Dies ändert aber nichts am guten Gesamteindruck. «Die Spitze ist sehr nahe beieinander. Es fehlt nicht viel zu einem Top-3-Platz im Weltcup auf U-23-Stufe», sagt Kuhn.
Das Arbeitspensum reduziert
Tatsächlich bestätigen die jüngsten Resultate die positive Entwicklung. Sie sind nicht zuletzt auch eine erste Folge davon, dass Kuhn seit der erfolgreichen Ausbildung zum Elektroinstallateur vom letzten Sommer nur noch zu 50 Prozent bei seiner Lehrfirma in Gossau arbeitet.
Die frei gewordene Zeit investiert er ins Training, aber auch für die Regeneration. «Dadurch konnte Kevin bereits einen Schritt nach vorne machen», ist Coach Florian Vogel überzeugt, der fast täglich im Austausch mit seinem Schützling steht.
«Kevin gerät auch nach einem schlechten Rennen nicht gleich ins Zweifeln. Das ist aussergewöhnlich für einen jungen Athleten.»
Florian Vogel, Coach
Sowieso hält der 36-Jährige grosse Stücke auf Kuhn und streicht dazu seinen vierten Platz an der Junioren-WM in Zolder (BEL) vom Februar 2016 exemplarisch heraus. «Die Konkurrenz aus Belgien, Holland und Luxemburg ist zum Teil schon mit 16 Jahren als Profi unterwegs. In diesen Ländern hat das Radquer denselben Stellenwert wie bei uns der Fussball. Umso grösser sind Kuhns Ergebnisse einzuordnen», betont er.
Mental ein Top-Athlet
Laut Vogel hat der Gibswiler nicht zuletzt aufgrund seiner mentalen Stärke das Zeug zum Schweizer Top-Athlet im Elite-Bereich. «Kevin gerät auch nach einem schlechten Rennen nicht gleich ins Zweifeln. Das ist aussergewöhnlich für einen jungen Athleten», sagt Vogel, der in seiner Mountainbike-Karriere selbst zweimal Europameister in der Kategorie Cross Country wurde.
Mountainbike-Rennen bestreitet auch Kevin Kuhn noch immer während den Sommermonaten regelmässig. Und dennoch hat sich sein Fokus zuletzt deutlich in Richtung Radquer verschoben. «Das kommt seinem Potenzial entgegen», findet Vogel. Er bezeichnet Kuhn als «guten Roller», dessen Qualitäten auf tiefem Terrain mit wenigen Höhenmetern zum Tragen kommen.
Heimspiel in Eschenbach
Die nächste Gelegenheit bietet sich ihm bereits am Sonntag bei der fünften Station der EKZ-Cross-Tour in Eschenbach. Für Kuhn ist es als Athlet des organisierenden VC Eschenbach ein Heimspiel. Und doch käme eine Topplatzierung aufgrund der Belastung im erwähnten Trainingslager eher einer Überraschung gleich. «Das ist wohl eher ein Nachteil», meint jedenfalls sein Coach Vogel.
Die harten Trainingstage dienten Kuhn sowieso vielmehr als Basis für die eigentlichen Höhepunkte der Saison. Mitte Januar stehen zunächst die Schweizer Meisterschaften in Sion an, ehe Anfang Februar im dänischen Bogense seine zweitletzte Weltmeisterschaft auf der Ebene U-23 ansteht.
