Mit dem Spass kommt der Rest
Eine Snowboardtasche, dazu ein kleiner Rucksack: Mehr hat Gian Sutter am Flughafen Zürich-Kloten nicht dabei, als er sich nach Den Haag aufmacht. Darauf angesprochen, lächelt der Pfäffiker.
Der 19-Jährige, mittlerweile ein erfahrener Reisender, ist in den vergangenen Monaten weit herumgekommen. Spanien, Japan, Kanada, Neuseeland und Italien stehen auf seiner Liste.
Seit dem Wochenende gehört nun also auch Holland dazu, wo er an einem Railcontest (Rails sind Geländer) teilnahm. An diesem standen kaum Snowboarder am Start, die wie Sutter den Fokus aufs Training und Wettkämpfe legen, sondern «eher Leute aus der Filmindustrie», wie der Oberländer sagt.
«Es war gut zu sehen, wo ich stehe und was ich noch machen muss, um weiter nach vorne zu kommen.»
Gian Sutter
Der Kurztrip war für ihn, der selber viel Freude an der Snowboard-Filmerei gefunden hat, eine willkommene Abwechslung. Quasi ein Motivationszückerchen vor der Rückkehr in den Alltag.
Bewusst breiter aufgestellt
Dieser spielt sich neu durchgehend auf höchster Stufe ab. Den Einstieg zur Weltcup-Saison hat der ins A-Kader aufgestiegene Freestyler dabei längst hinter sich. Anfang September lieferte Sutter in Cardrona (NZL) im Big Air mit Rang 20 eine solide Vorstellung ab. Knapp zwei Monate später belegte er in Modena in derselben Disziplin den 30. Rang.
Mit diesen Ergebnissen ist er zufrieden. «Es war gut zu sehen, wo ich stehe und was ich noch machen muss, um weiter nach vorne zu kommen.»
Unrealistische Hoffnungen hatte sich der Oberländer in dieser Hinsicht sowieso nicht gemacht. Das Niveau im Big Air ist enorm hoch. Ohne Vierfach-Rotation (1440) sei ein Finaleinzug kaum zu realisieren, sagt Sutter, der beispielsweise in Neuseeland einen Sprung mit dreieinhalb Drehungen (Backside 1260 Trail Grab) zeigte.
Der Pfäffiker mag nicht wie zahlreiche der Big-Air-Spezialisten einen einzigen sehr guten Sprung mit hohem Schwierigkeitsgrad draufhaben, dafür hat er ein breiteres Repertoire an Tricks auf Lager.
Das hat mit seiner Fokussierung auf die Disziplin Slopestyle zu tun. In den Parcours mit jeweils zwei oder drei Rails und ebensovielen Sprüngen sind andere Qualitäten gefragt als im Big Air.
Man muss ein versierter Allrounder sein, auf alle Seiten spinnen (drehen) und die Rails fahren können. Gefragt sind zudem Anpassungsfähigkeit und Kreativität, da man in jedem Wettkampf den Lauf neu zusammenstellt.
Der Weg, nicht der Rang zählt
Schon 2016 feierte Sutter im Slopestyle sein Weltcup-Debüt. Zwei Jahre später und dank dem Europacup-Gesamtsieg in seiner Lieblingsdisziplin hat er sich
ein persönliches Weltcup-Startticket geholt.
Das entlastet ihn vom Druck, sich im breit aufgestellten Schweizer Kader jeweils mit den anderen um einen der fünf Startplätze balgen zu müssen. Es ist eine gute Ausgangslage für Sutters erstes ganze Jahr auf höchstem Niveau.
Was er sich dafür vorgenommen hat? Das lässt sich nicht an Platzierungen festmachen. Und es passt zum abgeklärt und gelassen auftretenden Sutter, der so gar nicht dem gängigen Klischee des lauten und leicht überdrehten Freestyle-Snowboarders entspricht, dass er einen sehr offenen Ansatz pflegt.
«Fahre ich gut und komme in Finals, dann bin ich auch an der WM dabei.»
Gian Sutter
Natürlich wäre auch Gian Sutter enttäuscht, würde er in keinem der sechs Slopestyle-Weltcups in den Final vorstossen. Und würde er die WM in Park City und damit den Saisonhöhepunkt verpassen, an der im Slopestyle nur vier Schweizer starten können.
Dennoch spricht der von seinen Trainern als disziplinierter und leidenschaftlicher Athlet beschriebene Sutter lieber vom Weg, den er anpeilt.
Er hat sich etwa vorgenommen, im Parcours zwei 1260er-Sprünge hintereinander stehen zu können. Das sei ein hoher Schwierigkeitsgrad, sagt Sutter, der sich ganz allgemein gesehen darauf abstützt: «Fahre ich gut und komme in die Finals, dann bin ich auch an der WM dabei.»
Kosten als Knacknuss
Stösst er in Slopestyle-Finals vor, hat das nicht nur einen sportlichen Wert für ihn, sondern auch einen finanziellen. In diesem Fall würde der Schweizer Verband die Flugkosten decken.
Es wäre für den Snowboardprofi eine willkommene Unterstützung. Ein paar kleinere Sponsoren hat er. Dazu versucht Sutter, einen Teil seines Budgets mithilfe eines Crowdfunding-Projekts zu decken.
Doch die Kosten für Reisen und Trainingslager sind hoch. Erschwerend kommt hinzu: Die Sporthilfe hat ihm den Förderbeitrag überraschend auf 12’000 Franken halbiert. Darüber aufregen mag er sich nicht, gibt aber zu: «Die Situation war nicht einfach.»
Nachdem man ihm die Gründe dafür dargelegt hat, ist das Thema jetzt abgehakt. Die Saison ist gesichert, der Sport zurück im Mittelpunkt.
Die Zeit ist knapp bemessen
Sutter weiss um die Mechanismen im Freestyle-Bereich. Die Zeit, sich in der Weltspitze etablieren zu können, ist knapp bemessen. «Ab 20 muss man ab und zu in die Spitze fahren», sagt er, «unter 25 muss man den Durchbruch geschafft haben.»
Von den zehn Schweizern in der Nationalmannschaft und im A-Kader, die auf Big Air und Slopestyle setzen, ist einzig Carlos Gerber (28) älter als 23.
In der Schweiz sind die Anlagen auf dem Schnee zwar kaum zu toppen. Ein sogenannter Landingbag – ein riesiges Luftkissen – auf dem es viel sicherer ist, einen Trick zu üben und den man auch im Sommer einsetzen kann, aber fehlt.
Es ist ein grosser Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Und die Sportart entwickelt sich enorm schnell. Auch der Pfäffiker ist gezwungen, sich an immer schwierigere, riskantere Tricks zu wagen. «Wenn man sieht, was da abgeht, macht man sich schon ab und zu Gedanken.»
Es gibt darum Momente, in denen Sutter kurz ausbrechen muss. Dann schnappt er sich sein Brett und fährt einfach drauflos, um seine Lockerheit wieder zu finden.
Denn bei aller Disziplin und Leistungsbereitschaft, mit der er seine Karriere vorantreibt, ist Sutter keiner, der auf bestimmte Ziele fixiert ist. Sein Credo ist simpel: «Mit dem Spass kommt der Rest.»
