«Es ist Zeit, dass es losgeht»
So war das nicht geplant. Am Sonntag, wenn die Männer auf dem Rettenbach-Gletscher oberhalb von Sölden traditionell mit einem Riesenslalom die Weltcup-Saison eröffnen, sitzt Gilles Roulin daheim in Grüningen vor dem Fernseher.
Der Grund: Er war in der internen Qualifikation in Saas-Fee zu wenig schnell, um einer der neun Schweizer Starter in Österreich zu sein. Das fuchst ihn, auch wenn es für Roulin aufgrund seiner hohen Startnummer sehr schwierig geworden wäre, ein gutes Ergebnis zu erzielen.
«Die Enttäuschung darüber, in der Qualifikation nicht meine Bestleistung abgerufen zu haben, ist fast grösser als jene, in Sölden nicht dabei sein zu können.»
«Ich habe den Rückstand verkleinert, bin aber noch keine Rakete.»
Innerlich hat Roulin den verpassten Österreich-Abstecher bereits abgehakt. Jetzt wird er seine zweite Weltcup-Saison halt in einem Monat im kanadischen Lake Louise beginnen. An jenem Ort also, an dem er vor einem Jahr mit einem 12. Platz in der Abfahrt seinen Premierenwinter auf höchster Stufe ideal lancierte.
Roulin punktete danach in den Speed-Disziplinen in jedem Rennen und legte so eine Konstanz an den Tag, die man von einem Neuling nicht erwarten konnte. «Dass es so aufgegangen ist, ist natürlich cool», sagt der Europacup-Sieger der Saison 2016/2017 und findet zugleich Motivation im Wissen: «Ich hätte vieles noch besser machen können.»
Das Lehrstück in Südkorea
Lehrreich waren für Roulin beispielsweise die Olympischen Spiele. Sie verliefen für ihn enttäuschend. Eine falsche Erwartungshaltung, aber auch ganz spezielle Bedingungen in Südkorea ortet er als zwei der Gründe.
Sie führten dazu, dass er plötzlich die bewährte Spur verliess, beispielsweise mit den Schuhen pröbelte. Die Erkenntnis: «Ich verlor mich, anstatt cool zu bleiben.» Es dürfte dem gewissenhaften Athleten, der eher etwas gebremst als angetrieben werden muss, kein zweites Mal passieren.
Olympia zeigte ihm zudem deutlich auf: Der Grat an der Weltspitze ist unglaublich schmal. «Man braucht eine gewisse Lockerheit. Herzaubern kann man sie aber nicht.»
Nun ist Roulin ein Jahr reifer, hat zahlreiche Erfahrungen sammeln können. Davon möchte er profitieren. Die Tatsache etwa, dass er jetzt alle Weltcup-Stationen kennt, eröffnet ihm neuen Handlungsspielraum.
«Wo stehen die Lifte? Wie sind die Pisten? Das sind alles Unsicherheitsfaktoren, die man verarbeiten muss und die jetzt wegfallen.»
Seine Rolle hat sich derweil verändert. Roulin ist nicht mehr der unbekannte Grünschnabel, der unbeschwert die ersten Schritte auf neuem Terrain machen kann. Er hat sich in den Speed-Disziplinen auf Anhieb in den Top 30 festgesetzt und muss seine Leistungen bestätigen.
«Es braucht eine gewisse Lockerheit. Herzaubern kann man sie aber nicht.»
Von der veränderten Ausgangslage lässt er sich nicht beeinflussen. «Ich spüre keinen Druck», sagt er. Und man darf ihm das durchaus glauben. Nicht nur, weil er gar nie Medienberichte über sich liest, sondern auch, weil sich der Oberländer als Teil des Schweizer Teams sieht. Von diesem erwartet die Öffentlichkeit selbstredend positive Resultate. Roulin weiss das. «Aber ich bin ja nicht derjenige, der eine Kugel zu verteidigen hat.»
Frustrierend, aber auch cool
Die Vorfreude des Oberländer Skifahrers auf den Winter ist gross. «Es ist Zeit, dass es losgeht», sagt er mit Nachdruck. Denn erst bei den Rennen in Nordamerika erhält er einen ersten Anhaltspunkt, ob er auf dem richtigen Weg ist.
Wobei: Roulin hat aus seiner Sicht in der Vorbereitung nicht etwa einen anderen Weg eingeschlagen. «Ich bin einfach in neuen Passagen unterwegs.» Er feilte an Details, was für ihn aber auch heisst, dass die Fortschritte kleiner werden. «Das ist einerseits frustrierend, andererseits aber cool, weil man neue Dinge dazunehmen kann.»
Vor allem das Gleiten und der Start, zwei Bereiche, in denen er Defizite hat, beschäftigten ihn zuletzt. Auf einer speziell eingerichteten Startrampe in Obersaxen feilte er intensiv an den Stockstössen und Schlittschuhschritten nach dem Start.
Der Prozess ist nicht zu Ende, die Arbeit aber zeigt bereits Auswirkungen. Verlor Roulin im Olympiawinter in den ersten acht Sekunden zwischen 25 und 40 Hundertstel, sind es jetzt zwischen 10 und 20. «Ich habe den Rückstand verkleinert, bin aber noch keine Rakete.»
Lauter positive Vorzeichen
Roulins Anspruch ist klar, er will sich weiter verbessern. Er weiss aber auch: «Es wird schwieriger, die Luft wird dünner.»
Der Oberländer hat dennoch viele Gründe, zuversichtlich zu sein. Erstmals überhaupt hat der 24-Jährige, der als Athlet mit beeindruckender Fitness gilt, diesen Sommer keinen einzigen Trainingstag verpasst. Das ist enorm wertvoll, wenn man bedenkt, dass die Grundlage für Erfolge auf der Piste in den warmen Monaten gelegt werden.
Kommt hinzu: Im engsten Umfeld, das er als entscheidend betrachtet, herrscht zu seiner Freude erstmals seit Jahren Beständigkeit. «Bei einem neuen Trainer dauert es normalerweise bis im Februar, bis eine Art blindes Verständnis vorhanden ist.»
Im Gegensatz zur Vorsaison steht in Roulins Jus-Fernstudium im Winter nur ein Modul auf dem Programm. Der Skifahrer erhofft sich dadurch etwas mehr Luft. Schliesslich hat er keinen Mangel an Projekten.
Eine Herzensangelegenheit für ihn bleibt weiterhin der Riesenslalom. Noch immer ist es mittelfristig sein Ziel, sich auch in der Basisdisziplin im Weltcup zu etablieren. «Ich probiere, die Chance, die ich nicht habe, zu nutzen.»
«Ich probiere die Chance, die ich nicht habe, zu nutzen.»
Der Allrounder kämpft mit Widrigkeiten – den hohen Startnummern, aber auch mangelnder Zeit. Ein Abstecher in den Europacup mit dem Ziel, sich in der Startliste nach oben zu arbeiten, wird durch Roulins dichten Rennkalender verhindert.
Die realistische Variante bleibt demnach, sich dank sehr guten Resultaten in den Speed-Disziplinen den Zutritt über die sogenannte 500er-Punkte-Regel zu verschaffen, dank derer man einen günstigen Startplatz hinter den Top 30 erhält. Um die Hürde einst zu überspringen, muss Roulin kräftig Gas geben. Sein derzeitiges Total: 173 Punkte.
