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«Ich muss nur meinen Plan durchziehen»

Der Druck ist gross, nichts weniger als die Goldmedaille wird von Titelverteidigerin Jeannine Gmelin an der WM in Bulgarien erwartet. Beeindrucken lässt sich die Ustermer Skifferin davon nicht. Die Seriensiegerin ist einzig darauf fokussiert, ihre beste Leistung abrufen zu können.

Weltmeisterin Jeannine Gmelin will an der WM in Bulgarien ihren Titel verteidigen.

Foto: Keystone

«Ich muss nur meinen Plan durchziehen»

Die wenigsten Schweizer dürften Plovdiv kennen. Auch Jeannine Gmelin hat vor ihrer Abreise nur wenige Informationen darüber gehabt, was sie in der zweitgrössten bulgarischen Stadt erwartet, in der ab Sonntag die WM ausgetragen wird.

Das stört das Aushängeschild der Schweizer Ruderer aber nicht weiter, obwohl sie eine Perfektionistin ist. Die Ustermer Skifferin weiss: Bevor sie im Vorlauf erstmals ins Wettkampfgeschehen eingreift, bleibt ihr genügend Zeit, um sich in den Trainings an die Begebenheiten zu gewöhnen.

Viel wichtiger als Detailwissen über den Austragungsort ist sowieso das Gefühl, mit dem Gmelin die wichtigste Woche der Saison angeht und an deren Ende die Titelverteidigung stehen soll. Und das könnte besser nicht sein.

«Ich weiss, ich bin gut vorbereitet», kann die 28-Jährige zufrieden sagen, nachdem sie auch im letzten Vorbereitungsblock in Sarnen und Coregno (ITA) verletzungsfrei und ohne Krankheit geblieben ist.

 

So lässt sich zusammenfassend sagen: Das Jahr ist für Gmelin bisher optimal verlaufen. Sie hat die angestrebte Konstanz auf hohem Niveau erreicht.

In der Planung war alles auf die WM ausgerichtet. An der EM in Glasgow Anfang August arbeitete Gmelin darum an den rennfreien Tagen härter als sonst bei Wettkämpfen, schwitzte einmal sogar im Kraftraum, um ohne Trainingsausfälle zu bleiben.

Was letztlich ebenfalls dazu beigetragen hat, dass sie jetzt sagt: «Ich bin stärker als 2017. Das gibt mir Selbstvertrauen.»

Die Folgen des WM-Titels

Es sind keine gute Nachrichten für die Konkurrenz, die sich seit Gmelins 5. Platz an den Olympischen Spielen in Rio 2016 die Zähne an ihr ausbeisst. 20 Rennen hintereinander hat die Einer-Dominatorin mittlerweile gewonnen. Und nichts deutet darauf hin, dass diese imposante Serie ausgerechnet in Bulgarien reisst.

Die Ustermerin hat – das zeigen die Zahlen ihrer Tests – nicht nur physisch zugelegt. Gmelin sagt, sie sei dank ihren zuletzt gemachten Erfahrungen auch nochmals reifer geworden.

 

Der Auslöser für die Erfahrungen war der souveräne WM-Titelgewinn im Herbst 2017. Dadurch wurde aus der früheren Jägerin nicht nur endgültig die Gejagte. Diejenige Ruderin, die im Einer den Massstab setzt und sich auch dann noch durchsetzt, wenn sie, wie im EM-Final vor wenigen Wochen, nicht ihren besten Tag erwischt.

Sie rückte auch vermehrt in die breite Öffentlichkeit. Das brachte einige ungewohnte Herausforderungen mit sich – nur schon in der Planung. Gmelin sagt: «Ich musste lernen, damit umzugehen.»

Der sinkende Wert der Siege

Zur mentalen Knacknuss wurde zwischenzeitlich auch etwas, wovon die meisten Einzelsportler nur träumen können: die Siegesserie. Gmelin realisierte, dass sich ihr Verhältnis zum Gewinnen veränderte.

«Jahrelang strebte ich diese Siege an. Und plötzlich wurden sie zur Normalität. Damit hätte ich nicht gerechnet.» Sie musste sich also noch einmal bewusst werden: Wofür dieser enorme Aufwand, wenn nicht für die Erfolge?

 

Britain Rowing European Championships

Die Antwort ist überraschend einfach – Gmelin liebt, was sie macht. Es sind nicht die Titel, Medaillen oder Pokale, die sie antreiben. Sondern die Freude an all der harten Arbeit, die dafür nötig ist. Und auch ihr Drang, sich ständig verbessern zu wollen.

Nicht die Resultate, sondern den Prozess in den Vordergrund zu stellen, ist tief in Gmelin verankert. So tief sogar, dass sie auch jetzt nicht von diesem Schema abweicht.

«Jahrelang strebte ich diese Siege an. Und plötzlich wurden sie zur Normalität. Damit hätte ich nicht gerechnet.»

Jeannine Gmelin

Dass sie erstmals als Titelverteidigerin an einem Grossanlass antritt, ist ihr natürlich bewusst. Auch dass man von ihr die Goldmedaille erwartet. Fokussiert aber ist sie ausschliesslich auf ihre eigene Leistung.

Sie sagt: «Ich will im Final mein bestes Rennen der Saison zeigen.» Klar dabei ist: Gmelin kennt ihre Fähigkeiten und hat Vertrauen in sie.

Der Wunsch bleibt gleich

Gegenüber der EM, an der nur neun Boote starteten, ist das WM-Feld (24) erheblich grösser. Ein prominenter Name aber fehlt: Die Britin Victoria Thornley, WM-Zweite von 2017, gab wegen Übertraining Forfait. Gmelins Hauptkonkurrentinnen dürften demnach Magdalena Lobnig (AUT), Carling Zeeman (CAN) und Sanita Puspure sein. Die Irin forderte Gmelin beim Heimweltcup auf dem Rotsee alles ab, die EM liess sie dann allerdings zugunsten der WM-Vorbereitung aus.

Gmelin beschäftigt sich derweil nicht mit der Konkurrenz. «Wer am Start steht, verändert nicht meinen Wunsch, den Titel zu verteidigen», begründet sie.

Es gilt – wie im Boot – bei sich selber zu bleiben. Und welche Rolle könnten der Wind und die Wasserhärte im künstlichen Kanal in Plovdiv spielen? «Im Endeffekt sind es zwei 2000 m lange Bojenlinien, innerhalb derer ich mich bewege. Ich muss nur meinen Plan durchziehen.»

Schweizer Ruderer mit Ambitionen

Die Schweizer Ruderer haben an der WM in Plovdiv grosse Ambitionen. Der Schweizer Verband strebt in Bulgarien eine Medaille, zwei A-Finals und insgesamt vier Top-Ten-Klassierungen an. Das Ziel ist angesichts der bisherigen Leistungen in dieser Saison defensiv gewählt.

Wie die Ustermerin Jeannine Gmelin im schweren Einer gehört Michael Schmid im nicht-olympischen Leichtgewichts-Einer zu den Anwärtern auf die Goldmedaille. Der 30-jährige Luzerner war sowohl an den Europameisterschaften als auch am Weltcup in Luzern eine Klasse für sich. Allerdings fehlte bei diesen Wettkämpfen der Deutsche Jason Osborne, der bei den Weltcup-Regatten in Belgrad und Linz zweimal vor dem Schweizer gewonnen hatte.

Pfäffiker Hirsch im Einsatz

Zu rechnen ist auch mit dem Doppelzweier Roman Röösli/Barnabé Delarze. Der 24-jährige Röösli stand heuer im Weltcup und an der EM stets auf dem Podest – je zweimal im Skiff und im Doppelzweier (mit Nico Stahlberg).

Mit Delarze bildet er 2018 zum ersten Mal ein Boot. Die beiden ruderten allerdings im vergangenen Jahr im Doppelzweier zusammen, wie schon zuvor im Doppelvierer. Insofern kennen sie sich bestens. An der letztjährigen WM verpasste das Duo den A-Final hauchdünn und belegte Platz 8. Stahlberg startet in Plovdiv im Einer.

Insgesamt vertreten neun Boote die Schweiz in Bulgarien. Im Vierer ohne, der diese Saison erstmals international im Einsatz steht und ein Olympiaprojekt für 2020 ist, sitzt der Pfäffiker Benjamin Hirsch. (sda/zo)

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