Der Senkrechtstarter mit dem guten Fundament
In Tim Bernis Karriere ist es jüngst Schlag auf Schlag gegangen. 18 Jahre alt ist der Dübendorfer erst, noch hat er seinen KV-Abschluss an der United School of Sports nicht im Sack. Doch Berni hat in den letzten Monaten Aussergewöhnliches erreicht.
Kurz vor den Playoffs stieg der damals in seiner ersten Saison bei den GCK Lions spielende Verteidiger vom Farmteam zu den ZSC Lions auf, nur um dann zur grossen Playoff-Überraschung der Stadtzürcher zu avancieren.
Der Lohn dafür: Anfang Juni unterschrieb Berni bei den ZSC Lions seinen ersten Profivertrag. Lediglich 23 Spiele in der höchsten Schweizer Liga hat er bisher absolviert.
In der Nacht auf Sonntag wurde Berni nun im NHL-Draft an 159. Stelle von den Columbus Blue Jackets gezogen. Wenige Stunden später flog er nach Columbus, wo er in den vergangenen Tagen am Development Camp teilnahm.
Aus Übersee gab er via Twitter einen kurzen Einblick in seine Gefühlswelt. Es sei eine grosse Ehre, Teil dieser Organisation zu sein, schrieb er. «Ich danke allen, die mir halfen, bis zu diesem Punkt zu kommen.»
Auffällig vor dem Aufstieg
Es sind Worte, wie man sie in den sozialen Netzwerken mittlerweile oftmals liest. Im Gegensatz zu anderen Sportlern, die die neuen Medien gezielt nützen, um ihr Image zu pflegen, dürfte Bernis seinen Eintrag ernst meinen. Der junge Dübendorfer gilt als einer, der mit beiden Beinen im Leben steht.
Er gab sich beispielsweise auch dann demütig, als er im Zürcher Meisterrennen für seine abgeklärten Leistungen haufenweise mit Lob überschüttet wurde.
Das ist keine Selbstverständlichkeit, schliesslich ist Bernis Aufstieg steil verlaufen. Unerwartet aber kam dieser nicht, erzählt Paul Berri. Der Bündner war in der Saison 2015/16 Bernis Trainer bei den Novizen Elite und sagt, der Verteidiger sei in der Lions-Organisation immer aus dem 2000er Jahrgang herausgestochen.
«Die Erwartungen an ihn werden höher sein.»
Trainer Paul Berri
Seine Spielübersicht, der gute erste Pass, wie er sich in 1-gegen-1-Situationen mit und ohne Scheibe verhält, wie er mit wenig Effort auf ein hohes Tempo beschleunigen kann – Berni verfügt über aussergewöhnliche Fähigkeiten, die er zuletzt erstmals auf höchsten Level einsetzen konnte.
Berri ist jedenfalls voll des Lobes. Er bezeichnet den Glattaler gar liebevoll als «Streber», der etwas so lange übt, bis er es beherrscht. «Tim ist sehr gewissenhaft und fokussiert. Er hat eine klare Strategie, kann seine Trainingsleistungen im Spiel abrufen und hat viel erreicht – auch dank seiner Persönlichkeit.»
Hoffen auf den Glücksgriff
Egal ob bei den Junioren oder im Profibereich, der aufstrebende Berni packt seine Aufgaben laut Berri immer mit derselben Akribie an. Der Sportler legt auf dem Eis, aber auch daneben eine erstaunliche Reife an den Tag.
Das wird dem Abwehrspieler, der letzte Saison neben Einsätzen in der U-18-Nationalmannschaft auch die U-20-WM in Buffalo bestritt – dem internationalen Schaufenster für Talente schlechthin – bei seinen nächsten Schritten helfen.
Dass sich ein NHL-Klub die Rechte an Berni sichern würde, davon ging man aus. Nicht immer aber trifft auch ein, was Experten erwarten. So gehörte der Davoser Stürmer Nando Eggenberger heuer zu den drei grossen Schweizer Drafthoffnungen. Er lag in der abschliessenden Rangliste des NHL Scouting unter den Europäern auf Rang 48, Berni auf 62.
Doch Eggenberger wurde übergangen. Columbus hingegen führte gar einen Tausch von Draftrechten durch, um den Lions-Verteidiger Anfang der sechsten Runde ziehen zu können.
General Manager Jarmo Kekalainen sagte hinterher im Zusammenhang mit Berni, er hoffe auf einen «Sleeper-Pick». Als solche bezeichnet man Spieler, die im Draft zwar weiter hinten gezogen werden, sich später aber als Glücksgriff erweisen.
Der Draft ist kein NHL-Ticket
«Dass er gedraftet wurde, ist cool. Das gibt ihm noch mehr Motivation», sagt Berri derweil. Er ist überzeugt: Berni bringt alle Voraussetzungen für eine gute Karriere mit.
«Das Fundament dafür ist gelegt.» Klar ist schon jetzt: Berni wird nächste Saison in jedem Fall bei den ZSC Lions spielen. Das zweite Jahr in der National League aber werde schwieriger, prognostiziert Berri. «Die Erwartungen an ihn werden höher sein.»
Doch man wird dem 18-Jährigen die Zeit zugestehen, sich zu entwickeln, «weiter an seinen Fähigkeiten zu arbeiten», wie Berri sagt.
Ob der Dübendorfer einst gar in der NHL spielen wird? Das ist nicht voraussehbar. Im Draft gezogen zu werden ist jedenfalls keinerlei Garantie dafür.
Vor 2018 sicherten sich die NHL-Klubs die Rechte an 71 Schweizern (ohne Doppelbürger). 41 davon blieben ohne einen einzigen Einsatz in der besten Liga der Welt. Wobei in dieser Statistik Spieler enthalten sind, die wie Jonas Siegenthaler momentan am Sprung in die NHL arbeiten.
Der 21-jährige Siegenthaler verbrachte die letzte Saison schon in Nordamerika und spielte in der zweitklassigen AHL. Berni schnupperte im viertägigen Camp der Blue Jackets zumindest etwas NHL-Luft.
Was ihm davon bleibt? Neue Eindrücke und Erfahrungen, die ihm auf seinem weiteren Weg helfen dürften. Auf diesem weit in die Zukunft blicken zu wollen, macht allerdings wenig Sinn. Zu viele Faktoren beeinflussen den Verlauf einer Karriere.
Bei allem Talent und Fleiss gehört letztlich auch etwas Glück dazu. Das hat die vergangene Saison gezeigt. Erst der Trainerwechsel der ZSC Lions öffnete Berni überhaupt die Türe zur National League. Hans Kossmann hatte den Mut, konsequent auf Eigengewächse zu setzen. Der Rest ist bekannt – Berni wurde zum Senkrechtstarter.
