Treschs grosse Lust am Laufen
Wer sich auf der Website des schweizerischen Leichtathletikverbands alle Resultate von Martina Tresch anzeigen lässt, verliert schnell die Orientierung. Nicht, weil sich logischerweise im Verlaufe ihrer Karriere viele Ergebnisse angesammelt haben. Sondern, weil die Rütnerin schon in unglaublich vielen verschiedenen Disziplinen angetreten ist.
Ob 3000 m, 5000 m, 10’000 m, 3000 m Steeple, 400 m Hürden oder Halbmarathon – in Treschs Sammlung sind sie alle dabei. 22 verschiedene Disziplinen umfasst diese.
Zum Vergleich: Die Wetziker Olympia-Teilnehmerin Fabienne Schlumpf – ebenfalls eine sehr vielseitige Läuferin – kommt nur auf 14.
Tresch muss lachen, als sie auf ihr breites Spektrum angesprochen wird. Der Grund dafür ist nicht taktischer oder trainingstechnischer Natur, sondern denkbar simpel. «Ich laufe einfach sehr gerne.»
Einen Schwerpunkt setzt die am Sonntag 29 Jahre alt werdende Oberländerin, die 2016 an der EM in Amsterdam den Halbmarathon absolvierte, derzeit keinen. Man kann auch sagen: nicht mehr.
Der Körper setzt Grenzen
Vor einigen Jahren war das ganz anders. Treschs Hauptaugenmerk galt den 3000 m Steeple. 2011 knackte sie an der U-23-EM die dazumal über zehn Jahre alte Schweizer Bestmarke von Anita Weyermann.
Später galt Tresch als sichere Kandidatin für die Heim-EM in Zürich 2014, war letztlich dann aber doch nicht dabei. Denn eines blieb sich in all den Jahren gleich: Immer wieder wurde die talentierte Läuferin, die wegen des optimalen Trainingsumfelds in Kansas studierte, von Verletzungen gestoppt.
«Daran wird sich auch nichts mehr ändern», sagt sie.
Es ist eine Feststellung, keine Klage. Denn hadern mag Tresch nicht mehr. Sie sagt: «Ich habe mich damit abgefunden, dass mir mein Körper Grenzen setzt.»
Die Lust am Laufen ist über die Jahre keinesfalls kleiner geworden, der Fokus der Oberländerin aber hat sich verschoben. Sie ordnet dem Leistungssport nicht mehr alles unter.
An erster Stelle steht nun ihre berufliche Karriere. Tresch lässt sich momentan in Rapperswil zur medizinischen Masseurin ausbilden. Sie ist deswegen vor rund einem Jahr von Bern wieder an ihren früheren Wohnort Rüti zurückgezogen.
«Ich habe mich damit abgefunden, dass mir mein Körper Grenzen setzt.»
Martina Tresch
Neben der Ausbildung arbeitet Tresch in einem 40-Prozent-Pensum. Aus diesem Grund muss sie im sportlichen Bereich Abstriche machen. Nicht im Training selber zwar, aber für viele kleine Dinge – beispielsweise solche, die bei der Regeneration helfen würden – fehlt ihr schlicht die Zeit.
Die Oberländerin nimmts gelassen. Schliesslich jagt sie mittlerweile nicht mehr verbissen gewissen Zielen hinterher. Vielmehr lässt sie sich von der Lust und Freude am Sport leiten.
«Ich bin noch nicht fertig»
Dabei schien vor zwei Jahren und nach dem x-ten körperlichen Rückschlag endgültig der Moment gekommen, dem Leistungssport den Rücken zu kehren.
Tresch dachte ersthaft darüber nach – verabreichte sich aber gleich selber die richtige Medizin, um davon abzusehen. Sie sicherte sich erstmals überhaupt das Ticket für eine Leichtathletik-EM der Elite – im Halbmarathon.
«Das gab mir einen Boost.» Und vor allem die Gewissheit: «Ich bin noch nicht fertig mit der Stadion-Leichtathletik.»
2017 folgte für Tresch der nächste Schub in Form von je drei SM-Goldmedaillen und mehreren persönlichen Bestleistungen. Und so läuft sie weiter, immer auch mit der Hoffnung, sich für einen weiteren Grossanlass zu qualifizieren.
Zwei Optionen sieht sie hinsichtlich der EM in Berlin (7. bis 12. August) für sich. Da sind einerseits die 10’000 m. Einen Anlauf, die Limite zu knacken, hat Tresch am Europacup in London genommen. «Doch es hat mich ‘verblasen’», wie sie sagt. Eventuell nimmt sie Ende Juni an einem Meeting in Deutschland nochmals Mass.
Der Flirt mit der alten Liebe
Daneben nähert sich die Rütnerin auch den 3000 m Steeple wieder an. «Ich probiere, zu meiner einstigen Liebe zurückzufinden», sagt sie und muss über ihre Aussage lachen. Die «abenteuerliche Disziplin», wie Tresch sie nennt, übt noch immer einen grossen Reiz auf sie aus.
Auch wenn sie sagt, früher habe sie sich jeweils sehr schlecht vom intensiven Steeple-Training erholt.
Tresch wird demnächst wohl einen Versuch starten, die EM-Limite im Steeple zu unterbieten. Sie geht es locker an, sagt leichthin: «Vielleicht klappt es ja.»
Und wenn nicht? Dann wird sie eine nächste Herausforderung finden. Die Auswahl ist gross. Nicht nur in der Stadion-Leichtathletik, die Tresch so sehr mag, «weil sie so ehrlich ist». Die Rütnerin ist auch sicher: Früher oder später wird der Marathon zum Thema werden. Die Übersicht über ihre Resultate dürfte dann noch ein wenig unübersichtlicher werden.
