Das Optimum im Visier
Wer mit dem Auto von Mönchaltorf aus in den Weiler Brand fährt, kann ausserorts kurzzeitig zwar etwas beschleunigen. Unmittelbar vor dem ersten Hof aber muss er wieder abbremsen, weil die Geschwindigkeit ab diesem Punkt auf 50 km/h begrenzt ist.
Abbremsen? Das ist genau das Gegenteil von dem, was Dany Brand auszeichnet, den Leichtathleten, der so heisst wie der Mönchaltorfer Weiler.
Wobei: Derzeit ist der Rütner langsamer unterwegs als üblich. Nach einem Muskelfaserriss Ende März verzichtet der Hürdenspezialist in den Bahntrainings noch darauf, voll zu beschleunigen. Und er hat nach Absprache mit Trainer Flavio Zberg den Saisonauftakt nach hinten, auf Anfang Juni verschoben, um nichts zu forcieren.
Das Traumjahr 2017
Durch die kleinen Turbulenzen lässt sich Brand nicht verunsichern. Solche Dinge gehören im Spitzensport dazu, findet er. Und es ist auch so, dass sich der 22-Jährige in seiner noch jungen Karriere nahezu jeden Frühling mit kleineren körperlichen Problemen herumschlagen musste.
Er hat also Erfahrung damit. «Meine Ziele habe ich trotzdem jedes Mal erreicht.»
Im Fall der vergangenen Saison ist das eine Untertreibung. Der ebenso ehrgeizige wie auch talentierte Oberländer katapultierte sich mit seinen Leistungen ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit. Obwohl er bei keinem Experten auf der Favoritenliste stand, gewann er an der U-23-EM die Silbermedaille über 400 m Hürden.
An der Universiade erreichte Brand Platz 7, Swiss Athletics nominierte ihn für die Wahl zum Athleten des Jahres. Zudem knackte er die Limite für die Elite-WM in London.
In der Überzeugung, an der Universiade in China langfristig gesehen mehr profitieren zu können, verzichtete Brand auf die WM.
Ein simples Credo
Kann man ein solches Jahr überhaupt toppen? Und ist ein weiterer, grosser Leistungsschub überhaupt möglich? Brand lacht. Es sind nicht solche Fragen, die ihn umtreiben. Sein Credo ist simpler. Es lautet: «Ich will das Maximum herausholen.»
Was ihn dabei von anderen Sportlern mit demselben Ansatz unterscheidet? Brand geht seinen Weg mit einer bemerkenswerten Konsequenz. Jüngstes Beispiel dafür: Nach nur einem Semester stieg er aus dem Kommunikationsstudium an der ZHAW in Winterthur wieder aus.
Nicht etwa mit der Begründung, Studium und Laufbahn seien nicht aneinander vorbeizubringen. Brand ist überzeugt: «Man kann das.»
Er merkte allerdings, dass seine Motivation fürs Studium nicht so hoch war, wie sie hätte sein müssen. «Ich mache keine halbbatzigen Sachen», sagt er.
So ist das Mitglied des LC Zürich jetzt wieder Profisportler, absolviert bis zu acht Trainings pro Woche. Die zurückgewonnene terminliche Freiheit hilft ihm auch, genügend Zeit für die Regeneration zu haben. Es ist ein elementares Puzzleteil im Bestreben, in jedem Bereich das Bestmögliche herauszuholen.
Er kann es sich leisten, voll auf die Karte Sport zu setzen. Der Rütner lebt weiterhin bei seinen Eltern. Dank Sponsoren hat er seine Ausgaben reduzieren können.
Keine Jagd mehr nötig
Dem nächsten Schritt in seiner akribisch geplanten Karriere – Brand hat auf seiner Website alle Ziele bis ins Jahr 2021 aufgelistet – steht also nichts im Weg.
Nicht einmal mehr eine Limite. Denn jene für den Saisonhöhepunkt in diesem Jahr hat er letzte Saison schon erfüllt. Um an der EM in Berlin (7. bis 12. August) dabei zu sein, fordert Swiss Athletics jetzt einzig noch eine Leistungsbestätigung von ihm.
Brand muss in seinen ersten Rennen der Saison über die 400 m Hürden also nicht einer bestimmen Zeit nachjagen, sondern kann sich auf andere Aspekte seiner anspruchsvollen Disziplin konzentrieren, sich gezielt auf die EM vorbereiten.
Es sind Brands zweite kontinentalen Meisterschaften auf Elite-Niveau nach jenen 2016 in Amsterdam. Damals kam er nicht über den Vorlauf hinaus. Jetzt strebt er den Sprung in den Final an.
Das sei eine Herausforderung, sagt er. «Aber eine realistische.»
Zufrieden mit der Basis
Zwei Jahre nach seinem EM-Debüt steht Brand an einem anderen Punkt der Karriere. Das lässt sich allein an seiner Leistungsentwicklung ablesen. In seinen besten fünf Rennen war der Rütner 2017 im Schnitt um über eineinhalb Sekunden schneller als ein Jahr zuvor.
Die persönliche Bestzeit senkte er ebenfalls in ähnlichem Rahmen – auf 49,14 Sekunden. Damit stiess er in der europäischen Bestenliste 2017 auf den achten Platz vor.
Was in dieser auffällt: Ausser dem norwegischen Überflieger Karsten Warholm – der Weltmeister ist nur fünf Tage jünger als Brand – sind alle Konkurrenten klar älter als der 22-jährige Oberländer.
«Ich mache keine halbbatzigen Sachen.»
Dany Brand
So beispielsweise auch der Thurgauer Kariem Hussein (29). Vom zweifachen EM-Medaillengewinner, der vor seinem Wechsel zu Laurent Meuwly lange ebenfalls unter Flavio Zberg trainierte, hat Brand viel lernen können.
Mit seiner mehrmonatigen Vorbereitung, die vier Trainingslager im Ausland umfasste, ist Brand zufrieden. Er habe sich im Schnelligkeitsbereich nochmals entwickeln können, sagt der Langhürdler. Er sieht die Basis gelegt.
Einer weiteren erfolgreichen Saison scheint nichts im Weg zu stehen. Dass Brand sich vorerst etwas gedulden muss, bereitet ihm keine Probleme. «Ob ich eine oder zwei Wochen später einsteige, ist nicht relevant.» Und der Rütner, der als Wettkampf-Typ gilt, ist überzeugt: Er wird bereit sein, wenn es zählt. Im August in Berlin.
