Eine Bestzeit als Fingerzeig
Vier Ziffern, eine Zahl. Alles ganz unscheinbar. Aber diese 39,79 Sekunden, die Robine Schürmann bei ihrem Saisonauftakt in Basel über 300 m Hürden auf die Bahn legte, sind für die Hinwilerin mehr.
Die klare persönliche Bestzeit ist ein erster, wenn auch kleiner Lohn für die intensive Trainingsarbeit in den Wintermonaten. Eine Vorbereitung notabene, in der sie je länger, je mehr das Gefühl erhielt: «Ich bin in Form.»
Allenfalls sind diese 39,79 Sekunden auf der Unterdistanz – Schürmann war gar schneller als die WM-Fünfte Lea Sprunger zwei Tage vor ihr – ja auch ein Hinweis darauf, dass 2018 ein gutes sportliches Jahr für die Oberländerin werden könnte.
Allzu viel hineininterpretieren will Schürmann zwar nicht. In jedem Fall aber stärkt der gelungene Start ihr Selbstvertrauen. «Darauf kann ich aufbauen.»
Von der Verletzung profitiert
Den Rückenwind kann die Hürdenspezialistin durchaus gut gebrauchen. Nach zwei aufeinanderfolgenden «mageren Jahren», wie sie sie bezeichnet.
Zumindest für 2017 ist die Erklärung offensichtlich. Ein Bänderriss am Fuss bescherte ihr letzten Frühling eine längere Leidenszeit. Es war Schürmanns erste ernsthafte Verletzung.
In der Nachbetrachtung findet die 29-Jährige, sie habe durch die unerfreuliche Premiere im mentalen Bereich profitiert. «Ich habe wieder gelernt, auch kleine Dinge zu schätzen. Die Verletzung hat mich mental stärker gemacht.»
Sie sorgte allerdings auch dafür, dass die routinierte Langhürdlerin letzte Saison kleinräumig, sprich national denken musste. Immerhin: Ihr Vorhaben, den Schweizer Meistertitel über 400 m Hürden zu verteidigen, setzte sie erfolgreich um.
Jetzt aber und nach der störungsfrei verlaufenen Vorbereitung hat Schürmann wieder andere Ziele im Kopf, richtet ihren Blick wie schon in der Vergangenheit international aus.
«Ich möchte an der EM dabei sein», sagt sie mit Nachdruck. Zweimal startete die Hinwilerin schon an kontinentalen Meisterschaften.
Nun soll nach 2014 und 2016 die dritte Teilnahme folgen. Zwei der drei Schweizer Startplätze für die 400-m-Hürden-Wettkämpfe in Berlin (7. bis 12. August) scheinen bereits vergeben. Lea Sprunger (28), die EM-Dritte von 2016 sowie die erst 18-jährige Yasmin Giger haben die Limite unterboten. Bei 57,70 Sekunden liegt diese. «Durchaus machbar», sagt Schürmann.
«Es spielt ja auch keine Rolle, ob ich die Limite klar oder knapp unterbiete. Hauptsache geschafft.»
Weg von den Zeiten
Schürmanns Aussage ist mit einem Blick auf die letzten zwei durchzogenen Jahre gut nachvollziehbar. 2015 blieb sie letztmals unter dem jetzt geforderten Wert – notabene gleich sechsmal in jener Saison.
Das ist lange her. Die Vergangenheit hat Schürmann gedanklich nun weggesperrt. Sie sagt: «Ich konzentriere mich auf mein Comeback.»
Sie versucht dabei, sich keinen Druck zu machen. Etwa, indem sie sich sagt: «Schlechter als zuletzt kann es nicht kommen.» Statt sich auf die Zeiten zu versteifen, konzentriert sie sich lieber darauf, technisch möglichst sauber zu laufen. Mit der Gewissheit, dann schnell zu sein.
«Ich bin gespannt, was möglich ist.»
Robine Schürmann
Die letzten Monate waren vielversprechend. Im Unterschied zu früheren Jahren «konnte ich meine Trainings durchziehen», sagt Schürmann. Sie ist überzeugt, dass sich das schliesslich auszahlen wird. Früher als sonst hat die weiterhin bei Flavio Zberg trainierende Hürdenspezialistin ihre Umfänge reduziert, gezielt auf Qualität gesetzt.
Am Samstag läuft sie in Zofingen erneut über 300 m Hürden, zwei Tage später dann erstmals diese Saison über die Originaldistanz. Was beim Wettkampf in Basel drin liegt?
Die Athletin des LC Zürich verzichtet darauf, Vermutungen oder gar Ansprüche zu formulieren. Zur Erfolgsformel sollen neben der disziplinierten Arbeit auch die nötige Lockerheit gehören. Schürmann ist mit Spass dabei, das spürt man. Und sie ist bereit, sich selber zu überraschen. «Ich bin gespannt, was möglich ist.»
