Eine Zwangspause, die nicht schmerzt
Für einen Bewegungsmenschen wie Patrick Müller werden die nächsten Wochen nicht ganz einfach. Aber er weiss: «Es muss jetzt so sein.»
Ein Monat lang gilt für den Ustermer Neoprofi ein Sportverbot, danach darf er langsam wieder beginnen. Mehr als «Gesundheitssport», wie Müller es nennt, wird es allerdings auch dann nicht sein, ehe er acht Wochen nach seiner Operation wieder ohne Einschränkungen trainieren kann. Mit dem Ziel: «Im August möchte ich wieder Rennen fahren.»
In der letzten Woche ist der Fahrer des französischen ProContintental-Teams Vital Concept in Eindhoven von einem Spezialisten an einer Beckenarterie operiert worden. Der Eingriff, bei dem diese Arterie gekürzt wurde, ist für ihn mit der Hoffnung verknüpft, «dass das Problem damit endgültig gegessen ist».
Müllers Problem vereinfacht ausgedrückt: Seine zu lange Arterie wurde bei der Hüftbeugung jeweils geknickt. Das behinderte die Blutzirkulation.
Der moralische Tiefpunkt
Es war eine Beeinträchtigung, mit der sich der 22-Jährige, der zu den grossen Schweizer Nachwuchshoffnungen zählt, über einen langen Zeitraum herumschlug. Und auch eine, deren Ursache man erst nach zahlreichen Untersuchungen feststellte.
Als 17-jähriger Fahrer war er erstmals stutzig geworden, weil ihm auf dem Velo der linke Fuss «eingeschlafen» war. Müller realisierte: Fuhr er über einen längeren Zeitpunkt bei maximaler Belastung stark nach vorne gebeugt – wie bei Rennen gegen die Uhr – bekam er Schwierigkeiten.
In aller Deutlichkeit erlebte er das im Vorjahr. Erstmals trat Müller zu einem über 20 km langen Zeitfahren an. Nach 25 km musste er vom Velo steigen – wegen starken Schmerzen und weil er trotz guter Form sein Tempo nicht mehr halten konnte. «Das war ein moralischer Tiefpunkt.»
«Was sind schon zwei Monate auf eine Karriere hinaus gesehen?»
Patrick Müller
Seit Januar wusste das Mitglied des RV Wetzikon, dass nur eine Operation hilft. Er habe deshalb ein Stück weit auch auf diesen Moment «geplangt», sagt Müller. Zusammen mit den Verantwortlichen seiner Mannschaft Vital Concept suchte der Neoprofi einen guten Zeitpunkt für den Eingriff. Man einigte sich auf Ende April.
Damit kann er nach seiner Zwangspause heuer nochmals ins Renngeschehen eingreifen. Und für ihn ganz wichtig: So konnte er bei den Frühjahrsklassikern zahlreiche Erfahrungen sammeln.
Auftrieb dank Schutz
Genau darauf hatte Müller gehofft, der die letzten drei Jahre vor dem Wechsel zu Vital Concept im Nachwuchsteam von BMC verbracht hatte. Sein neuer Arbeitgeber – ein ehrgeiziger Rennstall, der innert drei Jahren in die World Tour aufsteigen will – brachte dem Ustermer von Anfang viel Vertrauen entgegen.
Schon in seinem allerersten Rennen der Saison (Grand Prix Cycliste la Marseillaise) war Müller ein sogenannt «geschützter Fahrer». Das verhalf ihm innerhalb des Teams zu Privilegien. Und hatte auf mentaler Ebene positive Folgen. «Es gab mir Auftrieb.»
Das geschenkte Vertrauen dürfte Müller, der als Fahrer mit viel Tempohärte (Rouleur) und Qualitäten am Berg gilt, zurückbezahlt haben. Der grossgewachsene Sportler (1,92) absolvierte mehrere Rennen auf höchster Stufe. Und zwar nicht einfach als staunender «Grünschnabel» – er hinterliess auch seine Spuren.
Ein Platten zur Unzeit
Etwa bei der Flèche Wallone. Da fuhr er in einer Ausreissergruppe fast 150 km an der Spitze, ehe der Sattel seines Velos brach und er aufgeben musste.
Oder an der Flandernrundfahrt, dem populärsten Eintagesrennen Belgiens, das zudem zu den fünf Radsportmonumenten zählt. Müller war der einzige seiner Mannschaft, der das Ziel erreichte. Hätte er nicht in der Schlussphase einen Platten eingefangen, wäre er noch weiter vorne gelandet als auf Platz 71.
«Eine gewaltige Sache»
Müller gerät beim Erzählen über die Flandernrundfahrt ins Schwärmen. Für ihn waren diese sechseinhalb Stunden und 264,7 km im Sattel «eine gewaltige Sache».
Was seine Auftritte insgesamt gesehen betrifft, gibt er sich selbstkritisch. «Ab und zu war ich sehr zufrieden. Dann aber gab es auch wieder Rennen, die enttäuschend verliefen.»
Obwohl er erst 22 Jahre alt ist, wirkt Müller sehr überlegt und scheint frei von Träumereien. Er macht immer wieder klar: Es gibt für ihn noch viel zu lernen.
Über die Flèche Wallone sagt er etwa: «Man muss realistisch bleiben. Ich hätte das Rennen auch ohne Defekt nicht gewonnen.» Und er findet, weil er von Ende Januar an fast pausenlos im Einsatz stand (14 Rennen), habe ihm die Zeit gefehlt, die Erlebnisse einzuordnen.
Das wird er jetzt nachholen. Müller sieht die Pause nicht als Bruch in der Saison, sondern als Chance. Er wird den Sommer nützen, um seinen BMS-Abschluss zu machen. Etwas Abstand zum Radsport werde ihm sicher gut tun, seine Energiespeicher zu füllen, glaubt er. Müller denkt sowieso langfristig.
«Was sind schon zwei Monate auf eine Karriere hinaus gesehen?», fragt er. Wohl auch im Wissen, dass er den Moment speziell geniessen wird, wenn er zurück auf dem Velo ist.
