Gilles Roulin hat viele Ideen
Die Weltcup-Saison ist zwar bereits seit Mitte März fertig, Gilles Roulin aber verlängerte seinen Rennwinter freiwillig. An vier verschiedenen nationalen Meisterschaften (Slowenien, Deutschland, Österreich, Schweiz) startete er danach noch, streute zudem ein Fis-Rennen ein.
Primär, um weitere Riesenslaloms zu fahren, da er zuvor nicht so häufig dazu gekommen war. «Es war mir wichtig, das noch zu tun», sagt der Grüninger, der mittelfristig in der Basisdisziplin den Anschluss an die Weltspitze schaffen will.
Die Extraschlaufe nach dem Weltcup-Ende passt zu ihm, dem akribischen und fleissigen Arbeiter, der eher dazu neigt, zu viel zu tun. Sicher läuft er nicht Gefahr, sich zu früh zurückzulehnen.
Seit Montag ist aber auch für den Oberländer die Saison endgültig vorbei. Sie endete, wie sie im Herbst beim Weltcup-Auftakt in Sölden begonnen hatte – mit einem wegen Wind abgesagten Rennen.
Dass die Riesenslalom-SM ausfiel, nahm Roulin mit einem Schulterzucken hin. Denn er hatte schon nach der Super-G-SM am Freitag vor einer Woche und seinem 11. Platz realisiert – jetzt ist der Tank leer.
Das Lob von höchster Stelle
Erstaunen kann das nicht, führt man sich sein dichtes Programm vor Augen. Auf drei verschiedenen Kontinenten war der bald 24-Jährige, der zugleich an einer Fernuniversität studiert, im letzten Halbjahr unterwegs. 33 Rennen standen schliesslich auf seinem Konto.
Roulin absolvierte seinen ersten ganzen Winter auf höchster Stufe. Der «Grünschnabel» aber war nicht einfach nur dabei, sondern nistete sich sofort mitten in der Weltelite ein und gehörte zu den positiven Überraschungen im Schweizer Team.
Lob erhielt der Allrounder dafür beispielsweise von höchster Stelle. Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann sagte in einem Interview mit der «NZZ», er habe Freude daran, dass Junge nachstossen. «Als Beispiel greife ich Gilles Roulin heraus, der den Übergang vom Europa – in den Weltcup vollzogen hat.»
«Das ist ein guter erster Schritt. Jetzt aber muss ich mich beweisen.»
Gilles Roulin
Und zwar nahtlos. Roulin legte eine eindrückliche Konstanz an den Tag. Der Europacupsieger der Saison 2016/17 klassierte sich in der Abfahrt und im Super-G (insgesamt 15 Rennen) immer in den Weltcup-Punkten. «Extrem cool», sei das, sagt Roulin und spricht in diesem Zusammenhang von einem Ausrufezeichen.
Sein persönliches Highlight: In der Abfahrt von Gröden raste er auf Platz vier – nur 15 Hundertstel fehlten aufs Podest. In der technisch anspruchsvollsten Passage war er gar schneller als Sieger Aksel Lund Svindal.
«Ein guter erster Schritt»
All das ist kein Grund für ihn, die Bodenhaftung zu verlieren. Natürlich ist er mit der letzten Saison zufrieden. Er hatte zwar auch die eine oder andere Enttäuschung zu verarbeiten. Wie beispielsweise die Olympischen Spiele in Südkorea, über die Roulin nach Rang 33 in der Abfahrt sowie Platz 21 im Super-G sagt: «Daran hatte ich zu beissen.»
Vorwiegend aber bescherte ihm sein erstes Jahr im Weltcup viele positive Gefühle. Schon der Einstieg glückte ihm vorzüglich. Der 12. Platz in der Abfahrt von Lake Louise (CAN) zeigte ihm sofort, dass er in dieser Liga mithalten kann.
Danach etablierte sich Roulin im Eilzugstempo in den Top 30 der Speed-Disziplinen. «Das ist ein guter erster Schritt», sagt er. «Jetzt aber muss ich mich bestätigen.»
Ignorieren hilft
Noch ist er nicht dazu gekommen, eine detaillierte Analyse der Saison durchzuführen. Roulin aber hat schon viele Ideen im Kopf, was er anpacken will. Zwei Beispiele pickt er heraus.
Neben dem Rennstart («Er war jeweils eine Katastrophe») möchte er sein Zeitmanagement verbessern. Bei diesem habe er Fehler gemacht, sagt der Grüninger offen, der weiterhin Sportkarriere und Studium parallel vorwärts treibt. Etwa unterschätzt, wie viel Zeit die Medienarbeit einnehmen würde.
Welches Bild die Medien von ihm in der Öffentlichkeit vermittelten, hat er kaum mitbekommen. Roulin liest keine Artikel über sich. Das hat seinen Grund.
«Es war mir wichtig, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ich will unbeschwert bleiben.» Es ist ein Punkt, der ihm auch zukünftig helfen soll. Denn Roulin ist sich bewusst, dass sein starkes erstes Weltcup-Jahr Erwartungen weckt – bei Trainern, aber auch in der Öffentlichkeit.
Er will sich davon nicht unter Druck setzen lassen, fordert stattdessen, man müsse realistisch bleiben.
Angst muss man in diesem Bereich um ihn keine haben. Der «Rennhund», wie ihn die Trainer nennen, ist entschlossen, einfach seinen Weg der kleinen Schritte weiter zu gehen. Es ist ein Weg, hinter dem viel Arbeit steckt.
Roulin tankt denn im Moment auch gar nicht irgendwo an der Sonne Kraft. Seit Dienstag weilt er im schwedischen Are – für ausgiebige Materialtests.
