Von allen gejagt
Die steigenden Temperaturen freuen nicht nur Hobbysportler oder Freizeitgärtner. Auch Personen, die beruflich ständig draussen sind, zeigen sich davon angetan, dass der Frühling Einzug gehalten hat.
Wie etwa Ruderprofi Jeannine Gmelin. Der Ustermerin macht die Kälte generell zwar nichts aus. Aber auch die Skifferin, die mit Ausnahme eines zweiwöchigen Abstechers nach Portugal in der Winterzeit ihr Boot immer auf dem Sarnersee bewegte, spricht davon, die wärmende Sonne habe ihre Stimmung verbessert.
Die Sonne macht nicht nur die zahlreichen Trainingseinheiten auf dem Wasser angenehmer, sondern deutet auch daraufhin, dass bald Rennen anstehen. Endlich, kann man sagen. Gmelin ist zwar jemand, der sich gerne schindet. Sie mag die Herausforderung, die die Monotonie der langen Vorbereitung mit sich bringt.
Logischerweise aber liebt sie auch die Wettkämpfe. Auf die Verbands-Trials in Italien ab Donnerstag freut sich die Weltmeisterin im Einer jedenfalls. «Sie sind für mich eine Standortbestimmung, zeigen mir, wo ich physisch und technisch stehe.»
Konstanz als höchstes Gut
Seit Monaten bereitet sich Gmelin auf die neue Saison vor, deren Höhepunkt die Weltmeisterschaften in Bulgarien (9. bis 16. September) sind. Intensiv, wie man sich das von Ruderern gewöhnt ist. An sechs Tagen pro Woche spult sie für gewöhnlich je drei Einheiten ab. Daran hat sich gegenüber der letzten Saison nichts geändert.
Die Trainingsquantität zu erhöhen ist allerdings auch kaum mehr möglich. Gefragt sind deshalb Optimierungen – in allen möglichen Bereichen. Gmelin sagt: «Man muss immer und immer wieder überprüfen: Was kann ich besser machen?»
Zentral aber ist für sie vor allem, in ihrem Ruderalltag eine Konstanz auf hohem Niveau hinzubekommen – sowohl im physischen wie auch im mentalen Bereich.
Das ist ihr bisher gelungen. Gmelin spricht von einem «Topwinter», der zudem ohne körperliche Beschwerden oder gar Verletzungen über die Bühne ging. Die angesprochene Konstanz soll ihr dabei helfen, sich weiter steigern zu können.
Das muss sie aus ihrer Sicht zwingend tun. «Was 2017 reichte, um Weltmeisterin zu werden, reicht in diesem Jahr nicht mehr. Das ist ein Fakt.»
Respekt vor der neuen Rolle
Es ist ein Ansporn für Gmelin, die 2017 trotz dem verletzungsbedingten Verpassen der EM nichts weniger als eine Traumsaison hinlegte. Die Athletin des RC Uster war immer die Schnellste – egal ob auf nationaler oder internationaler Ebene, egal ob im Vorlauf, Halbfinal oder Final.
All ihre Rennen entschied die 27-Jährige für sich, die Anfang Oktober mit dem Gewinn des Weltmeistertitels im Einer sogar Sportgeschichte schrieb. Als erste Schweizerin überhaupt gewann sie WM-Gold in einer olympischen Ruder-Disziplin.
Gmelins Rolle hat sich dadurch grundlegend geändert. Aus der nur 1.71 m grossen Herausforderin, die von manchen Konkurrentinnen um 20 Zentimeter überragt wird, was ihnen dank längeren Beinen und Armen eine bessere Hebelwirkung verschafft, ist die Gejagte geworden.
«Man muss immer und immer wieder überprüfen: Was kann ich besser machen?»
Jeannine Gmelin
Gmelin steigt der veränderten Ausgangslage wegen denn auch mit viel Respekt in die Saison, die ein weiterer Zwischenschritt auf ihrem Weg zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio markiert.
«Es war in allen Aspekten ein aussergewöhnliches Jahr», sagt sie über 2017. «Ich weiss, dass es schwierig sein wird, es zu toppen. Vielleicht muss ich auch lernen, mit weniger zufrieden sein.»
Keine Siege auf sicher
Gmelins letzter Satz ist keinesfalls ein Zeichen dafür, dass sie ihre Vormachtstellung im Frauen-Einer – das Favoritenfeld dürfte in etwa gleich aussehen wie im Vorjahr – freiwillig abgeben wird. Er ist viel mehr Ausdruck davon, wie fest sie weiterhin mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Weitere Siege erachtet die Ustermerin keinesfalls als Selbstverständlichkeit.
Wie sich die Saison auch immer entwickelt – Gmelin will sich nicht verrückt machen lassen. Es ist allerdings auch schwer vorstellbar, wie man die sehr reflektiert wirkende Sportlerin aus der Balance bringen sollte. Sie ist an einem Punkt der Karriere angelangt, in der sie mit viel Selbstvertrauen und Erfahrung unterwegs ist.
Unter Nationaltrainer Robin Dowell hat die Ruderin gelernt, eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen. Gmelin sagt, sie schaffe es noch besser, im Moment zu leben.
So denkt sie in der eintönigen Vorbereitungszeit nicht etwa daran, wie viele weitere harte Monate Training vor ihr liegen. «Das würde mich erdrücken.»
Viel mehr konzentriert Gmelin sich auf kleine Schritte, kann aus banal erscheinenden Dingen Motivation ziehen.
Plötzlich im Scheinwerferlicht
Und ihr Fernziel, die olympischen Spiele? Sind im Hinterkopf präsent, haben auf ihren Alltag aber keinen Einfluss. Dieser erfuhr nach dem WM-Titel eine zusätzliche Komponente – Gmelin stand plötzlich in der Öffentlichkeit.
Sie war beim Superzehnkampf der Schweizer Sporthilfe dabei. Und zu Gast in der SRF-Sendung von Kurt Aeschbacher. Gmelin sagt dazu: «Das hat mir alles grossen Spass gemacht, aber wenn diese Phase wieder etwas abflaut, kommt mir das entgegen.»
Aus praktischem Grund. Dann ist ihre Planung wieder einfacher. Der Weltcup (Start am 1. Juni) und die EM in Glasgow (1. bis 5. August) sind für sie nur Zwischenschritte für die WM. Was hat sie sich dafür vorgenommen?
Die Ustermerin findet, ein englischer Satz drücke ihre Empfindungen im Zusammenhang mit dem Saisonhöhepunkt am besten aus. «Once can happen, twice is better.» Was frei übersetzt etwa heisst: «Einmal kann passieren, zweimal ist besser.»
