Wenn der Wikinger auf den Luchs trifft
Würde es tatsächlich einen Wettanbieter geben, der Zweitliga-Eishockey im Programm führt, wäre beim Tippen der Finalpaarung kaum Geld zu verdienen gewesen. EHC Dürnten Vikings gegen SC Rheintal heisst sie. Es sind die Qualifikationssieger der beiden Ostschweizer Gruppen und somit logische Finalisten.
Zugleich ist es ein Duell zwischen zwei Sprintern, denn beide Mannschaften legten den Weg in den Final im Höchsttempo zurück und reihten in ihren jeweils drei Serien neun Siege aneinander.
Trotz Parallelen scheint die Rollenverteilung vor der am Dienstag in Bäretswil beginnenden Finalserie (best of 5) klar. Die noch ungeschlagenen Rheintaler gelten dank ihrer bisher makellosen Saison als Favoriten.
Er habe keine Mühe mit dieser Einschätzung, sagt Christian Thiemeyer, der zusammen mit Claudio Petrini die Vikings führt. «Doch man muss das, was auf dem Papier steht, auch aufs Eis bringen. Wir sind überzeugt, den Coup schaffen zu können.»
Der Dämpfer als Ansporn
Die nötige Erfahrung und auch spielerische Klasse hat der Oberländer Zweitligist mit Sicherheit, kann doch die im Kern seit Jahren unveränderte Mannschaft auf viele Erfolge verweisen. Viermal hintereinander schlossen die Dürnten Vikings die Qualifikation auf dem ersten Platz ab. 2015 und 2016 krönten sie sich danach zum Zweitligameister der Ostschweiz.
2017 war zwar für einmal im Halbfinal Endstation. Der Dämpfer könnte aber auch eine positive Wirkung gehabt haben. Er dürfte den Ehrgeiz der Spieler verstärkt haben, nochmals alles für einen dritten Titelgewinn zu machen. Nur eine einzige Niederlage gab es in der Meisterschaft – in einer Overtime notabene.
Thiemeyer sagt: «Wir haben hart dafür gearbeitet, um Erfolg haben zu können.» Stürmer Alain Deubelbeiss war sich derweil schon vor der Saison sicher: «Das Potenzial für den Titel ist vorhanden.»
Die vielen Opfer der Rheintaler
Das ist es zweifelsohne. Der Vorstoss in den Final ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von Playoff-Auftritten, mit denen Thiemeyer «grundsätzlich zufrieden» ist.
Im Halbfinal gegen Luzern machten sich die Vikings jedoch bisweilen das Leben selber unnötig schwer, verspielten mehrfach Führungen – darunter ein 5:1.
«Die Mannschaft hat aber bewiesen, dass sie genug Qualität und Routine hat, um das wegstecken zu können», sagt Thiemeyer.
«Man muss das, was auf dem Papier steht, auch aufs Eis bringen.»
Vikings-Trainer Christian Thiemeyer
Wenn da nur nicht dieser in Widnau spielende SC Rheintal im Weg stehen würde. Das Team von Trainer Roger Nater liefert eine Saison ab, die die eigenen Erwartungen bei weitem übertrifft. Das Gefühl einer Niederlage? Kennen die Rheintaler nicht.
Bisher haben sie noch jeden Gegner aus dem Weg geräumt, ob in der Vorbereitung, dem Schweizer Cup oder der Meisterschaft. 36 Spiele, 36 Siege lautet die perfekte Bilanz.
Das ist imposant, wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, in einer Erfolgsphase konzentriert zu bleiben und dem Schlendrian die Türe vor der Nase zuzuhauen.
Zu den prominentesten Opfern der «Luchse» – eine aggressiv wirkende Wildkatze ziert das Klublogo – gehören im Schweizer Cup neben dem zwei Klassen höher in der MSL beheimateten EHC Chur auch die Erstligisten Arosa und Wil.
Die Dürntner massen sich ebenfalls mit den Rheintalern. In ihrem ersten Vorbereitungsspiel und nach nur wenigen Eistrainings. Die Aussagekraft der 6:8-Niederlage ist deswegen beschränkt.
Ein Auge auf die Holensteins
Was man über den SC Rheintal ganz allgemein sagen kann: Er spielt schnell, sehr physisch und hat mehrere Stürmer in den Reihen, die Partien im Alleingang entscheiden können.
Die Gebrüder Manuel und Damian Holen-stein beispielsweise, die in der Qualifikation zusammen 51 Tore und 73 Assists produzierten und so auf deutlich über 100 Skorerpunkte kamen.
«Diese Spieler muss man natürlich im Auge behalten», sagt Christian Thiemeyer. Ansonsten zeigt sich der Vikings-Trainer von den statistischen Werten der St. Galler unbeeindruckt. Von den zahlreichen Kantersiegen oder den durchschnittlich neun Toren pro Spiel etwa, die die «Luchse» in der Qualifikation erzielten.
Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass die Rheintaler nicht immer gefordert wurden, mutmasst Thiemeyer. Im Halbfinal gegen Küsnacht endete für den Zweitliga-Überflieger die sorgenfreie Zeit sowieso, zweimal musste er beissen.
Thiemeyer sieht seine Mannschaft jedenfalls auf Augenhöhe mit dem Gegner. Die Vikings wollen sich nicht etwa auf den Gegner ausrichten und destruktiv auftreten. Sie werden versuchen, ihren eigenen Plan umzusetzen, um den Partien den Stempel aufzudrücken.
Unter besonderem Druck steht keines der Teams. Die Dürntner wollen nicht in die 1. Liga. Die Rheintaler ihrerseits profitieren von diesem Verzicht. Sie haben ihr Hauptziel – den Aufstieg – schon vor dem ersten Finalspiel auf sicher.
Das Duell der Klassenbesten ist damit keinen Hauch weniger interessant. Vielleicht steigt kurzfristig ja doch noch ein Wettanbieter ein.
