Der Gipfel ist in Sicht
Es mag eigenartig tönen, entspricht aber den Tatsachen. Der EHC Wetzikon hat dieses Jahr alle seine Spiele für sich entschieden, führt in der Finalserie (best of 5) gegen den EHC Arosa 2:0 – und hat trotzdem bis jetzt nichts gewonnen.
Denn der Erstligist braucht noch immer einen weiteren Sieg, um den Ostschweizer Meistertitel feiern zu können.
Vor dem dritten Final am Dienstag mag manch einer nach den Wetziker Höhenflügen in den letzten Monaten denken: Wer 16 Siege (Qualifikation und Playoffs) aneinander reiht, ist auch in der Lage, einen weiteren Erfolg einzufahren.
Dem ist wenig entgegenzusetzen. In den Playoffs wird in solchen Momenten aber gerne eine Floskel hervorgekramt, die da heisst: Der letzte Sieg ist immer der schwierigste.
Verwendbar ist der Satz dabei für beide Seiten. Die Wetziker können so der Euphorie entgegen treten, die schnell einmal in Übermut abdriften kann. Für die Aroser ist damit die Hoffnung verknüpft, mit einem Sieg in Wetzikon die Finalserie um mindestens eine Partie verlängern zu können.
Genau das aber wollen die Oberländer nicht, wie Roger Keller klar macht. Der EHCW-Trainer wünscht sich, dass seine Mannschaft gleich die erste Chance zum Titelgewinn nutzt. Keller hat Grund, zuversichtlich zu sein, schliesslich läuft alles reibungslos. Zumindest fast alles. «Ich bin ein wenig heiser, aber solange es weiter nichts ist.»
Probleme mit Nervenkostüm
Kellers gute Laune ist nachvollziehbar. Qualifikationssieger Wetzikon hat in vielen Bereichen Vorteile. Vor allem auf mentaler Ebene. Es ist ein um Welten besseres Gefühl, mit einer 2:0-Führung in der Hand zuhause die Möglichkeit zu haben, den Titel zu gewinnen als mit dem Rücken zur Wand versuchen, das Saisonende abzuwenden.
Im Heimspiel am Samstag hatte der EHC Arosa die Vorteile zuerst zwar auf seiner Seite. Er verlegte sich danach aber ob der kleinlichen Regelauslegung des Schiedsrichters statt aufs spielen immer mehr aufs reklamieren und verlor nach dem umstrittenen Wetziker Ausgleich zum 2:2 komplett die Übersicht.
Um das Nervenkostüm der Bündner scheint es jedenfalls nicht zum Besten bestellt. Dabei gibt es – wenn man nur die Powerplaymöglichkeiten zählt – kaum Grund zur Klage. Der EHCW agierte bislang 20-mal in Überzahl, die Aroser 18-mal.
Bitter für den EHC Arosa sind allerdings seine personellen Sorgen. Vor allem die Verteidigungsreihen haben sich gelichtet. Und es fallen auch im Sturm und ganz hinten zentrale Spieler aus. So muss Arosa-Trainer Marc Haueter neben Captain Reto Amstutz nun auch auf Goalie Andrin Kunz verzichten. Dieser erlitt im zweiten Finalspiel einen Bänderriss.
«Wir müssen besser und fokussierter starten.»
EHCW-Trainer Roger Keller
Anders sieht die Grosswetterlage in Wetzikon aus. Der breit aufgestellte EHCW kann sogar hoffen, dass am Dienstag Timon Vesely und Joshua Blasbalg zurück an Bord sind. Die Wetziker sind vollgepumpt mit Selbstvertrauen und sie wissen, dass sie die spielerisch bessere Mannschaft sind.
Das hart erkämpfte 4:2 in Arosa hat den Oberländern einmal mehr die Gewissheit gegeben, selbst aus schwierigen Situationen einen Ausweg zu finden. Ein Kaltstart (0:2 nach acht Minuten), ein stärkerer Gegner als im ersten Finalspiel, reichlich Zeit in Unterzahl und lange viele Unpässlichkeiten im eigenen Auftritt testeten die Widerstandsfähigkeit des Teams.
Kellers logische Forderung
Im Hinblick auf die dritte Partie gilt es für die Wetziker, die richtigen Schlüsse aus den bisherigen Finals zu ziehen. Was dabei auffällt: Zweimal missriet der Start, gerieten sie in Rückstand, was ihnen eigentlich Warnung genug sein sollte. Nicht jede Schieflage ist korrigierbar. Und vor allem braucht es jedes Mal Kraft, Defizite abzutragen.
Kellers Forderung an seine Mannschaft ist deswegen naheliegend: «Wir müssen besser und fokussierter starten.»
Daneben müssen die Wetziker versuchen, den Fokus auf ihrer Leistung zu halten. Auch dann, wenn sich die Spieler durch den Schiedsrichter benachteiligt fühlen. Für das dritte Duell mit Arosa ist Kellers Botschaft gleich wie sie im Schanfigg beim frühen Time-Out (8.) war: «Nicht auf Mätzchen des Gegners einlassen. Keine Diskussionen mit dem Schiedsrichter. Auf die eigene Leistung konzentrieren, Geduld haben.»
Beherzigt der EHCW all diese Punkte, braucht es Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass er bei seinem Gipfelsturm noch scheitert. Auch wenn man davon ausgeht, dass die Floskel vom schwierigen letzten Sieg einen Funken Wahrheit in sich trägt.
Liveticker vom Spiel EHC Wetzikon gegen EHC Arosa auf www.zueriost.ch.
