Nichts weniger als ein Traumfinal
Die Frage taucht mit fortschreitender Dauer der Playoffs zwangsläufig auf: Wer hat einen Vorteil? Die Mannschaft, die nach einer kurzen Serie sofort wieder die Beine hochlagern kann oder jene, die die maximale Anzahl der Spiele absolvieren musste? Offensichtlich ist nur: Eine abschliessende Antwort kann man nicht geben, denn je nach Sichtweise lässt sich beides als Pluspunkt auslegen.
Auf die Erstliga-Finalisten Wetzikon und Arosa umgemünzt heisst das: Die Wetziker warten seit letztem Donnerstag auf ihren Gegner, sind entsprechend ausgeruht und ihr Energiespeicher ist voll.
Dafür kann der EHC Arosa, der sich gegen Bellinzona erst mit einem Kraftakt in die «Belle» vom Dienstag rettete und diese dann 3:2 gewann, für sich reklamieren, im Spielrhythmus zu sein und mit einer Extraportion Euphorie antreten zu können.
Arosa habe sich zuletzt einen Riesenglauben erarbeitet, sagt Roger Keller. Der EHCW-Trainer hat die Halbfinal-Partien vier und fünf zwischen Bellinzona und Arosa im Livestream verfolgt. Intensive Spiele hat Keller dabei gesehen und er hofft, dass die Aroser allenfalls ihre Kraftreserven anzapfen müssen, wenn es seiner Mannschaft gelingt, ein sehr hohes Tempo anzuschlagen.
«Vielleicht bringt unsere Frische etwas», sagt er, gibt zugleich aber zu bedenken: «Wir müssen erst den Tritt wieder finden.»
Alles andere als klare Verhältnisse
Klar ist für Keller vor dem ersten von maximal fünf Spielen sowieso: «Es wird eine offene Serie.» Eine auch, die aufgrund der Protagonisten Erwartungen weckt.
Ohne anderen Erstligisten in der Ostschweiz zu nahe treten zu wollen – Wetzikon gegen Arosa ist der Traumfinal. Es ist das Duell zweier Traditionsvereine, die von zahlreichen lautstarken Fans unterstützt werden. Zuhause und auswärts, was auf Amateurstufe eine Ausnahme ist.
Es sind zudem zwei Klubs, die einst Spuren auf nationaler Ebene hinterliessen. Im Fall der Wetziker sind diese nicht ganz so gross wie jene der Aroser und in der NLB zu finden. Zwischen 1980 und 1985 spielten die Oberländer in der zweithöchsten Liga.
«Am Schluss will jeder, der im Final steht, einfach gewinnen.»
EHCW-Trainer Roger Keller
Die Bündner ihrerseits brillierten in der Vergangenheit auf höchster Ebene, sind neunfacher Schweizer Meister und besitzen auch heute noch einen klingenden Namen im Schweizer Eishockey. Der Klub aus dem Schanfigg will denn auch auf eine grössere Bühne zurück und strebt – in einem ersten Schritt – den Sprung in die MSL an. Ambitionen auf die höchste Amateurliga pflegen die Wetziker momentan keine.
So können sie in dem am Donnerstag beginnenden Final – anders als der Gegner – ohne jeden Druck aufspielen. Trainer Keller glaubt allerdings nicht, dass die unterschiedlichen Ansprüche der Klubs ein Faktor sind. «Arosa konnte zuletzt den Druck ja gut ausblenden. Am Schluss will jeder, der im Final steht, einfach gewinnen.»
Zurück in den alten Kalender
«Gewinnen» ist im Fall des EHCW ein gutes Stichwort. Insgesamt 14 Siege – Qualifikation und Playoffs zusammengerechnet – haben die Wetziker zuletzt aneinandergereiht. Das ist zweifelsohne eine eindrückliche Bilanz. Wer die letzte Niederlage des Oberländer Erstligisten im Kalender finden möchte, muss bis ins 2017 zurück blättern. Am 20. Dezember verlor er in Grüsch gegen Prättigau – seither sind die Wetziker nicht mehr zu stoppen.
Sowohl die Pikes Oberthurgau in den Viertelfinals als auch der EC Wil in der Runde darauf hatten dem Qualifikationssieger nichts entgegen zu setzen. «Die Mannschaft musste nie über die Grenze gehen, um zu gewinnen», zieht Keller eine Zwischenbilanz der bisherigen Playoff-Auftritte. Was ihn besonders zuversichtlich stimmt: «Wir haben noch immer viel Luft nach oben.»
Auch wenn man sich im EHCW bewusst ist, dass es wieder Niederlagen geben wird, dürfte das Selbstvertrauen – im übertragenen Sinn – mittlerweile weit über die Baumgrenze reichen. Da passt es doch ganz gut ins Bild, wenn Keller sagt: «Jetzt wollen wir den nächsten Gipfel erreichen.»
Eine vorgezeichnete Route dafür gibt es nicht, ein Spaziergang dürfte es erst recht nicht werden.
Der EHCW hat zwei der drei Duelle in der Qualifikation für sich entschieden. Die spielerisch und läuferisch starken Mannschaften weisen indes viele Parallelen auf. Sie sind ausgeglichen besetzt, verfügen über zahlreiche starke Einzelakteure, treten kompakt auf und haben ihre Widerstandsfähigkeit mehrfach bewiesen.
Welches also sind die entscheidenden Faktoren? Keller verzichtet auf eine längere Aufzählung, führt nur einen einzigen Punkt ins Feld. Eishockey sei ein Spiel von Fehlern, leitet er seine Erklärung ein. «Von diesen müssen wir ganz einfach weniger als der Gegner machen.»
