Wie Usters Handballer zu den Red Dragons wurden
Eigentlich wollten die Erstliga-Handballer des TV Uster in der Finalrunde ja wie im Vorjahr ein gewichtiges Wort um die beiden NLB-Aufstiegsrundenplätze mitreden. Nur: Davon sind sie weit entfernt. Alle vier Partien in der Gruppe 1 gingen bisher verloren.
Unabhängig davon herrscht trotzdem Aufbruchstimmung bei den Red Dragons, wie der Ustermer Klub seit dieser Saison sämtliche Teams offiziell nennt. Der Grund dafür ist aber nicht einzig eine modernere Namensbezeichnung, sondern die generelle Neupositionierung.
Als Zugpferd dafür dient Iwan Ursic. Der frühere Schweizer Nationalspieler läuft zwar bereits seit drei Jahren für den TVU auf, er wurde seither aber verstärkt im Verein eingespannt. So amtet er mittlerweile als Leiter Technik Nachwuchs, um die Jung-Handballer und die Trainer des TVU besser zu machen.
Gleichzeitig hat Ursic die Aufgabe, das neu kreierte Label Red Dragons über die Region hinaus bekannter zu machen. «Wir wollen weg vom Turnhallen-«Groove» in die Moderne», sagt der 1,92 Meter grosse Ausnahme-Handballer, der auch mit 41 Jahren als spielender Assistenztrainer der ersten Mannschaft noch Stabilität auf dem Feld verleiht.
Dragons und Lagoons
Doch was hat es eigentlich mit diesem roten Ustermer Drachen auf sich? «Die Idee entstand an einem späten Abend nach einem Training unter den Spielern der ersten Mannschaft», sagt Sportchef Rolf Schärer. Das Erstliga-Team hatte die doch eher drögen Überziehwesten statt, besorgte sich deshalb schickere blaue sowie rote Trainingstrikots und gab den in den besagten Farben auflaufenden Teams trendige Übernamen.
«Die Idee entstand an einem späten Abend nach einem Training unter den Spielern der ersten Mannschaft.»
Rolf Schärer, Sportchef TV Uster
«Die Idee entstand an einem späten Abend nach einem Training unter den Spielern der ersten Mannschaft.»
Rolf Schärer, Sportchef TV Uster
So forderten sich schon bald die Red Dragons und die Blue Lagoons in der Buchholz-Halle. «Dadurch ist gleich eine Eigendynamik entstanden. Und weil die Red Dragons lautstärker auftraten und zumeist auch besser in den Trainingsspielen waren, setzte sich erstere Bezeichnung schnell durch», sagt TVU-Spieler Gianluca Schaub und lacht.
Weshalb die Ustermer aber ausgerechnet zu roten Drachen und nicht zu Löwen oder Tigern mutierten, kann selbst der 23-Jährige, der innerhalb des Teams zu den initiativen Kräften zählt, nicht schlüssig erklären. Vielleicht musste es ganz einfach ein Fabelwesen mit Einschüchterungspotenzial sein.
Selbst kreiertes Logo
Wie auch immer: Die Motivation innerhalb des Teams war geweckt. TVU-Spieler Kenny Tan kreierte ein modernes Logo mit einem fauchenden Drachen.
Und bereits Ende 2015 wurde die eigene Facebook-Seite Red Dragons Uster initiiert, die seither weitaus mehr als nur Matchberichte publiziert. Impressionen vom Training, das obligate Siegerbild aus der Kabine, ein Gewinnspiel in dem das Unterarm-Tattoo dem jeweiligen Spieler zugeordnet werden muss oder ein verwackeltes Video vom Spaziergang vor der anstehenden Auswärtspartie inklusive träfen Sprüchen.
Die Ustermer Handballer bedienen geschickt die Klaviatur der sozialen Medien. Und ihr Tun stiess gleich auf Resonanz: Denn mit ihrer frechen Vorgehensweise hatten sie schnell mehr Likes als die eigentliche offizielle Facebook-Site des Vereins. Zum gesamten attraktiveren Erscheinungsbild passt, dass die Red Dragons längst auch auf der insbesondere bei den Jungen angesagten Foto- und Video-Sharing-App Instagram präsent sind und auf dieser Plattform Inhalte teilen.
Die Sorge um den Namen
Natürlich gab es innerhalb des TVU auch kritische Stimmen zum neuen Auftritt – von Mitgliedern, die sich beispielsweise um den Namen des TV Uster sorgten.
Auffällig ist des Weiteren, dass bisher ausschliesslich die erste Mannschaft in den sozialen Medien als Red Dragons auftritt – und somit die Frauen-Teams und der gesamte Juniorenbereich aussen vor ist. «Es ist sicher ein Punkt, der beispielsweise im Rahmen der GV besprochen werden könnte», findet auch TVU-Rückraumspieler Schaub.
Friends statt Gönner
Den Vorstand konnten die Ustermer Spieler aber schon überzeugen. Dieser nutzte den Aktionismus gleich für eine Neupositionierung und erschuf für den Nachwuchs – die Red Dragons Youngsters – eine Art Marketingprogramm. Darin werden aus den Gönnern sogenannte Friends. 111, 333, 1111 oder 5555 Franken steuern diese abgestuft bei und erhalten dafür dem Betrag entsprechend verschiedene Gegenleistungen vom Verein.
Laut Sportchef Schärer trugen die Aktivitäten bereits erste Früchte. «Einen grossen und mehrere mittlere Sponsoren konnten wir gewinnen», sagt er.
Mittelfristig in die NLB
Ähnlich wie bei Schärer klingt es auch beim nicht zuletzt aufgrund der Ustermer Vorwärtsstrategie in einem 50-Prozent-Pensum angestellten Ursic. «Wir sind sportlich gut unterwegs. Und vor allem bei den Kleineren haben wir regen Zulauf», sagt der Nachwuchsverantwortliche.
«Wir sind sportlich gut unterwegs. Und vor allem bei den Kleineren haben wir regen Zulauf.»
Iwan Ursic, Leiter Technik Nachwuchs TV Uster
«Wir sind sportlich gut unterwegs. Und vor allem bei den Kleineren haben wir regen Zulauf.»
Iwan Ursic, Leiter Technik Nachwuchs TV Uster
Das bestätigen die aktuellen Zahlen. Die U19 und die U13 spielen in der zweithöchsten Leistungsstufe Inter, während die U15 den Sprung dahin jüngst nur knapp verpasste. Und bei den Mädchen sind die U14-Juniorinnen sogar im Elite-Kreis der schweizweit besten acht Teams.
Sowieso ist die Blickrichtung klar, auch wenn die Ustermer Erstliga-Handballer derzeit in der Finalrunde noch Lehrgeld bezahlen. «Der Verein gehört mittelfristig wieder in die NLB», sagt Ursic. Zuletzt spielte er vor 18 Jahren auf dieser Stufe.
Nachgefragt mit Marco Ellenberger, Leiter Kommunikation Schweizer Handball-Verband
«Es ist normal, dass man mit Widerständen konfrontiert ist»
Der TV Uster nennt seit dieser Saison alle Teams Red Dragons. Solche Bezeichnungen sind im Unihockey und im Eishockey weit verbreitet – im Handball aber doch eher die Ausnahme. Weil Handball als eher klassische Sportart gilt?
Marco Ellenberger: Ich glaube nicht, dass das damit zu tun hat. Ich glaube eher, dass die «Amerikanisierung» dieser Begriffe beispielsweise im Eishockey mit der NHL als Vorbild einfach weiter verbreitet ist. Es ist ja auch nicht so, dass es im Handball keine solche Begriffe gäbe. Denken wir an die Spono Eagles, an Yellow Winterthur oder auch an Wacker Thun.
Der TVU will sein Erscheinungsbild auffrischen und weg von Turnhallen-«Groove». Kann da ein modernerer Name helfen?
Es ist für die Entwicklung des Handballs tatsächlich enorm wichtig, vom Turnhallen-«Groove» wegzukommen. Ich denke, dass da ein moderner Name im Rahmen einer Gesamtstrategie helfen kann. Es ist aber sicher nicht so, dass für diese Entwicklung eine Namensänderung zwingend ist. Es führen viele verschiedene Wege zum Ziel.
Was hat der Verband in diesem Zusammenhang für Erfahrungen gemacht?
Wir haben beispielsweise unsere nationale Frauenliga vor einigen Jahren für die Vermarktung umbenannt und neu positioniert. Die Tatsache, dass wir einen Titelsponsor gefunden haben, zeigt, dass dieser Weg richtig und erfolgreich war. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass es Geduld und Beharrlichkeit braucht, um einen neuen Begriff im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Und sei es nur, dass Medien den neuen Namen ebenfalls mittragen und nicht aus Gewohnheit bei der alten Bezeichnung bleiben.
Kennen sie auch Beispiele, die nicht die gewünschte Wirkung erzielten?
Aus unserem Umfeld ist mir kein Beispiel bekannt. Im Eishockey gab es zuletzt den Fall der Kloten Flyers – der Verein nennt sich wieder EHC Kloten, weil der neue Name vom Umfeld und von den Anhängern nie wirklich angenommen wurde. Das ist sicher ein Punkt, der bei der Erarbeitung einer neuen Positionierung eines Vereins zu beachten ist.
Ein modernerer Name und Ex-Nationalspieler Iwan Ursic als Zugpferd sind ja schön und gut. Was braucht es ihres Erachtens damit der ganze Aktionismus auch nachhaltig ist?
Das wichtigste ist das Bewusstsein, dass so eine Umbenennung und Neuausrichtung nicht nach einer Saison abgeschlossen ist. Das ist ein langfristiges Projekt, und es ist ganz normal, dass man in so einem Prozess mit Widerständen konfrontiert wird. Darum ist es umso entscheidender, den eingeschlagenen Weg mit Überzeugung zu gehen. (dsc)
