Alles beginnt bei null
Wer nicht vergessen kann, hat schlechte Chancen. Zu dicht folgen die Partien aufeinander. Nur das hier und jetzt zählt in den Playoffs.
Deren Reiz ist unbestritten – für Spieler und Fans. Doch sie sind ein zweischneidiges Schwert. So wie der Aussenseiter über sich hinauswachsen und den Favoriten stürzen kann, läuft ein Team eben auch Gefahr, seine Saison mit einem frühen Playoff-Out zu ruinieren.
Noch letzte Saison konnte sich Erstligist EHC Wetzikon in der K.o.-Phase immerhin für eine missglückte Qualifikation (7.) rehabilitieren. Vor den am Dienstag beginnenden Playoffs ist die Ausgangslage für ihn komplett anders.
Das Team von Roger Keller reitet auf einer Erfolgswelle. Es reihte acht Siege aneinander, feierte den Qualifikationssieg und nimmt die Viertelfinals (Best-of-5) gegen die Pikes Oberthurgau als klarer Favorit in Angriff. Alles andere als ein souveränes Weiterkommen wäre eine Enttäuschung.
«Die Pikes sind in derselben Situation wie wir damals», ist sich Keller bewusst. «Sie haben nichts mehr zu verlieren. Darauf müssen wir vorbereitet sein.»
Mit der Feile gegen Defizite
Die Wetziker starten mit dem Heimvorteil in die Viertelfinals. Dem Auftaktspiel kommt eine wegweisende Bedeutung zu. «Wer bei einer Best-of-5-Serie das erste Spiel verliert, steht schon mit dem Rücken zur Wand», sagt Keller. «Es braucht von Anfang an Herz und Leidenschaft. Und wir müssen cool bleiben, sollte es nicht sofort so laufen, wie wir uns das vorstellen.»
Neben dem nötigen Selbstvertrauen hat der Oberländer Erstligist auch die Gewissheit, dazu fähig zu sein. Mehr als einmal hat der EHCW heuer bewiesen, dass er über die spielerische Klasse und mentale Robustheit verfügt, aus schwierigen Situationen zurück zu finden.
Ein Beispiel dafür: Den Spitzenkampf gegen Frauenfeld gewann der EHCW 5:4, obwohl er 0:3 zurück lag und kurz vor Schluss das 4:4 kassierte.
«Erst was jetzt kommt definitiert den Erfolg der Saison.»
EHCW-Trainer Roger Keller
Keller führt die erhöhte Widerstandsfähigkeit, die für Playoff-Erfolge unabdingbar ist, auf den starken Willen der Mannschaft zurück, an ihren Schwachstellen zu feilen. So nehmen die Wetziker wesentlich weniger Strafen als noch im Jahr zuvor. «Und die Mannschaft hat gelernt, in Druckphasen des Gegners ruhig zu bleiben.»
Innerhalb des Teams werde sehr viel gesprochen, jeder Spieler sei offen für Kritik, sagt der Trainer. Er ist sich aber auch bewusst: «Im Erfolg ist es natürlich einfacher, mit Kritik umzugehen.»
Erfolge bringen Ruhe
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Wetziker eine so sorgenfreie Saison mit 20 Siegen in 27 Spielen erleben und damit liebäugeln können, in den Playoffs weit vorzustossen.
Nicht nur das Gesicht der Ostgruppe hat sich durch die neu eingeführte MSL stark verändert. Elf Spieler kamen und gingen vor der Saison beim EHCW. Auch deshalb hielt man die Erwartungen bewusst tief und sprach davon, dass man sich erst finden müsse.
Von einer längeren Angewöhnungsphase war aber nichts zu sehen. Das spielstarke Team punktete von Anfang an regelmässig. «Das brachte viel Ruhe und Sicherheit», sagt Keller.
Schlechter als auf Rang vier waren die Wetziker, die in jedem Fall auf einen Aufstieg in die MSL verzichten, gar nie klassiert. Und nachdem sich der EHCW in der ersten Meisterschaftshälfte bisweilen mit dem Toreschiessen schwer tat, zeigte sich das Keller-Team danach deutlich verbessert sprich effizienter. Einzig Frauenfeld traf häufiger als die Wetziker.
«Jeder ist ein Jahr älter geworden», sieht Sportchef Daniel Steiner einen der Erfolgsgaranten. «Und wir haben eine schöne Breite im Kader.» In der Offensive lässt sich diese Aussage anhand der Skorerliste unterstreichen. Hinter Topstürmer Kevin Eggimann mit seinen 17 Toren und 23 Vorlagen reihen sich 13 Spieler ein, die zehn oder mehr Punkte erzielt haben.
Der EHCW zählt nicht auf einige wenige starke Einzelspieler wie die Pikes, bei denen Stürmer Andreas Ambühl in der letzten Partie viermal traf. Stattdessen setzt er auf das Kollektiv.
Bei den Wetzikern stimmt zudem die Balance zwischen Offensive und Defensive. Kein Team kassierte weniger Tore als die Wetziker. Das ist auch ein Verdienst der soliden Goalies Yannik Peter und Odin Neuenschwander. Letzterer bestritt rund zwei Drittel der Partien und steht auch gegen die Pikes im Tor.
Ein Besitz, der wenig nützt
Die Thurgauer haben diese Saison enttäuscht. Mitte November kam es zum Trainerwechsel. Anstelle von Daniel Herlea hat seither Christian Strasser die Führung inne. Der ganz grosse Aufschwung aber blieb aus. Nur knapp schaffte das defensiv schwächste Team der Gruppe den Sprung über den Trennstrich.
In den Playoffs sehen sich die Pikes zwar als Aussenseiter. Sie verkünden auf ihrer Facebook-Seite dennoch selbstbewusst: Kein Team sei ein unüberwindbares Hindernis.
Die Zahlen sagen etwas anderes. In den zwölf Partien gegen die Top-Vier-Teams gab es für die Pikes nur zwei Siege. Die Wetziker wiederum setzten sich in der Qualifikation dreimal gegen sie durch.
Nur: Kaufen können sie sich davon nichts. Wie auch nach dem Qualifikationssieg nicht. «Erst was jetzt kommt definiert den Erfolg der Saison», sagt Keller. «Aber wir wissen zumindest, was wir drauf haben.» Für alles andere aber gilt ab sofort: Vergessen ist ein Teil der Erfolgsformel.
