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Roulin hat den Tag X im Visier

Mit Gilles Roulin hat keiner gerechnet, nicht einmal er selbst wagte vor der Saison, an die Olympischen Spiele zu denken. Doch der Grüninger fand im Weltcup sofort den Tritt. Jetzt steht die Schweizer Überraschung des Winters vor dem grössten Rennen seiner Karriere.

Gilles Roulin steht vor dem bisherigen Karrierehöhepunkt. (Foto: Keystone)

Roulin hat den Tag X im Visier

Die Eckwerte der Olympia-Abfahrtsstrecke in Jeongseon sind schnell aufgezählt. 2857 m lang ist sie. Der Start liegt auf 1370 m Höhe, das Ziel auf 545 m. Wenn man ausschliesslich das Höhenprofil betrachtet, ist das fast so, als ob man vom Schnebelhorn nach Wetzikon runterbrausen würde. Die für eine Abfahrt geforderte Mindest-Höhendifferenz von 800 m wird nur knapp erreicht.

Rund 40 Autominuten von Pyeongchang entfernt und inmitten dicht bewaldeter Hügelketten liegt Jeongseon. Hier finden alle Speed-Rennen statt. 50’000 Bäume mussten am Olympia-Berg für die Abfahrtsstrecke weichen.

Den «Magic Tree» jedoch, der mitten auf der Ideallinie steht, verschonte man. Wegen seiner besonderen Bedeutung für die Einheimischen. Unter ihm hätten Frauen jeweils eine Nacht verbracht, wenn sie Mühe hatten, schwanger zu werden, erzählten sie Pistenbauer Bernhard Russi. Der liess daraufhin die Strecke um den Baum herum bauen, weil er es «eine wunderbare Geschichte» fand.

20 Rennen hier, 249 da

Eine wunderbare Geschichte – diese Aussage passt auch perfekt zu Gilles Roulin, der in Südkorea seine Olympia-Premiere feiert. Dass der junge Grüninger überhaupt für eine Selektion in Frage kommen würde, hätte vor Beginn des Winters kaum einer für möglich gehalten. Der 23-Jährige ist ein Weltcup-Grünschnabel. Ein Neuling, der sich nach dem Aufstieg aus dem Europacup erst beweisen muss.

 

Roulins Erfahrungsschatz auf höchsten Niveau ist überschaubar. 20 Weltcup-Rennen bestritt er bisher. Das sind rund zwölf Mal weniger als der Bündner Carlo Janka (249). Und nicht einmal ein Drittel der 66 Rennen von Mauro Caviezel, dem Mann mit den zweitwenigsten Weltcup-Einsätzen der Schweizer Speedfahrer an Olympia.

Ein bis zwei Jahre dauert es für gewöhnlich, bis man sich ans Weltcup-Niveau herangetastet hat, heisst es.

Und Roulin selbst glaubte vor der Saison: «Der Schritt ist gross, ja riesig.» Über eine Olympia-Teilnahme wollte er gar nicht erst nachdenken.  «Es wäre ein Bonus, die Erfüllung eines Traums.»

Gelassen in die Ausscheidung

Seit Dienstag ist Roulin nun in Jeongseon, wo er sich sogleich vor den Olympischen Ringen ablichten liess. «Kein schlechtes Gefühl, so viel ist sicher», schrieb er dazu auf Facebook. Am Donnerstag steht das erste von drei Abfahrtstrainings an, am Sonntag (03:00 Uhr MEZ) dann das Rennen.

Roulin ist also nahe dran, den Bonus einzulösen. Am Ziel aber ist er nicht. Der Oberländer muss die interne Ausscheidung überstehen.

Andere könnte das ins Grübeln bringen. Roulin hingegen nicht. Der von den Trainern als akribischer und fokussierter Arbeiter charakterisierte Grüninger bleibt so, wie er immer wirkt: sehr überlegt und absolut gelassen.

«Logisch wäre es mir lieber, müsste ich keine Qualifikation fahren», gibt er zu. «Es nützt mir aber nichts, wenn ich mir den Kopf darüber zerbreche.»

 

 

Swiss-Ski hat Carlo Janka nach dessen Kreuzbandriss an die Spiele mitgenommen, obwohl der Bündner diese Saison kein einziges Weltcup-Resultat vorweisen kann. Das hat den Konkurrenzkampf verschärft. Fünf Fahrer stechen in der Abfahrt um drei freie Plätze, gesetzt ist einzig Beat Feuz.

Dieser teilt sich den Servicemann mit Roulin. Er könne viel profitieren von ihm, sagt der Grüninger über den Berner, der zu den Topfavoriten auf den Sieg in der Königsdisziplin zählt.

Der Olympia-Neuling macht sich derweil berechtigte Hoffnungen, sowohl im Super-G als auch in der Abfahrt einen der Schweizer Plätze zu ergattern. Von Roulin, der sich im Training jeweils schrittweise an eine Strecke herantastet und sich im Rennen deutlich steigern kann, ist aufgrund der Ausgangslage ein Umdenken gefragt.

Der von seinen Trainern «Rennhund» genannte Oberländer muss schneller auf Betriebstemperatur kommen, um für das Rennen vor dem Rennen bereit zu sein.

Ob ihm das gelingt? «Ich bin gespannt.»

Das Gespür für die Piste

Mit der Strecke in Jeongseon, die viele Bodenwellen aufweist und vier Sprünge, hat er sich noch überhaupt nicht beschäftigt. Sie gilt als technisch anspruchsvoll, aber nicht furchteinflössend. Dafür fehlt das Gefälle, bleibt die Geschwindigkeit zu tief.

Angst wie beispielsweise beim Klassiker in Kitzbühel müssen die Fahrer vor keiner Stelle haben. Der Italiener Christof Innerhofer schimpfte 2016 nach den Weltcup-Rennen auf der Olympia-Strecke, sie sei zu langweilig. Andere wie der damalige Abfahrts-Sieger Kjetil Jansrud zeigten sich hingegen angetan.

«Nicht so schwierig, ein bisschen kürzer, langsamer, aber ein brutal schönes Gefühl», lautete Jansruds Fazit.

 

«Erst wenn der Druck abfällt, merkt man, wie gross die Belastung war.»

Gilles Roulin

 

Roulin packt die Aufgabe unvoreingenommen an. Er hat darauf verzichtet, sich bei Teamkollegen zu erkunden, wie sie die Abfahrt in Erinnerung haben. Die Schneeverhältnisse und die Kurssetzung sind sowieso anders. Zudem bringen ihn Rückmeldungen anderer generell nicht entscheidend weiter.

Roulin ist einer, der jede Piste und deren Eigenheiten selber spüren muss. «Das ist für mich wichtig.»

Doppelbelastung fällt weg

Lange hat es der Speed-Spezialist vermieden, darüber nachzudenken, was ihn in Asien erwartet. «Nervös zu sein braucht viel Energie», begründet er. Bisher ist das Ganze sowieso nicht real gewesen. Kurz vor dem Abflug schaltete er den Verdrängungsmodus im Hirn aber aus. «Denn jetzt geht es los.»

Roulin ist guter Dinge. Zuletzt hat er eine knappe Woche durchschnaufen können. Die Energiespeicher sind dadurch geladen, auch im Kopf ist er wieder frei. Mit seinen letzten Rennen war der Grüninger nicht mehr zufrieden, die nötige Frische fehlte ihm. «Ich musste meinem Programm Tribut zollen.»

Nicht nur der dichte Rennkalender forderte ihn, sondern auch, dass sich der Student auf Zwischenprüfungen vorbereiten musste. Die hat er jetzt hinter sich. «Erst wenn der Druck von einem abfällt, merkt man, wie gross die Belastung war.»

Vorerst kann sich Roulin uneingeschränkt aufs Skifahren konzentrieren. Er wird versuchen, die Zeit in Südkorea zu geniessen, möglichst viel von der Olympia-Atmosphäre aufzusaugen. Auch wenn dieser Punkt für einen ehrgeizigen Spitzensportler nicht an erster Stelle kommt.

Die interne Qualifikation zu überstehen hat für ihn oberste Priorität. Kann er dann tatsächlich in der Abfahrt starten, ist es nicht weniger als das grösste Rennen seiner Karriere.

 

 

Sofort in der «Liga» etabliert

Was dabei möglich ist? Roulin mag darüber nicht spekulieren. Er sagt das, was ein professioneller Athlet in einer solchen Situation eben sagt: «Ich will am Tag X meine bestmögliche Leistung abrufen.»

Der Europacup-Sieger der Saison 2016/17 kann in Südkorea ohne jeglichen Druck antreten. Die Last liegt auf anderen Schultern. Für ihn geht es darum, weitere Erfahrungen zu sammeln.

Unabhängig vom Olympia-Abschneiden ist sein erster Winter auf höchster Ebene sowieso eine Erfolgsgeschichte. Die Grundlage dafür legte er beim Saisonauftakt in Lake Louise. Zwölfter wurde Roulin da in der Abfahrt. Und hatte so die Gewissheit: «Ich kann in dieser Liga mithalten.»

Danach legte der 23-Jährige, der im technischen Bereich grosse Fortschritte gemacht hat, eine erstaunliche Konstanz an den Tag. Er fuhr in allen Abfahrten in die Top 30. In Val Gardena fehlten ihm als Vierter gar nur 15 Hundertstel aufs Podest.

Verändert hat ihn der überraschende Aufstieg nicht. Roulin  denkt weiterhin in kleinen Schritten. Den Anspruch, möglichst schnell im Ziel zu sein, hat er nur im Rennen.   

 

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