Sutter auf neuer Flughöhe
Es war ein Slopestyle-Parcours ganz nach dem Geschmack von Gian Sutter. Einer, der eine schöne Länge aufwies und mit seinen drei Kickern (Schanzen) und zwei Rails (Geländern) auch den Anforderungen für einen Weltcup-Wettkampf entsprochen hätte.
Die Verhältnisse also waren gut am Dienstag beim Europacup im französischen Vars. Die Leistung des jungen Pfäffikers ebenfalls. Sutter triumphierte im 58-köpfigen Starterfeld.
Es war sein zweiter Europacupsieg innerhalb der letzten zehn Tage, denn der 18-Jährige hatte schon den Slopestyle-Wettkampf im slowakischen Jasna für sich entschieden. Davor aber hatte der Oberländer auf zweithöchster Elite-Stufe noch nie das Podest erreicht. In 17 Europacup-Einsätzen fuhr er aber immerhin insgesamt achtmal in die Top Ten.
Eine logische Folge
Schwebt Sutter nach seinen zwei Siegen jetzt im siebten Himmel? Mitnichten. Der Freestyle-Allrounder, der an der Disziplin Slopestyle am meisten Spass hat, weil er in jedem Wettkampf seine Runs neu zusammenstellen kann, ist die Gelassenheit in Person.
Natürlich sei es speziell, dass es gleich zweimal zum Sieg gereicht habe, sagt er. Besonders überrascht ist er davon gleichwohl nicht. «Ich weiss: Wenn ich meine Läufe sauber runter bringe, reicht es mir nach vorne.»
Mit den Erfolgen im Rucksack kann Sutter, der als sehr trainingsfleissiger und überlegter Fahrer beschrieben wird, dem Rest der Saison gelassen entgegenblicken. Und was im Hinblick auf den nächsten Winter wichtig ist: Er hat sich eine gute Grundlage geschaffen, um auf die höchste Stufe zu gelangen.
Nach vier von sieben Slopestyle-Wettbewerben führt er im Europacup die Disziplinen-Wertung an. Ist er am Schluss in den Top drei klassiert, erhält er einen persönlichen Weltcup-Startplatz zugesprochen.
Ein bisschen Spass muss sein
Das sind verlockende Aussichten. Doch trotz der guten Ausgangslage hat sich weder Sutters Erwartungshaltung noch seine Einstellung verändert. «Ich will auch zukünftig nicht taktieren, sondern möglichst immer das perfekt runterbringen, was ich kann.»
Der Oberländer ist sowieso kein Fahrer, der auf einzelne Wettkämpfe fixiert ist oder ganz verbissen ein bestimmtes übergeordnetes Ziel wie etwa den Sprung in den Weltcup oder die Teilnahme an Olympischen Spielen anstrebt.
Sein Ansatz ist simpler und deutlich offener gefasst. Sutter versucht, ein immer besserer Snowboarder zu werden, will schauen, wie weit er damit kommt. «Ich brauche auch den Spass, eine gewisse Lockerheit. Sonst würde es nicht klappen», ist er überzeugt.
100 Versuche sind nötig
Klar ist aber auch: Die Freestyle-Szene entwickelt sich rasant. Das Wetteifern um immer schwierigere Tricks geht pausenlos weiter. Auch für Sutter heisst das, er muss seine Flugeinlagen nicht nur festigen, sondern sein Trickrepertoire auch immerzu vergrössern.
So arbeitet er derzeit daran, an den Double Cork 1080 (zwei Saltos und drei Schrauben) noch eine halbe Drehung anzuhängen. Im Big-Air-Wettkampf beim Europacup in Vars wagte er den Sprung in der Qualifikation, musste bei der Landung aber in den Schnee greifen.
«Es braucht Zeit», sagt Sutter dazu. Eine Faustregel besagt, dass man rund 100 Versuche braucht, um einen Trick sicher zu stehen. Sutter ist ein eher vorsichtiger Fahrer, der findet, es sei auch eine Frage des Mutes, einen neuen Trick an einem Wettkampf auszupacken.
«Ich muss spüren, dass es geht.» Seine überlegte Herangehensweise dürfte dazu beigetragen haben, dass er in den letzten zweieinhalb Jahren nie schwerer verletzt war. Zu seinem Glück.
Der Plan ist, sich fitzumachen
Dass der B-Kader-Athlet (offiziell Challenger) letzte Saison häufig mit Fahrern aus dem A-Kader oder der Nationalmannschaf trainieren konnte, hat ihn fahrerisch weitergebracht. Doch auch in der aktuellen Konstellation und unter dem neuen Trainer Remo Thaler fühlt sich Sutter wohl. Er gehört der Trainingsgruppe 2 an, in der neben
B-Kader-Athleten auch jüngere Snowboarder stehen, die an der Schwelle zum Elite-Bereich sind sowie Fahrer aus dem Nationalteam und dem A-Kader, die keine Weltcup-Plätze inne haben.
Schon am Sonntag geht für Sutter die Europacup-Reise weiter. In Crans-Montana steht ein Big-Air-Wettbewerb auf dem Programm. Im März und April hat der Pfäffiker dann nochmals dreimal die Möglichkeit, sich auf zweithöchster Stufe im Slopestyle zu beweisen. Sutter sieht den Europacup als gute Möglichkeit, sich fit zu machen für den nächsten Schritt. «Es wäre cool, mehr im Weltcup zu fahren», sagt der 18-Jährige, der bisher viermal auf höchster Stufe Erfahrungen sammeln konnte. Zuletzt vor rund einem Jahr in Laax.
Der Weg ist bestimmt
Neben der Chance, sich das Ticket über die Gesamtwertung im Europacup zu sichern, würde für Sutters Pläne auch ein Aufstieg ins A-Kader helfen. In die Kader-Selektion miteinbezogen wird dabei auch die Punkteliste der World Snowboard Tour – eine Art Weltrangliste pro Disziplin. Ein Platz in den Top 50 ist nötig.
Nach den jüngsten Erfolgen hat er in der Slopestyle-Wertung einen Sprung (plus 14 Plätze) auf Rang 47 gemacht. Und er sagt: «Wenn es weiter so gut läuft, bin ich zuversichtlich.»
Sutter ist aktuell also auf Kurs. Unabhängig vom weiteren Verlauf der Saison hat er auch einen richtungsweisenden Entscheid gefällt. Nach den Maturaprüfungen im Frühling am Sportgymnasium in Engelberg schlägt der Oberländer ein neues Kapitel auf. Eines, auf das er sich mindestens ebenso freut wie über einen interessanten Slopestyle-Parcours im Europacup. «Im nächsten Winter setzte ich voll aufs Snowboarden.»
