Durch die Hintertüre auf die Showbühne
Es ist ein leiser Abgang. Und der letzte Wettkampf an der WM 2016 in Stuttgart lange zurück. «Der Entscheid ist schon damals gereift», sagt Yannick Martens. Seinen Rücktritt vom Wettkampfsport machte der Hadliker in der Folge aber gar nicht öffentlich. Die führenden Funktionäre im Verband und die Nationaltrainerin orientierte er per E-Mail. Die Antworten auf seine Nachricht erfolgten eher unterkühlt oder blieben sogar gänzlich aus.
Wer nach einer Nachricht auf der Verbandsseite forstet, der sucht vergebens. Es ist verwunderlich und irgendwie doch nicht. Verwunderlich weil Martens als WM-Bronzemedaillengewinner (2012 und 2016), fünffacher Schweizer Elite-Meister und Punkte-Rekordhalter (192,20) sowie dreimaliger Gewinner des UCI World Rankings im Einer-Kunstradfahren über ein beachtliches Palmarès verfügt. Und damit auch die entsprechende Würdigung verdiente hätte. Ein möglicher Nachfolger ist weit und breit nicht in Sicht.
Dauerfehde mit dem Verband
Die schlichte Nichtbeachtung ist aber auch nicht verwunderlich, weil die Familie Martens mit der Fachkommission Hallenradsport von Swiss Cycling in der Vergangenheit des Öftern im Clinch lag. Insbesondere Vater und Förderer Hermann, selbst sechsfacher WM-Medaillengewinner, eckte bei den Funktionären an. Stellvertretend dafür steht eine kleine Episode im Vorfeld der WM 2012, für die Yannick Martens ein Trainingstrikot erhielt. «Ich bat um fünf Shirts, vier davon musste ich aus dem eigenen Sack bezahlen», sagt er.
«Ich bat um fünf Shirts, vier davon musste ich aus dem eigenen Sack bezahlen»
Aufgrund der fehlenden Unterstützung von Seiten des Verbands nabelten sich die Martens schon früh ab und engagierten eine Privattrainerin für Yannick. Den Zusammenzügen mit dem Nationalteam blieb er fern. Negativer Höhepunkt war schliesslich im Sommer 2015 die Beschimpfung eines Jurors von Vater und Sohn bei einem internationalen Wettkampf in Hohenems (AUT), die eine Sperre für beide zur Folge hatte, und die Yannick Martens beinahe eine WM-Teilnahme kostete. Er erstritt sich diese schliesslich vor dem Verbandssportgericht.
Die Martens sahen sich vor dem besagten Zwischenfall ungerecht bewertet – wie schon so oft. An seiner letzten Weltmeisterschaft in Stuttgart, erreichte der Oberländer zwar wie erhofft den dritten Platz. Der vor ihm klassierte Deutsche erhielt von den Richtern aber trotz eines Sturzes mehr Punkte. Die Bewertung löste bei ihm nur ungläubiges Kopfschütteln aus.
Auftritte in der ganzen Welt
Solche wiederkehrende Urteile der Entscheidungsträger sind ein Mitgrund weshalb Martens künftig keine Wettkämpfe mehr bestreiten wird. Dazu kommen Aufwand und Ertrag, die trotz einiger Klein-Sponsoren nie in einem Verhältnis standen. Bis zu sechsmal in der Woche trainierte der 24-Jährige, neben seiner Arbeit im Velogeschäft seiner Eltern in Stäfa, in der Vorbereitung zu einer Saison. Für den WM-Exploit gab es aber gerademal eine Medaille und einen Blumenstrauss.
Gemeinsam mit seiner tschechischen Partnerin Nicole Frybortova hat Martens deshalb bereits im Verlaufe des letzten Jahres ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er setzt mit der ebenso zweifachen WM-Bronzemdaillen-Gewinnerin im Einer-Kundstradfahren auf gemeinsame Show-Auftritte. Mit ihrem Programm trat das Paar schon bei den unterschiedlichsten Anlässen auf. Bei einem Scheich in Abu Dhabi, im Rahmen der Slowakei-Rundfahrt oder auch in bescheidener Umgebung bei der Pro Senectute Velogruppe Zimmerberg. «Die Zuschauer sind begeistert.»
Umzug nach Brünn geplant
Es sei ein ganz anderes Publikum als bei den üblichen Wettkämpfen, sagt er. Dort getrauten sich die oft nur wenigen Besucher bei einer schönen Figur kaum zu applaudieren, weil dadurch womöglich die Konzentration des Kunstradfahrers abhanden kommen könnte. Und auch finanziell wirft die eigens kreierte Bike-Show etwas ab. «Es gibt einen schönen Ferienbatzen», betont Martens.
Zur sportlichen Neuorientierung passt auch der anstehende Wohnortswechsel nach Brünn. Noch in diesem Jahr will sich Martens nämlich in der Heimat seiner Freundin, wo er ohnehin schon viel Zeit verbrachte und auch trainierte, definitiv niederlassen. Nebst dem privaten Glück sieht es auch im beruflichen Bereich gut aus. Martens hat einen Job bei einem grossen Verkehrsunternehmen in Aussicht.
