Der Lenker in der «Schänzle-Hölle»
«HSG, HSG, HSG», tönt es immer wieder unaufhörlich von den Rängen. Die Zuschauer auf der Tribüne peitschen die Spieler mit einem Mix aus Schreien, Tröten, Paukenschlägen und Klatschen förmlich nach vorne. Die ganze Halle steht so quasi. Cheerleaderinnen sorgen in den Pausen für optische Reizpunkte. Und der Speaker beschreit jedes Tor der HSG Konstanz, als wäre es das letzte. Es ist ohrenbetäubend laut in der Schänzle-Halle. Fans und Klub nennen sie gerne auch «Schänzle-Hölle».
Wer am Samstag den 31:30-Heimerfolg über den TuSEM Essen miterlebte, der weiss warum. 1350 Zuschauer kamen zur Partie des 2.-Bundesligisten Konstanz und sahen ein dramatisches Spiel.
Und mittendrin war auch der Ustermer Tim Jud. Mit dem Schlusspfiff wirft er das Tor zum vermeintlichen 32:30. Es fällt einige wenige Sekundenbruchteile zu spät. Egal. Es geht sowieso in der ganzen Lärmkulisse unter. Der «Südkurier» titelt später nicht minder euphorisch: «Halle völlig ausgetickt – der Wahnsinn.»
Begeisterung in der Schänzle-Halle beim Sieg über den TuSEM Essen (Quelle: Youtube)
«Wenn meine Kollegen für ein Spiel zu Besuch kommen fragen sie sich als erstes. Was ist denn hier los?» Für Jud ist klar: Wenn je 500 Schweizer und Deutsche in der Halle sind, dann merkt man gleich welches die Deutschen sind. «Es ist wohl eine Mentalitätssache», sagt er.
Zweifellos. Handball hat in Deutschland einen ganzen anderen Stellenwert. Letztes Jahr wurde das Nationalteam zuerst Europameister und holte später Olympia-Bronze. Und diese Begeisterung für den Sport ist nicht nur in der 1. Bundesliga spürbar.
Sogar in der zweithöchsten Liga hat jedes der 20 Klubs den höheren Zuschauerschnitt als der zugkräftigste Schweizer Club (Wacker Thun: 960 Besucher). «Die Liga hat einen Riesenstellenwert», sagt Jud.
Euphorie und Abstiegskampf
Er spielt bereits die dritte Saison am Bodensee – seit seinem Wechsel vom damaligen NLA-Verein Stäfa. Konstanz-Trainer Daniel Eblen kannte Jud bereits von Trainingsspielen gegen den Seeklub. Es war ein eher ungewöhnlicher Transfer, den der Ustermer aber nie bereuen sollte.
Gleich im ersten Jahr gelang ihm mit Konstanz der dort langersehnte Aufstieg in die 2. Bundesliga. «Es war cool den ganzen Aufschwung mitzuerleben», sagt Jud und spricht von einer «mega Euphorie».
Tatsächlich zelebrieren die Badener seither förmlich ihre Rolle als Aussenseiter in der Liga. «Es wird wohl, wie schon in der letzten Saison, ein harter Abstiegskampf bis zum Schluss», sagt er. Bange ist ihm davor aber nicht. «Ich bin überzeugt davon, dass wir es erneut schaffen.»
Bestärken dürfte ihn gerade der jüngste Erfolg über den formstarken TuSEM Essen, der zuvor während sieben Partien ungeschlagen blieb. Für die HSG Konstanz war es der zweite Sieg in Folge – sie ist damit nicht mehr Tabellenletzter. Der Rückstand auf den rettenden 16. Platz beträgt kurz vor Meisterschaftshalbzeit vier Punkte.
In Rücklage befindet sich das Team bereits seit Saisonbeginn. Hinzu kommen arge Verletzungsprobleme: Gegen Essen fehlten nicht weniger als sechs Spieler, darunter der Toptorschütze.
Auch neben dem Feld wichtig
Tim Jud lässt sich davon aber offenbar nicht beirren. Der Ustermer hat sich bei Konstanz zu einem Führungsspieler entwickelt. Nach seiner Ankunft teilte er sich zunächst die Mitteposition mit Matthias Stocker und erhielt sogleich viel Vertrauen vom Trainer.
Routinier Stocker trat zum Ende der letzten Saison zurück und Jud nimmt eine noch wichtigere Rolle im Gefüge ein. In dieses Bild passt auch seine Beförderung in den Mannschaftsrat. Coach Eblen bezeichnet ihn mittlerweile sogar als «seine rechte Hand auf dem Feld». Es ist ein grosses Kompliment für einen gerademal 23-Jährigen.
«Tim ist deutlich torgefährlicher geworden» Daniel Eblen, Trainer HSG Konstanz
Laut dem Cheftrainer ist Jud in Konstanz zu einem kompletteren Handballer geworden. Sprich: Der Spielmacher legte im physischen Bereich zu. Dazu kommen Fortschritte im Abwehrverhalten und in der Offensive. «Tim ist deutlich torgefährlicher geworden», sagt Eblen.
Dies bestätigte sich beim Sieg über Essen ein weiteres Mal, als er mit fünf Treffern der drittbeste Schütze der Mannschaft war. Selbst Jud sagt: «Früher habe ich lieber den Teamkollegen nebenan angespielt, statt selbst das Tor zu erzielen.»
Tim Jud im Videointerview über die Schweiz und Deutschland (Quelle: Youtube)
Baldige Rückkehr in die Schweiz?
Ob er aber das Spiel der Konstanzer über die Saison hinaus weiter lenken wird, steht noch in der Schwebe. Sein Vertrag läuft aus. Im Sommer schliessst Jud sein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen ab. Danach muss der Ustermer nur noch seine Bachelor-Arbeit schreiben. Und damit ist er auch nicht mehr ortsgebunden.
«Ich bin recht offen was mein künftiges Team angeht», sagt er. Gespräche mit den Konstanzer Klubverantwortlichen wurden noch keine geführt. Auch wenn Trainer Eblen weiterhin sehr gerne auf ihn zählen würde. Jud hält auch eine Rückkehr in die Schweiz für nicht ausgeschlossen. «Die nächsten zwei bis drei Monate werden zeigen wohin es geht», sagt er.
