Am Anfang eines steilen Wegs
Nachdem Alina Ring in luftiger Höhe ins Seil gefallen war und wieder sicheren Boden unter den Füssen hatte, erkundigte sie sich als Erstes nicht etwa nach dem Abschneiden ihrer Konkurrentinnen. Ihre Sorge galt ihrer Hündin Ginny, die sie liebevoll umarmte.
«Sie ist krank, deshalb musste ich mich zuerst um sie kümmern», sagte die nun in Schwamendingen wohnende Lindauerin. Dass ihr das Gezeigte an den Schweizermeisterschaften in Uster nichts weniger als die Goldmedaille bescherte, erfuhr sie erst später.
Als Ausdruck mangelnden Ehrgeizes ist die rührende Szene laut der WM-Neunten und ehemaligen Junioren-Europameisterin keinesfalls zu deuten.
«Da geht eine neue Tür auf.»
Alina Ring
«Ich brauchte meine Platzierung nicht sofort zu wissen, weil ich mit meiner Leistung ohnehin zufrieden war», sagte Ring, die es im Final in der vertrauten Umgebung im Griffig, wo sie jeweils mit dem Team Eywy trainiert, in der Wand bis fast nach ganz oben schaffte.
Vor und vor allem während des Kletterns keine Gedanken daran zu verschwenden, worum es gehe, sei genau eines der Dinge, die sie habe lernen müssen. «Zu viel an das Resultat zu denken, hat mich in der Vergangenheit nämlich zu sehr unter Druck gesetzt», sagt Ring.
Verband schafft gute Bedingungen
Auch diese Verbesserung im mentalen Bereich dürfte dazu beigetragen haben, dass die Sportgymnasiastin, die am Freitag 19 Jahre alt wird, von Swiss Climbing als eine von insgesamt neun Athletinnen und Athleten in den «Olympia-Pool 2017–2020» aufgenommen wurde.
Diesen hat der Verband ins Leben gerufen, um für die Sommerspiele in Tokio, wo das Sportklettern erstmals im Programm steht, gerüstet zu sein. «Da geht eine neue Tür auf», sagt Ring und freut sich nicht nur über ihre Berufung, sondern auch über die «ausgezeichneten Bedingungen, welche der Verband nun sicher schaffen wird».
Genau dies gedenke man zu tun, versichert Nationaltrainer Pirmin Scheuber. Die Trainings in dem erlauchten Kreis würden professioneller betreut und die Infrastruktur weiter verbessert. Zudem würden die Sportler finanziell unterstützt, was es ihnen ermögliche, sich noch intensiver dem Klettern zu widmen.
Vorgaben zum Trainingspensum werde es aber keine geben. «Das müssen alle Athleten für sich alleine entscheiden», sagt Scheuber.
Ring, die derzeit rund 20 Stunden ins Training investiert, glaubt nicht, dass sie künftig mehr Aufwand wird betreiben müssen. Wegen Problemen mit den Armen, die sie in der Vergangenheit hatte, wäre dies ohnehin nicht zwingend von Vorteil. «Aber dank der neuen Möglichkeiten werden wir auch alternative Trainingsformen nützen können.»
Späte sieht Pros und Kontras
Noch nicht in vorolympische Euphorie ausgebrochen ist derweil Jara Späte, die ebenfalls zum Pool gehört. Sofern sie dies denn überhaupt will. Auch weil einiges noch unklar sei, hat die Wolfhauserin nämlich über ihre Zukunft nicht abschliessend befunden.
Bevor sie ihre Zusage gebe, wolle sie das bevorstehende Meeting abwarten, an dem über die Einzelheiten des Projekts informiert wird. Schliesslich gebe es neben den Pros auch Kontras, die es nun gegeneinander abzuwägen gelte, so Späte.
«Sollte ich mich für diese grosse Herausforderung entscheiden, so werde ich Vollgas geben.»
Jara Späte
Dass an Olympia die drei Disziplinen Lead, Bouldern und Speed kombiniert würden, weil nur ein Medaillensatz zur Verfügung steht, etwa findet die 20-Jährige gewöhnungsbedürftig. Wovon ihr Entschluss in erster Linie abhängt, kann oder will die einstige Junioren-EM-Dritte, die an der Schweizermeisterschaft in Uster Platz sechs erreichte, indes nicht sagen.
Eines ist für die Oberländerin, die nach abgeschlossener Matura ein Zwischenjahr eingelegt hat und derzeit im englischen Sheffield einen Sprachaufenthalt macht, jedoch klar: «Sollte ich mich für diese grosse Herausforderung entscheiden, so werde ich Vollgas geben.»
Es gibt nur 20 Plätze
Dass selbst dies nicht genug sein könnte und der Weg nach Tokio ähnlich steil ist wie die Wand, die sie jeweils zu erklimmen versucht, dessen ist sich Späte bewusst. Lediglich die besten 20 Athletinnen der Welt werden in Japan dereinst nämlich am Start stehen.
«Ich müsste das Ganze so in Angriff nehmen, dass ich später auch dann zufrieden wäre, wenn es mit der Olympiateilnahme nicht klappt.»
Ähnlich angehen will es Ring, die ihrer Kollegin laut Nationaltrainer Scheuber insofern einen Schritt voraus ist, als dass sie in einer der drei Disziplinen bereits heute zu den Allerbesten zählt.
«Ich kann ja nur gewinnen. Denn profitieren kann ich von den umfassenden Trainingsmassnahmen in jedem Fall», sagt die frischgebackene Schweizermeisterin. (Daniel Hess)
