Der David Alaba aus Nänikon
Es ist eine beachtliche Aussage. «Auf dem Platz sehe ich mich als Aggressivleader», antwortet Kevin Rüegg auf die Frage nach seinen Stärken. Erst vor vier Monaten hat er seinen ersten Profivertrag beim FC Zürich unterschrieben. Rüegg ist 19. Und trotzdem wirken die Worte des Nänikers keineswegs überheblich oder arrogant.
Schneller Aufstieg
Nur 1,73 Meter ist er gross, und 77 Kilogramm schwer. Doch wer vor Rüegg steht, kann sich seine Wucht auf dem Rasen gut vorstellen. «Hart im Zweikampf, gutes Anzipationsvermögen, grosser Einsatz», beschrieb ihn jüngst der «Tages-Anzeiger». Rüeggs schneller Aufstieg beim FCZ ist bemerkenswert. Am Samstag will er mit seinem Team im Zürcher Derby gegen das erstarkte GC das nächste Erfolgskapitel schreiben.
In neun von elf Partien lief Rüegg in seiner ersten Super-League-Saison von Beginn weg auf. Einstweilen beliess ihn Trainer Uli Forte auf der Bank. Aussenstehende fanden den Entscheid des Brüttisellers aufgrund Rüeggs guten Leistungen eher unnötig. «Normale Rotation», sagt Forte. «Kevin ist ein hervorragender, technisch versierter zentraler Mittelfeldspieler. Er ist sehr robust und zweikampfstark», lobt ihn der Coach. «Seine Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.»
Premiere gegen Galatasaray
Bereits im Juli 2016 liess ihn Forte nach dem Abstieg am Uhrencup in Grenchen gegen das grosse Galatasaray Istanbul ein erstes Mal bei den Profis schnuppern. «Ich wurde spontan aufgeboten», sagt Rüegg. Es folgten einzelne Trainings und im Winter das Aufgebot für das Trainingslager in Spanien mit der ersten Mannschaft. «Ich sehe dich im zentralen Mittelfeld», offenbarte ihm dort Forte. Das war eine Überraschung. Immerhin spielte Rüegg in der U-21 des FCZ auf dem Flügel und in den Schweizer Junioren-Auswahlteams als rechter Aussenverteidiger.
Ganz offensichtlich vermochte er Forte schnell von seinen Qualitäten überzeugen. Seine Feuertaufe von Beginn weg erlebte Rüegg nämlich im dritten Spiel der zweiten Saisonhälfte gegen Wohlen an der Seite des damaligen Captains Gilles Yapi. Und schon bald spielte er nicht mehr neben dem Routinier, sondern anstelle von Yapi. Seine Partner auf der «Doppelsechs» heissen mittlerweile Sangoné Sarr oder Victor Pálsson. «Ich habe sofort das Vertrauen gespürt», sagt er.
Zunächst ins Handballtraining
Dass Rüegg überhaupt zum Fussball fand, ist nicht selbstverständlich. Sein Vater schickte ihn als Sechsjähriger zunächst ins Handballtraining. Dort durfte er allerdings nicht mittun – weil er sich die Turnschuhe noch nicht selbst schnüren konnte. Rüegg schloss sich dem FC Greifensee an, von dem er – wie zuvor die benachbarten Zwillingsbrüder Nico und Jan Elvedi – bald zum FCZ weiterzog und gefördert wurde. «Bei uns vor den Wohnblöcken hatte es einen Fussballplatz. Wir waren eigentlich ständig zusammen auf dem Platz», erinnert er sich.
Die Wege der zwei Jahre älteren Elvedis und Rüeggs trennten sich. Im Alter von 15 erhielt er die Möglichkeit ins SFV-Ausbildungszentrum nach Emmen zu ziehen. Rüegg lebte während zwei Jahren bei einer Gastfamilie und holt sich zusätzliche Unterstützung von einem Mentalcoach. «Er hat mir in meiner Entwicklung geholfen, und um mehr Selbstvertrauen zu erlangen», sagt der Näniker.
Ausbildung in Dübendorf
Vor Rückschlägen ist aber auch Rüegg nicht gefeit. Er kämpft er sich lange mit Rückenschmerzen herum. Und als diese endlich abgeklungen sind, wirft ihn ein Innenbandriss im Knie erneut zurück. Trotzdem sagt er: «Ich habe nie an mir gezweifelt.»
Nie vernachlässigt hat Rüegg nebst der sportlichen Karriere die Schule. Im Frühling wird er seine kaufmännische Ausbildung, die er an der United School of Sports in Zürich und auf der Gemeindeverwaltung Dübendorf absolviert, abschliessen.
Ein Bayern-Star als Vorbild
Viel zu lernen gibt es für Rüegg natürlich auch noch im Fussball. «Im taktisch-technischen Bereich kann ich mich bestimmt verbessern», sagt er. Anschauungsunterricht nimmt er sich hierbei gerne von David Alaba – seinem Vorbild. Der österreichische Nationalspieler von Bayern München ist wie Rüegg ein ausgebildeter Aussenverteidiger, wird aber insbesondere im Nationalteam oft im zentralen Mittelfeld eingesetzt. «Er hat einen ähnlichen Spielstil», sagt Rüegg. Vergleichen will er sich mit dem Bayern-Star aber nicht. «Ich bin noch lange nicht da, wo ich möchte», betont er.
Und am Samstag stehen für ihn sowieso die Grasshoppers im Fokus, bei denen mit Petar Pusic, Nedim Bajrami und Cédric Zesiger auch drei Kollegen auflaufen könnten. «Vor dem Spiel ist es meist eher ruhig. Die Sprüche kommen danach – je nach Resultat», sagt Rüegg und schmunzelt.
