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«Ich muss Wege finden, mich weiter zu verbessern»

Jeannine Gmelin hat sich noch nicht daran gewöhnt, Weltmeisterin zu sein. Der neue Status ändert sowieso nichts an der Einstellung, wie die Ustermerin die nächste Saison anpackt. Klar ist, sie wird die Gejagte sein.

Nach der WM ist vor der nächsten Saison: Weltmeisterin Jeannine Gmelin wird im Jahr 2018 die Gejagte sein. (Bild: Keystone)

«Ich muss Wege finden, mich weiter zu verbessern»

Es entspricht überhaupt nicht ihrem Naturell. Für einmal aber sind die Tage von Jeannine Gmelin nicht durchgeplant. Die Ustermerin nimmt sich direkt nach dem Ende der Ruder-WM in den USA in ihren Ferien die Freiheit, sich treiben zu lassen und macht nur, worauf sie Lust hat.

Im Osten von Kanada ist sie momentan unterwegs – zusammen mit zwei weiteren Ruderinnen. Und was in anderen Sportarten wohl kaum denkbar ist: Eine davon ist Skifferin Carling Zeeman, eine ihrer härtesten Konkurrentinnen.

Am vergangenen Sonntag war die Kanadierin Zeeman an den Weltmeisterschaften in Sarasota gemeinsam mit Gmelin im Final. Und hatte wie die restliche Konkurrenz das Nachsehen. Gmelin zeigte im wichtigsten Rennen der Saison eine überragende Leistung. Nachdem sie die Führung übernommen hatte, kontrollierte sie das Geschehen von der Spitze aus souverän.

Allzu viele bewusste Erinnerungen hat sie nicht mehr. Mit einigen Tagen Abstand erzählt Gmelin, vor allem die letzten 30 Schläge hätten sich ihr eingeprägt. «Da wusste ich, jetzt kann mich niemand mehr einholen.»

Eine Bierdusche am Steg

Einige Stunden vor dem Rennen war die Anspannung bei Gmelin deutlich höher als sonst. Trotz erfolgreichen Einsätzen im Vorlauf und Halbfinal fragte die Favoritin auf die Goldmedaille bei ihrem Trainer nach, ob sie Anpassungen vornehmen müsse.

«Mach, was du immer machst», lautete die Antwort von Robin Dowell. «Egal was passiert, ziehe deinen Plan durch.» Die Entschlossenheit in seinem Gesicht zeigte Gmelin – es sind keine weitere Diskussion mehr nötig. «Und er hatte Recht.»

Nach der Zieldurchfahrt ging es für sie Schlag auf Schlag weiter, zum Durchatmen kam sie kaum. Am Steg wurde Gmelin schon erwartet – und mangels Champagnerflasche mit einer Bierdusche begrüsst. «Eine schöne Geste», wie sie sagt. Emotional war auch die Medaillenzeremonie, die stattfand. Im Publikum befanden sich auch wichtige Bezugspersonen von Gmelin – ihre Mutter, Roger Achermann, der Präsident des Ruderclubs Uster sowie dessen Sohn. «Das war ein spezieller Moment.»

Gmelin ringt auch mit einiger Distanz zum Erlebten nach Worten. Es sei schwierig, in Sätze zu verpacken, was sie fühle, sagt sie. Noch findet die Ustermerin es eigenartig, hinter ihrem Namen den Zusatz Weltmeisterin zu sehen.

Und die Profisportlerin ist überzeugt, dass sie für die Verarbeitung der Saison reichlich Zeit brauchen wird. Sie sagt gar, der strenge Teil folge erst jetzt. «Ich bin weder mental noch körperlich wirklich müde, trotzdem aber froh um die Pause.»

Nicht nur Medaillen zählen

Es ist viel passiert im Jahr 2017. Die Olympia-Fünfte von Rio machte einen weiteren grossen Leistungssprung, wurde zur Seriensiegerin – auch wenn sie zwischenzeitlich durch eine schmerzhafte Rippenverletzung gestoppt worden war.

Alle Läufe, die sie heuer bestritt, gewann sie. «Es wurde mir erst nach dem WM-Final bewusst, dass ich eine weisse Weste habe», sagt sie dazu.

Es ist keine Koketterie. Die 27-Jährige definiert sich nicht über Titel, Triumphe und Statistiken. Gmelin spricht stattdessen lieber davon, wie interessant sie den ganzen Entwicklungsprozess findet, in dem sie steckt. Über ihren Ansatz, alles dafür zu tun, um weiter voran zu kommen. Wie prägend all die Erfahrungen dieses Jahres sind – auch für ihr Leben ausserhalb des Bootes. Und sie erzählt, wie glücklich sie das macht, wenn sich andere Personen über ihre Erfolge mitfreuen.

Der Kreis der Gratulanten nach dem WM-Titel war gross. Besonders nahe gegangen sind ihr Rückmeldungen, in denen sie dafür gelobt wird, stets mit vollem Herzen dabei zu sein. «Schön, wenn man das sieht.»

Es ist ihr ein zentrales Anliegen. Auch jetzt, wo Gmelin WM-Gold und damit ihren grössten sportlichen Erfolg feiern konnte, hält sie fest: «Es geht nicht nur um Medaillen.»

Schon vor dem Final hatte sie gesagt: Egal wie das Rennen ausgehe, sie sei mit der Saison sehr happy und freue sich über die Erfahrungen sowie die gute Zusammenarbeit mit Nationaltrainer Dowell. «Diese kann mir niemand mehr nehmen. Sie haben für mich mehr Wert als ein Rang oder eine Medaille.»

Aus den Ferien zum Kick-Off

Klar ist aber auch: Nach dieser Traumsaison wird Gmelin im schweren Einer die Gejagte sein.  Die Ausgangslage hat aus ihrer Sicht keinen Einfluss, denn sie ändert nichts daran, wie Gmelin die kommenden Aufgaben anpackt.

«Es entspricht sowieso nicht meinem Naturell, auf die faule Haut zu liegen. Ich arbeite gerne hart. Und ich muss Wege finden, um mich weiter zu verbessern.»

Ihre Teilnahme an der Head-of-the-Charles-Regatta in Boston von Mitte Oktober – sie wird mit anderen Weltklasse-Skifferinnen in einem Achterboot starten – betrachtet sie als Kickoff zur nächsten Saison. Auch  wenn diese später als üblich beginnt und der Weltcup-Auftakt in Belgrad erst Ende Mai 2018 ist.

Vorerst geniesst Gmelin weiterhin ihre Ferien in Kanada. Zusammen mit der Familie von Ruderkollegin Carling Zeeman wird sie sich in den nächsten Tagen auch auf Elchjagd begeben. Hat die 1,70 m grosse Athletin kein mulmiges Gefühl, wenn sie an Begegnungen mit den bis zu 800 kg schweren Tieren denkt?

Gmelin verneint lachend. Mit einem Blick auf ihre allesamt deutlich grösseren Konkurrentinnen sagt sie: «Erfahrung mit grossen Viechern habe ich ja.»

 

 

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