Tesfay fordert Abraham
Tadesse Abraham ist zum Vorzeige-Strassenläufer der Schweiz gereift. Den Halbmarathon-Europameistertitel errang er letztes Jahr in Amsterdam. Mit dem siebten Rang im Olympia-Marathon von Rio glückte ihm ein noch wertvolleres Resultat. Und am Greifenseelauf weist er ein eindrückliches Palmarès auf: als Tagessieger 2011, 2013 und 2014.
Wenn Abraham aber am Samstag zurückkehrt zu seinem Heimrennen – er startet für den LC Uster und lebte nach seiner Flucht in die Schweiz die ersten Jahre am Greifensee – tut er dies unter ganz speziellen Vorzeichen.
Ums erste Rennen dieses Jahres handelt es sich für den 35-Jährigen. Zusammen hängt dies mit seiner Stressfraktur im Kreuzbein. Im März, während der Vorbereitung auf den London Marathon, zwang ihn diese Verletzung zum Umdisponieren und zum Verzicht auf die prestigeträchtigen 42,195 km durch die britische Hauptstadt.
Um einen Tiefschlag handelte es sich. Abraham aber verstand es rasch, die Zeichen zu deuten und das Aufbauende zu betonen: «Ich verfügte plötzlich über mehr Zeit mit der Familie, konnte meinem Körper eine Erholungspause gönnen und auch mental Abstand gewinnen.» Mittlerweile ist Abraham überzeugt davon, «dass ich stärker aus dieser Verletzungspause zurückkommen werde».
«Fortschritte stellten sich schnell ein»
Im Juni begann er wieder zu laufen. Im Engadin tat er dies und steigerte die Umfänge und die Intensität langsam, aber kontinuierlich. Dabei stellte er erfreut fest, «dass sich die Fortschritte sehr schnell einstellten».
Am 9. August schloss er sich erneut der hochkarätigen Läufergruppe im äthiopischen Hochland an, in der ihn leistungsstarke Partner fordern und der er seine grössten Erfolge mitverdankt.
«Die Verletzung ist Vergangenheit, mittlerweile befinde ich mich voll im Trainingsprozess», sagt Abraham. 180 bis 200 km legt er wöchentlich zurück. Noch am Mittwoch stand in Äthiopien ein 35-km-Longrun auf dem Programm – mit progressiver Tempoentwicklung, anfänglich den Kilometer in 3:20 Minuten, dann in 3:15, am Schluss in 3 Minuten. Am Donnerstagabend flog er Richtung Genf. Am Freitag fährt er mit der Familie nach Uster.
«Endlich wieder ein Rennen», sagt Abraham. Auf das Kribbeln vorher, die Stimmung unterwegs und im Ziel, das Fordernde denkt er. Alles geniessen will er. Und den vollen Nutzen aus dem Herausfordernden ziehen. Denn ausgerichtet ist Abrahams Aufbau auf den New York Marathon von Anfang November in New York.
«Mein erster Major Marathon», sagt er zum grossen Saisonziel, «dort will ich zeigen, was ich kann.» Ein «tolles Laufgefühl vom Greifensee» würde er als nützlich einschätzen und natürlich auch ein gutes Resultat, was bei Abrahams Renommee nichts anderes als der Sieg bedeuten kann.
Auf den Geschmack gekommen
Am ehesten streitig machen dürfte ihm diesen Simon Tesfay – der Mann also, der sich 2004 zusammen mit Abraham vom eritreischen Nationalteam absetzte und in die Schweiz flüchtete. Und um das Heimrennen handelt es sich bei ihm noch viel mehr: Der 32-Jährige lebt noch immer in Uster. Kommt hinzu: Tesfay ist mit seinem Triumph vor zwölf Monaten auf den Geschmack gekommen.
«Der Greifenseelauf war mein Olympia» sagte er damals. Vor dem Hintergrund zu sehen ist die Aussage, dass Tesfay im Gegensatz zu Abraham nicht von einer vorgezogenen Einbürgerung (verheiratet mit einer Schweizerin) hat profitieren können und für ihn die Olympischen Spiele so (noch) kein Thema darstellen konnten.
Motivation und Moral litten
Wichtig ist der Greifenseelauf für Tesfay auch in diesem Jahr. Als Favorit im Duell mit Abraham sieht er sich aber nicht. Diverse Verletzungen (Achilles- und Plantarsehne) warfen ihn in den letzten Monaten immer wieder zurück. Mit dem Training aussetzen, die Umfänge und die Intensitäten anpassen musste er. Die Moral und die Motivation litten darunter.
Seit rund einem Monat aber kann er sich wieder fordern wie gewünscht. Und mit Blick auf den Greifenseelauf sagt Tesfay: «Ich bin gut vorbereitet, wenn auch nicht so gut wie gewünscht, leider.» In der Favoritenrolle sieht er sich nicht. Sich aber «so teuer wie möglich verkaufen» will er dennoch.
Und ein aufbauendes Resultat wäre doppelt wichtig: für seine Selbstsicherheit wie als Referenz für weitere Renneinsätze in diesem Herbst. (Jörg Greb)
Tadesse Abraham in der Poleposition
Bereits zum fünften Mal integriert in den Greifenseelauf ist die Schweizer Meisterschaft im Halbmarathon. Als klarer Favorit auf den Titel bei den Männern gilt Tadesse Abraham. Erste Anwärter auf Silber und Bronze sind der letztjährige SM-Dritte Patrick Wägeli und Michael Ott. Letzterer holte gleichenorts 2012 den Titel.
Spannend präsentiert sich die Ausgangslage bei den Frauen. Laura Hrebec, letztes Jahr EM-Teilnehmerin im Halbmarathon, trifft auf Susanne Rüegger, Michèle Gantner (SM-Dritte 2017 über 10‘000 m) sowie Altmeisterin Sabine Fischer. Als nicht unwesentlichen Vorteil bringt Letztere die Erfahrung eines Greifenseelaufsieges mit an die Startlinie (2012).
Insgesamt werden rund 14’000 Läuferinnen und Läufer im Halbmarathon, 10-km-Rennen, Schnupperlauf und bei den Kinder- und Jugendrennen erwartet. (gre)
