Brand ist auf Sammeltour
Die relevanten Punkte sind in Dany Brands Kopf gespeichert. In allen Details. Abflug? Zwischenlandung? Ankunftszeit in Taiwan? Erstes Training? Letzte Einheit auf der Bahn? Der junge Rütner ist nicht nur in seiner Spezialdisziplin über 400 m Hürden schnell. Er rattert auch alle Eckpunkte seiner «Universiade-Mission» in Taipeh in hohem Tempo herunter. «Man muss organisiert an die Sache heran gehen», begründet er.
Die kleine Begebenheit passt zu Brand. Der 21-Jährige weiss nicht nur, wohin er langfristig als Hürdenläufer will – in den Final der WM 2021. Was ebenso wichtig ist: Brand weiss vor allem auch, wie die einzelnen Etappen auf dem Weg dahin aussehen sollen.
Auf seinem Zettel für 2017: Die U23-EM und die seit Freitag statt findende Universiade. Letzteres ist nach Olympischen Sommerspielen der zweitgrösste Multisport-Anlass der Welt, auch wenn die breite Öffentlichkeit jeweils kaum Notiz davon nimmt.
Der langfristige Plan zählt
Brands Zielstrebigkeit und Konsequenz löst dabei manchmal Erstaunen aus. Wie nach der U23-EM in Polen. Der Hürdenläufer senkte an dieser nicht nur seine persönliche Bestzeit auf 49,14 Sekunden und musste sich im Final einzig vom norwegischen Überflieger Karsten Warholm bezwingen lassen, der mittlerweile auch Elite-Weltmeister geworden ist.
Brand knackte an der U23-EM überraschend auch die Limite für die WM – und verzichtete dennoch auf seine erste Teilnahme an Elite-Weltmeisterschaften. Zugunsten der Universiade.
Das verstanden nicht alle. «Viele trauten mir nicht einmal zu, dass ich diesen Entscheid selbst fällte.» Nach Absprache mit seinem Vater und Trainer Flavio Zberg wohlgemerkt, wie er nachschiebt.
Brands Beweggründe für diesen Schritt sind nachvollziehbar. Und sie zeugen von einer erstaunlichen Reife für einen erst 21-jährigen Athleten. Der Rütner bleibt der langfristigen Planung treu, obwohl er seiner sportlichen Entwicklung vorauseilt. Dass er heuer die WM-Limite unterbieten würde? Damit war nicht zu rechnen gewesen. Und Brand beschloss: Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um erstmals an einer Elite-WM teilzunehmen.
Kurzer Abstecher an die WM
Dennoch reiste der Oberländer einige Tage nach England und genoss während den Wettkämpfen die grossartige Stimmung im Londoner Olympiastadion. «Natürlich wäre es cool gewesen, auf der Bahn zu stehen. Aber ich musste mir hinterher nicht sagen, dass ich meinen Verzicht bereut habe. Mein Ziel ist es, meinen Weg konsequent weiter zu gehen.»
Taiwan ist aus Brands Sicht an seinem Punkt der Karriere der bessere Lernort als London. Denn an der Universiade – den Olympischen Spielen auf Studentenniveau, wie Brand dazu sagt – kann der Hürdenläufer komplett neue Erfahrungen sammeln.
Etwa wie es ist, in einem Athletendorf zu leben statt in einem Hotel wie an einer EM oder WM. Oder wie er auf die lange Anreise, die Zeitumstellung und die Bedingungen in Taiwan reagiert. «Ich habe mit Reisen kaum Erfahrung. Es ist wichtig, auch das zu lernen.»
Nicht die Temperatur, die hohe Luftfeuchtigkeit gibt zu denken
Nicht über die hohen Temperaturen macht er sich übrigens Gedanken – solche ist er sich aus Trainingslagern in Südafrika gewohnt – sondern es ist die hohe Luftfeuchtigkeit, die ihn im Vorfeld beschäftigt. Am Donnerstag vor einer Woche flog Brand Richtung Taiwan ab. Die frühe Anreise sollte ihm helfen, genügend Zeit zu haben, sich zu akklimatisieren, bis er ins Wettkampfgeschehen eingreift.
Neben der Möglichkeit, Abläufe kennen zu lernen, hat Brand logischerweise auch Ambitionen. Nach der bisher überzeugenden Saison hofft er, in der Erfolgsspur zu bleiben. Im Anschluss an die SM in Zürich (21./22. Juli) schaltete er eine Erholungswoche ein. «Danach habe ich viel investiert. Jetzt fühle ich mich nochmals in der Form, die es auch braucht.»
Sein Ziel? Er will in Taipeh dreimal über die 400 m Hürden laufen können. Neben dem Vorlauf steht auch der Halbfinal tags darauf und der Final in seiner Agenda. Auf welche Gegner Brand in Taipeh trifft? Er hat keine Ahnung. Gelassen sagt er: «Ich lass mich überraschen.» Auf alles andere ist er ja vorbereitet.
